# taz.de -- Was es heißt, in Gaza aufzuwachsen: Mit väterlicher Skepsis und mütterlicher Rebellion
       
       > „Muscheln am Strand von Gaza“: Hamza Abu Howidy hat ein berührendes Buch
       > über das Leben in Gaza und seinen Weg zum Friedensaktivisten geschrieben.
       
 (IMG) Bild: Hamza Howidy protestierte in Gaza gegen die Hamas und musste nach Griechenland fliehen. Heute lebt er in Deutschland
       
       Hamza Abu Howidys Buch „Muscheln am Strand von Gaza“ ist den Opfern des 7.
       Oktober und des Krieges in Gaza gewidmet. Allein das dürfte manchen Leuten
       aufstoßen. Menschen als Menschen zu sehen, jede Person als einzigartig
       anzuerkennen – nicht als Vertreterin einer Nation, einer Religion oder
       einer wie auch immer gearteteten „Identität“ – erscheint im Zug der
       allgemeinen Regression als abwegige Position. Humanismus war gestern. Heute
       entscheiden „Machtgefälle“, vermeintliche oder tatsächliche Privilegien und
       Zugehörigkeiten darüber, ob Hassrede abzulehnen oder zu befürworten, der
       Tod eines Menschen zu betrauern oder zu feiern ist.
       
       Howidys Buch erinnert uns daran, dass all das nicht normal sein sollte. Es
       ist ein beeindruckendes, schonungsloses und radikal aufrichtiges Buch, das
       mit diesen Sätzen beginnt: „Am 7. Oktober sah ich zusammen mit dem Rest der
       Welt, wie Hamas-Kämpfer israelische Kibbuzim stürmten, Zivilisten
       erschossen und sich in blutverschmierten Wohnzimmern filmten. Ich sah
       fassungslos, völlig ungläubig zu – aber nicht, weil es unvorstellbar war.“
       
       Denn Howidy hatte ähnliche Bilder schon einmal gesehen, in seinem Viertel,
       in Al Rimal, Gaza. Zehn Jahre alt war er im Jahr 2007, als Geistliche der
       Hamas Fatwas erließen, wonach es eine heilige Pflicht sei, Angehörige der
       säkular-sozialistischen Fatah zu töten, die sie zu „Verrätern“ und
       „Ungläubigen“ erklärten. Sie wurden erschossen und bei lebendigem Leib mit
       Seilen an Motorrädern gebunden und durch die Straßen geschleift. Die
       Terrorherrschaft der aus der Muslimbruderschaft hervorgegangenen Hamas über
       Gaza begann.
       
       Als Howidy am 7. Oktober 2023 die Videos aus den Kibbuzim sieht, befindet
       er sich in einem Flüchtlingslager in Griechenland, wo diese Videos vom
       katarischen TV-Sender Al Jazeera, vom ägyptischen Staatsfernsehen und von
       einem Großteil der männlichen arabischen Geflüchteten gefeiert werden. (Die
       Frauen sitzen still am Rand und ahnen wohl schon, was das Massaker der
       Hamas für Folgen haben wird.) Darüber erzählt [1][der heute in Deutschland
       lebende Friedensaktivist Howidy] aber erst später in seinem Buch, das
       chronologisch aufgebaut ist. Anfangs hält er nur fest: „Als ich sah, was
       die Hamas am 7. Oktober 2023 tat – ihren Stolz auf das Töten, die Ideologie
       dahinter –, kam mir das nicht wie eine genuin neue Gräueltat vor. Es fühlte
       sich an wie eine Wiederholung.“
       
       ## Wohlhabend, schön und voller Möglichkeiten
       
       Vor der flächendeckenden Zerstörung Gazas durch die israelische Luftwaffe
       galt das Viertel, in dem der junge Hamza aufwuchs, als schönstes im ganzen
       Gaza-Streifen. Man kam her, um zu flanieren und um Eis zu essen. „Al Rimal
       fühlte sich an, wie das, was ganz Gaza sein sollte – wohlhabend, schön,
       voller Möglichkeiten“, schreibt er heute. Hamzas Großeltern besaßen das
       erste Hotel, das in Gaza gebaut wurde, und ein bekanntes Geschäft für
       Hochzeitskleider. Hamzas Eltern sind belesen und weitgereist, der Vater
       hatte in England studiert und gearbeitet. Obwohl er gläubig ist und Hamza
       auf eine Hamas-nahe Schule schickt, weil er sich dort eine gute und
       religiöse Ausbildung für den Sohn erhofft, erzieht er seine Kinder zu
       kritischem Denken.
       
       Dar Al Arqam ist eine religiöse Schule. Hamza ist gläubig, als er mit 12
       auf eine andere Schule wechselt, weil Dar Al Arqam zu nah an der Grenze zu
       Israel liegt und wieder mal ein Krieg ausgebrochen ist. Da kennt er bereits
       ein Drittel des Korans auswendig.
       
       Einer der Stränge von Howidys Buch, das sich teils wie ein Roman liest, ist
       dem langen und ernsthaften Ringen um sein Verhältnis zur Religion gewidmet,
       die er nach vielen Diskussionen und der Lektüre unter anderem der Bücher
       von Hamed Abdel-Samad schließlich hinter sich lässt. Zur Entwicklung des
       jungen Hamza, der langsam zu hinterfragen beginnt, was in der Gesellschaft
       von Gaza als nicht zu kritisierender Konsens erscheint, tragen auch die
       Diskussionen im Arbeitszimmer seines Vater bei, die der Junge heimlich
       belauscht.
       
       ## Wo sie regieren, herrscht Chaos
       
       Einige Kindheitsfreunde seines Vater, der bei der Stadtverwaltung von Gaza
       arbeitet, sind hochrangige Hamasfunktionäre. Mit ihnen hält der Vater
       Kontakt, weil er zum einen bei seiner Arbeit auf sie angewiesen ist und er
       sie zum anderen als seriöse Gesprächspartner akzeptiert – obwohl er mit
       ihnen immer wieder in Streit gerät, weil er der Ansicht ist, dass die
       Islamisten überall, wo sie regieren, nur Chaos angerichtet haben.
       
       Als die Muslimbruderschaft den Vater in Birmingham zu rekrutieren
       versuchte, erkannte er schnell, dass sie die Loyalität zu ihrer Partei über
       die Interessen eines Landes stellten. Der Vater aber fühlte sich den
       Palästinensern und Palästina verpflichtet, einem Palästina, das seiner
       Ansicht nach neben dem israelischen Staat existieren soll. Die Howidys
       haben auch keinen Schlüssel und keine Fotos des Restaurants des Großvaters
       in Jaffa in ihrem Wohnzimmer hängen, jener Stadt, aus der die Familie 1948
       vertrieben wurde. Hamzas Vater ist pragmatisch. Dahin werde man nicht
       zurückkehren können, warum also den Schmerz kultivieren?
       
       Die Regierung des Gazastreifens torpediert schließlich die Pläne des
       Vaters, elektrische Leitungen unter die Erde zu verlegen – die Hamas hat
       Angst, dass jemand die Verläufe ihrer Tunnel entdecken könnte. 2019 lässt
       sich der Vater pensionieren, weil er sich nicht mitschuldig machen möchte.
       
       Seinen Kindern erklärt der Vater, wie europäische Gesellschaften „erst
       erfolgreich wurden, nachdem sie mit der kirchlichen Autorität gebrochen
       hatten“: Keine Religion sollte jemals einen Staat regieren.
       
       ## Es bilden sich Risse im Weltbild
       
       Hamza kommt auf eine UNWRA-Schule. Dort wird wie in seiner vorherigen
       Schule der bewaffnete Kampf gegen Israel gepredigt, diesmal nicht unter
       religiösen, sondern säkular-nationalistischen Vorzeichen. Die Figur des
       gewaltbereiten „Märtyrers“ verherrlichen die Lehrer jedoch hier wie dort.
       So wie er anfangs gemäß der gesellschaftlichen Konventionen religiös ist,
       teilt Hamza nun, angesichts der Erfahrungen des Kriegs, den er nun bewusst
       miterlebt, und den in der Schule vermittelten Schablonen den Hass auf
       Israel.
       
       Aber auch hier bilden sich bald Risse im zuvor festgefügten Weltbild des
       jungen Hamza. Spätestens als er mit einem linken Israeli heimlich im Netz
       zu debattieren beginnt, erkennt er, dass auf der anderen Seite auch
       Menschen leben, die palästinensisches Leid anerkennen und sich für eine
       friedliche Koexistenz einsetzen.
       
       Auch hier ist es der Vater, der ein erstes Fenster öffnet, als er
       schmunzelnd fragt, ob sein Sohn die Stimme des Feindes hören wolle? Und bei
       Ausflügen an den Strand einen israelischen Radiosender wählt, weil ihm die
       Musik besser gefällt, die drüben, auf der anderen Seite, nicht im Dienst
       der politischen Indoktrination steht. Hamzas Vater spricht Hebräisch, weil
       früher, in besseren Zeiten, auch Israelis im elterlichen Hotel Hochzeiten
       feierten.
       
       So viel er seinem Vater verdankt, so sehr leidet der Sohn unter ihm. Die
       ganze Straße weiß, dass der Junge von seinem Vater geschlagen wird. Die
       Mutter verlässt den Vater deswegen immer wieder, bis sie sich endgültig von
       ihm trennt. Von ihr, schreibt Howidy, habe er das Rebellische geerbt. Diese
       Kombination – die ihm vom Vater eingeimpfte aufklärerische Skepsis, alles
       zu hinterfragen, und die von der Mutter vorgelebte Kompromisslosigkeit,
       sich gegen Unrecht aufzulehnen – bringen Hamza Howidy schließlich in
       lebensbedrohliche Schwierigkeiten, unter deren Folgen er noch heute leidet.
       
       ## Verraten von der Weltöffentlichkeit
       
       Zweimal beteiligt er sich an Protesten gegen das korrupte Hamas-Regime, das
       seine Anhänger belohnt und allen anderen weder Entwicklungsmöglichkeiten
       noch ein Leben in Würde und Frieden bietet. Zweimal wird er inhaftiert und
       gefoltert. Am Ende bleibt ihm nichts anderes übrig, als auf einem
       überfüllten Schlauchboot von Izmir nach Griechenland überzusetzen. Aber
       auch dort stellen ihm Hamas-Anhänger nach und bedrohen ihn, weil er sich
       entgegen seiner Absichten nach dem 7. Oktober öffentlich äußert und die
       Hamas kritisiert, die auf dem Rücken der Menschen von Gaza ihren Krieg
       führt.
       
       Was ihn schon nach seinen Gefängnisaufenthalten erschüttert hat, ist das
       Desinteresse der Weltöffentlichkeit an denen, die das Hamas-Regime zu
       kritisieren wagen. „Verraten fühlte ich mich vor allem von den westlichen
       Unterstützern Palästinas“, schreibt Howidy und kommt zum Schluss: „Wie
       wenig zählen palästinensische Menschenrechte, wenn sie von jemandem
       verletzt werden, der kein Israeli ist.“
       
       Mit dieser Erfahrung im Hintergrund beginnt er erst in Griechenland, dann
       in Deutschland auf seinen Social-Media-Kanälen vor allem die Hamas zu
       kritisieren. Er will eine Stimme der Menschen in Gaza sein. Er schreibt für
       Newsweek und wird auf CNN interviewt. Als der Krieg in Gaza immer brutalere
       und katastrophalere Ausmaße annimmt und viele seiner Nachbarn und einige
       seiner Freunde sterben, gerät er in eine Krise. Er löscht seine bisherigen
       Posts und kritisiert nun auch scharf die israelische Regierung. Er verliert
       einige seiner vielen Follower, und gewinnt neue dazu, die oft aber nicht
       lange bleiben, weil Howidy für die Menschen Partei ergreift, die der
       Auseinandersetzung zwischen Hamas und Israel zum Opfer fallen, nicht für
       die Hardliner auf beiden Seiten. So fühlt er sich oft „wie der einsamste
       Palästinenser auf der ganzen Welt“.
       
       Deutsche Frauen werfen ihm Verrat vor
       
       Er beginnt in Deutschland öffentlich bei Veranstaltungen zu sprechen,
       gemeinsam mit einem Israeli besucht er Schulen. Von weißen Deutschen und
       arabischen Demonstranten wird er immer wieder als „Verräter“ diffamiert und
       als „Zionist“ bezeichnet. Eine typische Begegnung dieser Art schildert
       Howidy, als er zu einer Veranstaltung der Uni Heidelberg eingeladen wird.
       Auch dort wird ihm „Verrat“ vorgeworfen, weil er die Hamas kritisiert – von
       einer jungen Frau mit pinkfarbenen Haaren.
       
       „Der weiße Retter unterstützt am morgen brutale Politik, gründet am
       Nachmittag eine Wohlfahrtsorganisation und nimmt abends Preise dafür
       entgegen“, schrieb Teju Cole vor gut zehn Jahren. Cole skizzierte so die
       Mentalität von Promis aus dem Westen, aber seine Beobachtung einer rein
       instrumentellen, narzisstisch inspirierten Haltung gegenüber Opfern von
       Konflikten weist in Zeiten von Instagram und TikTok weit über das Milieu
       der Reichen und Schönen hinaus.
       
       Es reicht das Privileg, an einem friedlichen Ort zu leben und sich
       aussuchen zu können, mit welchem Opfer von Krieg und Unterdrückung man sich
       fürs eigene Prestige gewinnbringend identifiziert, ohne sich für dessen
       reale Lage zu interessieren. Man muss auch nicht weiß sein, um im Gestus
       des White Saviours vom Elend anderer zu profitieren. Die Welt ist voller
       privilegierter Menschen aus dem Globalen Süden, die sich wie
       Musterbeispiele des Weißen Retters benehmen. Im Fall der Palästinenser
       redet der Weiße Retter am Vormittag die Verbrechen der Hamas an Israelis,
       Palästinensern und anderen Menschen klein, ruft am Nachmittag „Free
       Palestine“ und streicht am Abend 120 neue Follower ein.
       
       Andere machen mit der Not der Menschen in Gaza, [2][die zu zehntausenden
       unter den israelischen Bomben sterben, hungern und noch dazu dem Terror und
       der Ausbeutung ihrer Not durch die Hamas ausgesetzt sind], ein gutes
       Geschäft: die Ägypter, die 5.000 Dollar für jede und jeden verlangen, der
       Gaza in Richtung Ägypten verlassen will. „Koordinationsgebühren“ nennen sie
       ihre schamlose Korruption. Howidy muss eine Crowdfunding-Kampagne starten,
       damit seine Mutter und zwei seiner Brüder endlich vor den Bomben nach
       Ägypten fliehen können.
       
       „Muscheln am Strand von Gaza“ ist kein leichtes Buch. Wer aber jenseits
       exotistischer Klischees – laut derer in Gaza je nach Perspektive lauter
       „Widerstandskämpfer“ oder zwei Millionen „Terrorunterstützer“ leben –
       wirklich etwas von der dortigen Gesellschaft und dem Leben unter der
       Herrschaft der Hamas erfahren möchte, sollte dieses Buch dringend lesen.
       
       4 Aug 2026
       
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