# taz.de -- Hamas betrauert linientreue Journalisten: Mit Presseweste und Sturmgewehr
       
       > Mehr als 200 palästinensische Journalisten wurden im Gazakrieg getötet.
       > Auf einige veröffentlicht die Hamas Nachrufe, weil sie Mitglieder waren.
       
 (IMG) Bild: Bewaffnete Hamas- und Islamischer Dschihad-Mitglieder in Gaza-Stadt am 20. März 2026
       
       Muhammad Manhal Abu Arman war ein palästinensischer Journalist. So wird er
       auf der Liste von im Gazastreifen getöteten Journalisten des Comittee to
       Protect Journalists (CPJ) aufgeführt, einer führenden NGOs für
       Pressefreiheit mit Sitz in den USA. Bei einem israelischen Drohnenngriff
       kam er am 13. Juli 2024 um, [1][so schreibt es CPJ auf seiner Website].
       
       Doch Abu Arman war auch ein „Field Commander“ im Military Media Department
       der Rafah-Brigade der Hamas. So steht es in dem Nachruf, den ein der Hamas
       nahestehender Telegram-Kanal namens „Monde der Flut“ Ende April
       veröffentlichte.
       
       In der Kanal-Beschreibung steht, man veröffentliche die „Qassam-Märtyrer
       aus der Schlacht der Al-Aqsa-Flut“. Die Qassam-Brigaden sind der
       militärische Flügel der Hamas, einer dschihadistischen Organisation, die
       unter anderem in der Europäischen Union auf der Terrorliste steht.
       Al-Aqsa-Flut nannte sie den Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem
       bewaffnete Palästinenser rund 1.200 Menschen tötete und 250 nach Gaza
       verschleppte.
       
       Der fast fünfminütige Nachruf in Videoform beginnt etwas schwülstig: eine
       augenscheinlich mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellte Ansicht des
       Felsendoms in Jerusalem nebst Sonnenuntergang, Blumen, einem Kämpfer mit
       umgehängter Kufija und einem wohl toten Kameraden neben sich liegend. Dann
       folgen Clips eines etwas untersetzten Abu Arman: in Uniform und Kampfweste,
       mit erhobenem Zeigefinger vor einer Wand mit dem Logo der Qassam-Brigaden,
       bei einem Loyalitätsschwur.
       
       Er sagt: Wenn man dieses Video sehe, sei er tot. Er fordert seine
       „Kollegen“ auf, den Pfad der Hamas weiterzuführen, und erwähnt dabei
       gesondert „die Mitglieder des Military Media Departments, zu dem ich
       gehöre, seitdem ich den Qassam-Brigaden beigetreten bin“.
       
       ## Arbeit für Palestine Now
       
       Andere Clips und Fotos zeigen ihn mit verschiedenen Sturmgewehren in der
       Hand, mit einem RPG über der Schulter. Oder: Mit professionellen Kameras in
       der Hand. Eines dieser Bilder von Abu Arman mit einem Fotoapparat sowie ein
       weiteres mit einem umgehängten Sturmgewehr sind augenscheinlich in einem
       Tunnel aufgenommen worden.
       
       In den sozialen Medien kursieren ähnliche Nachrufe auch für Kämpfer des
       Palästinensischen Islamischen Dschihad.
       
       Laut CPJ arbeitet Abu Arman als Journalist und Fotograf für die der Hamas
       nahestehende Nachrichtenagentur Palestine Now. Er sei getötet worden, als
       er in der Küstenregion al-Mawasi nach einem israelischen Luftangriff die
       Verletzten und die Hilfsarbeiten dokumentierte. Diese Region galt damals
       als „humanitäre Zone“.
       
       Der Telegram-Kanal wurde im November 2025 aufgesetzt, fast 61.000 folgen
       ihm heute. Er bezieht sich immer wieder auf die Website der
       Qassam-Brigaden, ruft zu Spenden über eine offizielle E-Mail-Adresse auf.
       Der Fundraising-Beitrag ist ein Repost eines Beitrags des Kanals „Military
       Media – Al-Qassam Brigaden“.
       
       Dieser Kanal repostet wiederum die Nachrufe des Telegram-Kanals „Monde der
       Flut“. Neben dem auf Abu Arman werden derzeit dutzende Nachrufe im Kanal
       veröffentlicht. Und wie er sind noch weitere Männer darunter, die auch auf
       Listen getöteter Journalisten im Gazastreifen auftauchen.
       
       Etwa Mohammad Bassam al-Jamal. [2][Beim CPJ wird er als getöteter
       Journalist aufgeführt]; es wird transparent genannt, dass er für das der
       Hamas nahestehende Palestine Now gearbeitet habe. Er sei nach einem Angriff
       auf sein Zuhause in Rafah im April 2024 seinen Verletzungen erlegen. Laut
       seinem Nachruf, der bereits im März auf Telegram veröffentlicht wurde, war
       er Teil des „Media Departments“ der Rafah-Brigade der Hamas.
       
       ## Teil der Artillerie der Hamas-Brigade
       
       Oder etwa Bilal Maher al-Hathoum. Auf der Liste des CPJ taucht er nicht
       auf, dafür auf der Website „Stop Murdering Journalists“, die sich
       antiisraelisch positioniert und von der „schlimmsten Serie von Massenmorden
       an Journalisten in der Geschichte der Menschheit“ spricht. Oder [3][bei
       London Freelance], eine Seite, die zu einer Untergruppe der britischen
       National Union of Journalists gehört. Auch Al Jazeera [4][vermeldete seinen
       Tod als den eines Journalisten]. Er wurde im Mai 2025 in Nordgaza von einer
       israelischen Drohne getötet.
       
       Laut dem auf Telegram veröffentlichten Nachruf war al-Hathoum ein Zugführer
       im „Shahed Imad Aqel“-Bataillon. Das ist ebenfalls Teil der Qassam-Brigaden
       und war während des Kriegs nach dem 7. Oktober vor allem im Norden des
       Gazastreifens tätig. In einem ebenfalls fast fünf Minuten langen Video
       zeigen verschiedene Clips al-Hathoum in Uniform, bewaffnet, beim Schießen,
       beim Treueschwur.
       
       Bei „Stop Murdering Journalists“ ist auch Hudeifah An-Najjar gelistet, er
       sei als freier Journalist tätig gewesen. Auf der Liste von CPJ taucht er
       nicht auf. Laut Nachruf kam er am 28. Oktober 2023 um. [5][Auch bei
       Airwars, einer Londoner NGO, wird sein Fall aufgeführt]: Dort wird erwähnt,
       dass er sich kurz zuvor verlobt hatte, dass er seinen Freunden als
       „ehrlich, vertrauenswürdig und großzügig“ galt.
       
       Laut dem nun publizierten Nachruf war An-Najjar Teil der Artillerie der
       Hamas-Brigade von Khan Yunis im südlichen Gazastreifen. Auch in seinem
       Nachruf kommen Videoclips vor, in denen er unter anderem eine Weste trägt,
       auf der „Artillerie“ steht.
       
       CPJ dokumentiert 212 getötete Journalisten und Medienschaffende in Israel
       und den palästinensischen Gebieten zwischen 2023 und 2026. Gegen einen
       großen Teil von ihnen gibt es auch seitens Israel keine Vorwürfe der
       Zugehörigkeit zu Gruppen wie der Hamas oder dem Palästinensischen
       Islamischen Dschihad.
       
       ## Im Normalfall als Zivilisten eingestuft
       
       CPJ schreibt auf Anfrage der taz: Die Information, dass ein Journalist
       getötet wurde, erhalte man aus den sozialen Medien, von lokalen Medien oder
       aus eigenen Quellen. Jeweils zwei „glaubwürdige Quellen“ müssten den Fall
       bestätigen. Alle Journalisten, die von CPJ als solche geführt werden,
       veröffentlichten regelmäßig faktenbasierte Berichte oder Kommentare.
       
       CPJ schließe Journalisten von einer Listung aus, „wenn Beweise dafür
       vorliegen, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes zu Gewalt mit unmittelbarer
       Wirkung aufgerufen oder direkt als Kombattanten an einem bewaffneten
       Konflikt teilgenommen haben“. Maher al-Hathoum und Hudeifah An-Najjar seien
       etwa „nicht kongruent mit unserer Methodologie“ gewesen. Wenn neue
       Informationen zu einer Person auftauchten, nehme man ihre Namen von der
       Liste.
       
       So etwa im Fall von Yacoup al-Bursh. Dessen Eintrag bei CPJ ist über Google
       noch zu finden. Er sei 30 Jahre alt gewesen, Journalist beim lokalen Namaa
       Radio, im November 2023 getötet worden. Bei „Stop Murdering Journalists“
       wird er weiter aufgeführt. Auch al-Burshs Nachruf findet sich in dem
       Telegram-Kanal: Auf dem Bild hält er ein Sturmgewehr in der Hand. Dem
       Nachruf zufolge war er Teil des Military Media Departments.
       
       Auf die Frage, ob nun auch etwa Abu Armans Name von der Liste genommen
       wird, schreibt CPJ: Diese sei dynamisch und werde fortlaufend aktualisiert,
       sobald neue Beweise auftauchten. „Sollte das CPJ die Vorwürfe unabhängig
       bestätigen können, würde der Fall aus der Liste gelöscht.“ CPJ verweist
       außerdem auf das Völkerrecht. Grundsätzlich gilt: Zivilisten sind im Krieg
       zu schützen. Medienschaffende – auch wenn sie Propaganda verbreiten oder
       einer Kriegspartei ideologisch nahestehen – werden im Normalfall als
       Zivilisten eingestuft.
       
       Ob ein Journalist, der auch bei der Hamas tätig war, in diese Kategorie
       fällt, hinge davon ab, wie die Hamas an sich eingestuft werde, sagt der
       Völkerrechtler Matthias Goldmann der taz. Betrachte man die Hamas als
       beteiligte Armee eines internationalen bewaffneten Konflikts, müsse
       eindeutig zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten unterschieden werden.
       Betrachte man die Hamas als irreguläre Kämpfer, so wie Israel das tue, gebe
       es keine so klare Trennung, erklärt er. Viele Völkerrechtler verträten aber
       die Ansicht, dass auch irreguläre Kämpfer nur dann angegriffen werden
       dürften, wenn sie aktiv im Einsatz sind, betont Goldmann.
       
       Ob es mit internationalem Recht vereinbar war, etwa Abu Arman bei seiner
       Tätigkeit als Journalist zu töten, ist also mindestens fraglich – trotz der
       nun von der Hamas selbst bestätigten Zugehörigkeit.
       
       Mitarbeit: Hisham Al-Masri
       
       15 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://cpj.org/data/people/mohamed-manhal-abu-armana/
 (DIR) [2] https://cpj.org/data/people/mohammed-al-jamal/
 (DIR) [3] https://www.londonfreelance.org/fl/2311gaza-deaths.html
 (DIR) [4] https://x.com/AJA_Palestine/status/1925927799258321012?s=20
 (DIR) [5] https://airwars.org/civilian-casualties/ispt0687-october-28-2023/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lisa Schneider
       
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