# taz.de -- Landwirtschaft und Klimakrise: Wenn Kaffee zwischen Bäumen wächst
       
       > Der Klimawandel setzt den Kaffeebauern in Brasilien zu. Einige
       > verabschieden sich von Monokulturen und experimentieren. Kann das den
       > Arabica retten?
       
 (IMG) Bild: Ein Feigenbaum öffnete Murillo Teixeira für die Idee von Agroforst
       
       Manchmal ist es gar nicht schlecht, in der Scheiße zu stecken. Etwa, wenn
       man in Brasilien nach [1][zukunftsfähigen Alternativen im Kaffeeanbau]
       sucht. Dort, in den Bergen im Südosten des Landes, steht Luiz Antonio Ramos
       barfuß im Pferdemist und schaufelt ihn in seinen Truck. „Ich liebe diesen
       Geruch!“, ruft er und wirkt dabei ehrlich glücklich. Später wird er den
       Mist mit Kaffeeschalen und Holzasche mischen und auf seine Felder bringen:
       als Substrat für seine Kaffeesetzlinge und Starthilfe für den Boden, der
       sich erst regenerieren muss.
       
       Ramos ist Biologe und hat eine Vision. Auf einstigen Weidehängen in seiner
       Heimatstadt Serra Negra im Bundesstaat São Paulo will er Kaffee unter dem
       Schatten von Bäumen kultivieren. Er versteht Landwirtschaft als Teil eines
       Ökosystems und setzt auf biologische Vielfalt und natürliche Kreisläufe.
       Ein zentrales Instrument ist dabei [2][die Agroforstwirtschaft], bei der
       sich Ackerbau oder Tierhaltung die Fläche mit Bäumen teilen. Diese spenden
       Schatten, schützen vor Erosion und liefern Biomasse, die den Boden
       nachhaltig regeneriert. Das steht im Kontrast zu den sonnenexponierten
       Monokulturen, die Brasiliens Kaffeeanbau dominieren und an denen er
       vorbeifährt, wenn er den Pferdemist zu seinem Anwesen transportiert.
       
       Brasilien ist der größte Kaffeeexporteur der Welt. In der Saison 2024/25
       exportierte das Land [3][laut Cecafé], dem Verband brasilianischer
       Kaffeeexporteure, rund 2,74 Millionen Tonnen und Deutschland gehört zu den
       größten Abnehmern. Doch der Erfolg hat seinen Preis. Der Großteil der
       Produktion stammt aus Monokulturen mit [4][hohem Einsatz von Pestiziden und
       synthetischen Düngern], was Wälder zerstört, die Umwelt belastet und
       Kleinproduzent*innen schadet.
       
       Für Luiz Antonio Ramos kam das nie infrage. Serra Negra liegt in der Serra
       da Mantiqueira, einer Gebirgskette, die sich über drei Bundesstaaten im
       Südosten Brasiliens erstreckt. Es ist eine Region, die durch den
       Kaffeeanbau geprägt wurde. Im Studium wurde dem Biologen klar, wie sehr die
       Monokulturen seiner Heimat schaden: Wälder wurden gerodet, es wurde heißer,
       der Regen weniger.
       
       ## Kaffee in Deutschland wird immer teurer
       
       Das ist nicht nur ein regionales Problem. [5][Studien] prognostizieren bis
       2050 nicht nur in Brasilien eine drastische Verringerung geeigneter Flächen
       für die weitverbreitete Kaffeesorte Arabica als Folge des Klimawandels und
       fortschreitender Entwaldung. Das trägt auch dazu bei, dass Kaffee in
       Deutschland teurer wird. [6][Importpreise für Rohkaffee] sind 2025 im
       Vergleich zum Vorjahr um 53,1 Prozent gestiegen.
       
       Die Serra da Mantiqueira war aufgrund ihrer Höhenlagen und ihres relativ
       kühlen Klimas lange eine verlässliche Region für hochwertigen Arabica. Aber
       inzwischen verursachen steigende Temperaturen, extreme Hitze- und
       Trockenperioden und ungewöhnliche Fröste auch hier Ernteausfälle und
       verschieben Blüh- und Reifezeiten. „Wir müssen nachhaltigere Wege für die
       Kaffeeproduktion finden. Kaffee in Monokulturen hat hier keine Zukunft“,
       sagt Ramos.
       
       Der Anfang dieses Weges war steinig. Viele von Ramos’ Kaffeesetzlingen
       überlebten das erste Jahr auf dem Feld nicht. Es war zu heiß, zu trocken,
       der Boden ausgelaugt und die Bäume, die Schatten spenden sollen, müssen
       erst noch wachsen. Doch Ramos blieb dran. Er fand eine Wasserquelle,
       beschaffte Holzkisten zur Abdeckung junger Pflanzen, säte schnell wachsende
       Pionierarten als Schattenspender und brachte gezielt Biomasse von außen
       ein. Der Pferdemist ist seine neueste Errungenschaft.
       
       „Komm, ich will dir was zeigen“, sagt Ramos und führt zu zwei Feldern. Nach
       vielen Rückschlägen sind diese in den letzten Monaten endlich aufgeblüht.
       Kräftige Kaffeepflänzchen wachsen zwischen Rizinus, gelb blühenden
       Guandu-Sträuchern und bunten Gemüsesorten. Auch erste heimische Bäume wie
       Ipê und Assa-Peixe haben sich angesiedelt. „Der Kaffee wächst, er fühlt
       sich endlich wohl“, sagt Ramos und strahlt.
       
       Dabei geht es ihm nicht nur um seine zukünftige Ernte. Mit seinem Projekt
       will er andere Kleinproduzent*innen dazu inspirieren,
       Kaffeekultivierung neu zu denken und die ländliche Gemeinschaft in der
       Region zu stärken. Vernetzung und Wissensaustausch sind Teil seines
       Transformationsgedankens. „Die kleinen Betriebe werden zunehmend unter dem
       Klimawandel leiden, wenn sie weiterhin auf konventionellen Anbau setzen“,
       erklärt Ramos.
       
       Agroforstsysteme verändern das Verhältnis zwischen Menge und Qualität. Pro
       Hektar fällt in der Regel weniger Rohkaffee an als bei Monokulturen und die
       Ernte ist zeitintensiver. Dafür gewinnen Produzent*innen ökologische
       Resilienz, bessere Arbeitsbedingungen im Schatten und mehr wirtschaftliche
       Unabhängigkeit, weil sie verschiedene Kulturen auf derselben Fläche anbauen
       können. Trotzdem hält sich der Glaube an traditionelle Methoden im
       Kaffeeanbau hartnäckig: „Wir haben hier eine sehr konservative
       Agrargesellschaft, die Menschen sind neuen Konzepten gegenüber skeptisch“,
       erklärt Ramos und verweist auf die starke Lobby großer Agrarkonzerne. Eine
       nationale Transformation hin zu agrarökologischen Systemen im Kaffeeanbau
       erfordert daher auch staatliche Anreize, Weiterbildungsangebote und
       Marktmechanismen, die Umweltleistungen honorieren.
       
       ## Pferdemist ist wichtig
       
       Luiz Antonio Ramos läuft die Beete ab und beginnt mit der Bewässerung, die
       noch nötig ist. Er prüft dabei den Zustand der kürzlich gepflanzten
       Setzlinge und nickt zufrieden. Morgen kommt der Pferdemist zum Einsatz. Im
       nächsten Frühling plant er weitere Pflänzchen aufs Feld zu bringen, bis
       dahin will er sich dem Boden widmen. Wo die ersten Kaffeepflanzen ihre
       kritische Phase überstanden haben, stellt sich für Ramos die nächste Frage:
       Werden sie irgendwann auch Früchte tragen? Der Blick auf ein anderes
       Projekt in der Serra da Mantiqueira zeigt, dass Ramos’ Vision realistisch
       ist.
       
       Rund 250 Kilometer von Serra Negra entfernt liegt, versteckt zwischen
       grünen Bergen im Süden des Bundesstaates Minas Gerais, das Anwesen von
       Murillo Teixeira. Von außen wirkt die Fläche wie ein Stück Wald. Nur wer
       genau hinsieht, entdeckt die Reihen ausgewachsener Kaffeepflanzen zwischen
       heimischen Bäumen, Bananenstauden und Leguminosen. Mittendrin steht
       Teixeira in Gummistiefeln auf einer grünen Plastikbox. Er greift nach
       reifen, gelb-braun gesprenkelten Kaffeekirschen, die ganz oben im Baum
       hängen. „Es ist eine Beziehung zwischen uns und dem Land“, sagt er, „Wir
       müssen aufmerksam sein. Wir müssen wirklich verstehen, wo wir sind.“ Es ist
       April, Herbst in Brasilien – und Erntezeit.
       
       Teixeiras Kaffee ist biozertifiziert, doch er ist mehr als das. „Bio
       behandelt oft nur die Symptome, nicht die Ursachen“, sagt er. Denn bei
       „Bio“ werden zwar keine Pestizide eingesetzt, aber der Kaffee wächst
       dennoch oft als Monokultur. Wie Ramos legt auch Teixeira seinen Fokus auf
       ein gesundes Ökosystem: Was wächst, darf bleiben – solange es dem Kaffee
       nicht schadet. Und das Meiste schadet nicht. Es hilft.
       
       Das zeigt sich auch unter den Füßen. Teixeira gräbt eine Handvoll dunkler,
       lockerer Erde aus. „Siehst du, eine Woche ohne Regen und sie ist noch
       feucht“, sagt er. Das ist fruchtbarer, humusreicher Boden. „Stetige Zufuhr
       von Biomasse und Schatten sind die zwei wichtigsten Faktoren in solch einem
       System“, erklärt Teixeira. Deshalb pflanzt er Bananen zwischen den
       Kaffeereihen und lässt heimische Bäume und Sträucher wachsen, wo sie
       wollen. Arabica stammt aus Bergwäldern in Äthiopien; die Pflanze mag
       Schatten.
       
       ## Zweige mit kleinen Knospen
       
       Als Teixeira 2019 das Land übernahm, sah es noch anders aus. 20.000
       Kaffeebäume der Sorte Bourbon Amarelo wuchsen in Monokultur. Die Vision
       eines lebendigen Agroforsts kam erst später – ein Baum brachte Teixeira zum
       Umdenken. Er erzählt, dass in seinem ersten Sommer fast alles vom
       Kaffeerost befallen war, einer Pilzerkrankung. Nur die Kaffeepflanzen unter
       einem alten Feigenbaum waren gesund. „Vielleicht haben die Agroforst-Leute
       doch recht“, dachte Teixeira damals. Heute hat er weniger Kaffeebäume,
       dafür mehr Vielfalt und gesündere Pflanzen.
       
       Trotzdem steht er weiterhin vor Herausforderungen. Vor einem Kaffeebaum
       bleibt er stehen, deutet auf Zweige mit kleinen Knospen. Einige Bäume
       bereiten sich auf die Blüte vor, obwohl gerade Erntezeit ist und bald der
       Winter kommt. „Der April ist viel zu warm, bis zu drei Grad über dem
       Durchschnitt“, sagt er. „Wir sprechen hier nicht nur von globaler
       Erwärmung, es geht um Klimachaos.“ Für ihn ist sein Agroforst keine
       Ideologie, sondern die einzig mögliche Anpassungsstrategie: „Ich will es
       nicht romantisieren, die Zukunft wird nicht leicht. Aber Kaffee in
       diversifizierten Systemen ist resistenter gegenüber Extremwetter. Das ist
       ein Fakt.“
       
       Murillo Teixeira verkauft seinen Kaffee direkt an Kunden in der Region. Mit
       50 Reais, knapp 9 Euro, pro 250 Gramm ist er deutlich teurer als
       herkömmlicher Supermarktkaffee in Brasilien. Teixeira ist sich bewusst,
       dass sich viele Menschen das nicht leisten können. Aber rechtfertigt das
       die Massenproduktion von billigem Kaffee? Er erzählt eine Anekdote: Der
       größte Kaffeekonsument der Welt sei der Abfluss – weil wir Kaffee
       massenhaft wegschütten. Das wirft die Frage auf, ob die globale Nachfrage
       die Produktionsmengen rechtfertigt.
       
       Und geht es am Ende wirklich nur darum – um Produktion und Konsum? Es ist
       Luiz Antonio Ramos’ Stimme, die nachhallt: „Es geht nicht nur darum, Kaffee
       für die Zukunft zu kultivieren. Es geht auch um uns. Das Feld gibt mir
       Hoffnung.“
       
       Am Ende des Nachmittags hat Murillo Teixeira alle gelb-braunen
       Kaffeekirschen gepflückt. Die übrigen brauchen noch Zeit. Er steigt von der
       grünen Plastikbox. Blickt noch einmal zurück, auf die Kaffeebäume, die
       Bananenstauden, den alten Feigenbaum. Breitet die Ernte zum Trocknen aus.
       „Komm, lass uns einen Kaffee trinken“, sagt er dann. Der Kaffee riecht nach
       Karamell und gelben Früchten.
       
       31 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       Ernteausfälle wegen Wetterextremen und der Arbeitskräftemangel treiben die
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