# taz.de -- Bundesrat stimmt neuer Verordnung zu: Parkinson durch Pestizide wird reguläre Berufskrankheit
> Wer wegen Pestiziden an Parkinson leidet, muss Leistungen der
> Unfallversicherung bekommen. Das bestätigt die neue
> Berufskrankheiten-Liste.
(IMG) Bild: In der Landwirtschaft wird viel mit Pflanzenschutzmitteln gearbeitet
Die gesetzliche Unfallversicherung muss in Kürze „[1][Parkinson-Syndrom
durch langjährig, häufig und selbst angewendete Pestizide]“ als reguläre
Berufskrankheit anerkennen. Der Bundesrat stimmte am Freitag zu, die
Berufskrankheiten-Verordnung entsprechend zu ergänzen. Das schaffe
„Rechtssicherheit über die grundsätzliche Anerkennungsfähigkeit und die
spezifischen Voraussetzungen der Anerkennung“, schrieb die Bundesregierung
in ihrer Begründung.
Bisher mussten die Unfallversicherer solche Fälle nur aufgrund einer
Empfehlung des Ärztlichen [2][Sachverständigenbeirats Berufskrankheiten]
beim Arbeitsministerium feststellen. Die Verordnung tritt im Monat nach
ihrer Verkündung in Kraft.
Patienten mit anerkannter Berufskrankheit können von der Unfallversicherung
teils großzügigere Leistungen als von den Kranken- oder Pflegekassen
bekommen. Die für die meisten Fälle zuständige Landwirtschaftliche
Berufsgenossenschaft erhöhte deshalb die Beiträge der Agrarbetriebe. Deren
wichtigste Lobbyorganisation, der Deutsche Bauernverband, kritisierte die
Einstufung als Beispiel „[3][nicht fachlich begründbarer Entscheidungen]“
und forderte den Bund auf, die Ausgaben zu übernehmen. Das Thema ist für
den Verband auch deswegen problematisch, weil er den Einsatz von Pestiziden
verteidigt.
Der Bauernverband berief sich vor allem auf eine an der Pestizidzulassung
beteiligte Behörde: Dem Bundesinstitut für Risikobewertung zufolge ist nur
bei zwei in der EU nicht mehr zugelassenen Wirkstoffen belegt, dass sie
Parkinson auslösen können. Die Bundesregierung hat in der [4][Begründung
der Verordnungsänderung] nun aber festgestellt: „Der kausale Zusammenhang
zwischen der Anwendung von Pestiziden und der Entstehung des
Parkinson-Syndroms stützt sich auf eine Vielzahl an wissenschaftlichen
Belegen.“
Der ärztliche Beirat habe seine Empfehlung vor allem mit Tierversuchen,
Laboruntersuchungen an Zellen und Studien über Beschäftigte begründet, die
beruflich Pestizide eingesetzt haben. Wegen der Mittel würden im Gehirn
nach und nach Nervenzellen absterben, die den wichtigen Botenstoff Dopamin
bilden. Patienten bewegten sich deutlich langsamer oder schwerer,
zusätzlich trete Muskelsteifheit, Zittern oder eine Störung des
Gleichgewichts auf.
## Lob von Wissenschaftlerin
Damit Parkinson als Berufskrankheit anerkannt wird, müssten Betroffene in
der Regel nachweisen, dass sie grundsätzlich mindestens 100 Tage lang mit
Mitteln gegen Unkräuter (Herbizide), Pilze (Fungizide) oder Insekten
(Insektizide) gearbeitet haben. Kleine oder gelegentliche Anwendungen –
etwa das Behandeln einzelner Pflanzen – reichen dafür nicht aus. Auch
nichtlandwirtschaftliche Anwendungen kommen infrage.
Solche Konkretisierungen gegenüber der ersten Empfehlung von 2023 könnten
Gerichtsverfahren verhindern, sagte der taz Monika A. Rieger,
stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenbeirats. Der Beschluss des
Bundesrats sei „sehr positiv“. „Oft nimmt die Aufmerksamkeit noch mal zu,
wenn eine Berufskrankheit wirklich in der Liste steht. Das erleichtert
Ärztinnen und Ärzten die Informationssuche.“ Zudem müssten sie Erkrankungen
erst anzeigen, wenn die Liste wie nun beschlossen veröffentlicht ist,
ergänzte die Professorin für Arbeits- und Sozialmedizin an der Universität
Tübingen.
Die Anerkennung ist schwierig: Die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft
hat der Beschlussvorlage zufolge bis Ende 2025 rund 3.200 Fälle „wegen
fehlender Mitwirkung der Betroffenen“ eingestellt. Mitunter sind sie nicht
in der Lage zu belegen, welche Pestizide sie teils vor Jahrzehnten wofür
benutzt haben. Bis zum Stichtag wurden nur etwa 550 Fälle anerkannt. Die
Bundesregierung rechnet mit 625 neuen Meldungen pro Jahr.
Bis Ende 2025 gab die Unfallversicherung für Leistungen wie Heilbehandlung
oder Renten der anerkannten Betroffenen demnach 21,1 Millionen Euro aus.
Die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft zahlte 11,1 Millionen Euro für
34 Personalstellen zur Bearbeitung der Anträge.
## Bund zahlt – nicht die Chemieindustrie
Ein Großteil der Kosten trägt der Staat – nicht, wie von Umweltschützern
und manchen Bauern gefordert, die Chemieindustrie. 2025 erhöhte der Bund
laut Agrarminister Alois Rainer (CSU) dafür [5][seinen Zuschuss zur
landwirtschaftlichen Unfallversicherung] um 20 Millionen auf rund 120
Millionen Euro. 2026 ist genauso viel vorgesehen. Für 2027 hat die
Regierung angesichts der allgemeinen Sparzwänge nur noch 90 Millionen
veranschlagt.
10 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Parkinson-durch-Pestizide/!6072903
(DIR) [2] https://www.baua.de/DE/Themen/Praevention/Koerperliche-Gesundheit/Berufskrankheiten/pdf/Begruendung-Parkinson-Syndrom-Pestizide.pdf?__blob=publicationFile&&v=2
(DIR) [3] https://www.bauernverband.de/fileadmin/user_upload/dbv/pressemitteilungen/2024/KW_50/Final_Kernanliegen_Langfassung_Einseitig.pdf
(DIR) [4] http://www.bundesrat.de/bv?id=0312-26
(DIR) [5] /Berufskrankheit-durch-Ackergifte/!6115674
## AUTOREN
(DIR) Jost Maurin
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