# taz.de -- Krise bei VW: Böser Start in die Werksferien
       
       > Schon wieder Krise: VW droht mit Werkschließungen und Massenentlassungen.
       > Im Fall der Werke in Hannover und Emden hängt daran die Zukunft der
       > Region.
       
 (IMG) Bild: Dicke Luft vor dem VW-Werk in Emden: Betriebsräte und VW-Vertrauensleute am 9. Juli 2026 bei einer Protestaktion der IG Metall
       
       Sie werden diese Unsicherheit jetzt mit in die Werksferien nehmen müssen.
       Bis in den späten Abend tagte der VW-Aufsichtsrat am Donnerstag – ein
       Zeichen dafür, wie hart hier gerungen wurde. Beschlossen wurde dann aber
       nicht viel. Jedenfalls gemessen an den Horrorszenarien, die vorher
       kursierten. Von der [1][Schließung von vier Werken in Deutschland war da
       die Rede,] von 100.000 Arbeitsplätzen, die weltweit eingespart werden
       sollten, von einem tiefgreifenden Umbau der gesamten Konzernstruktur.
       
       Den ganzen Tag über protestierten deshalb Mitarbeiter, Vertrauensleute und
       Betriebsräte an VW- und Audi-Standorten in ganz Deutschland. Auch in
       Hannover und Emden. Die beiden Standorte in Niedersachsen gehören zu den
       Kandidaten für Werkschließungen, die immer wieder genannt werden – neben
       Zwickau und Neckarsulm.
       
       Mitarbeiter und Gewerkschaften sind nicht nur deshalb auf der Zinne, weil
       sie von den radikalen Kürzungsplänen des Konzernvorstandes aus den Medien
       erfahren mussten. Sondern auch, weil der hart errungene Kompromiss von 2024
       – damals als Weihnachtswunder gefeiert – gerade einmal anderthalb Jahre
       gehalten hat.
       
       Dabei, daran erinnern bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover-Stöcken sowohl die
       stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Tanja Huremovic als auch die
       zweite Bevollmächtigte der IG Metall Hannover Susanne Heyn, hatten die
       Beschäftigten doch einige Kröten geschluckt und ihren Teil beigetragen:
       sich an die Sparvorgaben gehalten, Umstrukturierungen mitgetragen, bis 2030
       auf Gehaltssteigerungen und Zulagen verzichtet; dafür gab es die
       Versicherung vom Vorstand, den Personalabbau sozialverträglich zu
       gestalten.
       
       ## Protestaktionen an den Werkstoren
       
       Jetzt, so lautet die beliebte Formel, solle endlich mal der Vorstand seine
       Hausaufgaben machen und nicht nur Sparkonzepte, sondern einen Plan für die
       Zukunft vorlegen. Die [2][Verantwortung für die andauernde Krise sehen
       Beschäftigte und Gewerkschaften vor allem beim Konzern,] der ohne Not
       beliebte Marken wie Passat und Golf für die unbekannten ID-Modelle
       aufgegeben habe. Aber auch die EU bekommt einen Teil der Schuld
       zugeschrieben: Das verschobene Verbrenner-Aus habe den E-Auto-Start
       versaut.
       
       Es ist viel Selbstvergewisserung im Spiel bei den Reden an diesem Tag: Da
       ist vom VW-Bulli die Rede, dessen 75. Jubiläum man erst im vergangenen Jahr
       gefeiert hat und der hier gefertigt wird. Ein ikonisches Produkt, das als
       Sinnbild für ganze Epochen tauge und überall auf der Welt geliebt werde –
       von Hannover bis Kalifornien. Und von der Bedeutung, die das Werk für die
       angrenzenden Stadtteile und die ganze Stadt habe. „Wenn wir hier
       dichtmachen, macht das Büdchen da drüben als Nächstes zu“, sagt Huremovic
       und zeigt auf den Kiosk an der Haltestelle gegenüber.
       
       Andreas Matthias, Sprecher der Vertrauenskörperleitung bei VW
       Nutzfahrzeuge, sagt am Rande der Veranstaltung, er habe in seinen 41 Jahren
       im Betrieb noch nie eine solche Verunsicherung erlebt. Fast jeden Tag stehe
       jemand weinend in seinem Büro. Auf der Bühne beklagte er aber auch den
       Ansehensverlust: Ein Job bei VW, das war doch mal was, das galt doch einmal
       was. Jetzt müsse man sich plötzlich auf dem Sportplatz oder in der Kita
       rechtfertigen.
       
       Vor allem in den sozialen Netzwerken schlägt den VW-Mitarbeitern gerade
       viel Häme entgegen. Selber schuld, heißt es da, zu viel verdient und zu
       wenig gearbeitet. Doch viele halten sich auch daran fest, dass es so
       schlimm schon nicht kommen wird. Es ist ja [3][nicht das erste Mal, dass
       bei VW von existenziellen Krisen] die Rede ist. Man vertraut darauf, dass
       die Aufsichtsratsmehrheit der Arbeitnehmer zusammen mit dem Land
       Niedersachsen das Schlimmste schon irgendwie verhindern wird.
       
       ## In Emden ist VW die Lebensgarantie
       
       Das Schlimmste, das mag man sich 260 Kilometer nordwestlich gar nicht
       vorstellen. Seit 1964 wird in Emden produziert, rund 8.000 Beschäftigte
       arbeiten noch in dem Werk in der 50.000-Einwohner-Stadt. Es ist der mit
       Abstand größte Arbeitgeber der Region im ansonsten strukturschwachen
       Ostfriesland. Ein Ende von VW wäre auch ein Ende der Zuliefererindustrie
       drum herum.
       
       Ausgerechnet Emden! Irgendwie schien die Zukunft hier sicher:
       Jahrzehntelang wurde hier der Passat gebaut, dann wurde auf Zukunft
       gestellt, dachte man: Rund eine Milliarde Euro sind seit 2020 in den Umbau
       des Werks geflossen, heute werden dort nur noch E-Autos produziert. Doch
       auch Emden gehörte schon 2024 zu den Kandidaten für eine Schließung und
       musste ein Sparprogramm absolvieren.
       
       „Drohkulisse“, das Wort fällt hier gegenüber der neuen Endzeitvision immer
       wieder in Gesprächen und Redebeiträgen. Aber wenn man dann fragt, glaubt
       doch niemand so recht, dass die Konzernspitze nur droht, um die
       Beschäftigten zu noch mehr Zugeständnissen zu bringen.
       
       Eher schon, dass sie rechnet: Es wird zu wenig verkauft, alle Werke haben
       Überkapazitäten. „So ein Konzern hängt dann nicht so an der Milliarde, die
       sie investiert haben“, sagt Franka Helmerichs von der IG Metall Emden. Eher
       an den Milliarden der Zukunft – und da könne es sich über die Jahre eben
       lohnen, alles zu schließen und die Produktion nach Tschechien zu verlagern.
       
       1.500 Menschen erscheinen zur Kundgebung, danach leert sich der Platz
       schnell: Es ist ja kein offizieller Streik, es ist Schichtwechsel, und die
       Gewerkschaften haben noch Friedenspflicht.
       
       Die Beschäftigten, die zu ihren Autos und Fahrrädern gehen, geben sich
       erstaunlich gelassen. „Da würden wohl alle wegziehen“, sagt einer und
       steigt aufs Rad, „das ist dann so“. „Wenn was zumacht, kann das auch eine
       Chance sein“, findet ein anderer, „Also Spaß macht die Arbeit an der
       Fertigungsanlage eh nicht. Das macht man nur fürs Geld.“ 40 Jahre war er im
       Betrieb.
       
       ## Niedersachsen soll’s verhindern
       
       Die Gelassenen, sie stehen alle kurz vorm Ruhestand oder sind schon in
       Altersteilzeit. Viele sehen jünger aus – und viele sind es: Bei den
       Personalabbauplänen 2024 haben sie sich für einen früheren Renteneinstieg
       entschieden. Für die Jungen sei es natürlich schade, sagt Hanno, der jetzt
       Feierabend hat. „Aber dann müssen sie etwas anderes machen. Irgendwas
       findet man immer.“
       
       Eine Illusion, sagt SPD-Landtagsabgeordneter Matthias Arends. „Nichts
       könnte den Wegfall von VW auffangen. Daran hängt hier alles.“ Ja, ein paar
       Hallen nebenan würden demnächst wohl von einem Digitalunternehmen besetzt.
       „Das ist alles gut. Aber da geht es dann um ein paar hundert
       Arbeitsplätze.“
       
       Arends setzt alles auf Niedersachsen. „Olaf Lies wird das nicht zulassen.“
       Niedersachsen hat 20,2 Prozent der Anteile an VW und damit eine
       Sperrminorität für alle wichtigen Entscheidungen. Was aber wird, wenn die
       nächste Schließung 2028 angedroht wird oder 2030, darauf hat er keine
       Antwort. VW darf einfach nicht gehen, nicht in Emden.
       
       Ministerpräsident Olaf Lies, selbst bekennender VW-Bulli-Fan, hat nach
       seiner China-Reise im April schon ein paar Mal ein anderes Lösungsszenario
       ins Spiel gebracht: Vielleicht könnte man die nicht ausgelasteten Werke ja
       für chinesische Modelle nutzen. Eine Art Umkehrung der Joint Ventures, mit
       denen VW auf dem chinesischen Markt für eine ganze Weile erfolgreich war.
       
       Auch von einer Nutzung durch die Rüstungsindustrie ist immer wieder die
       Rede. Hauptsache, die Arbeitsplätze bleiben erhalten, heißt das wohl. Denn
       in der SPD ist die Angst groß, dass sonst noch mehr ihrer Stammwähler zur
       AfD abwandern. Im September sind hier Kommunalwahlen, im kommenden Jahr
       Landtagswahlen.
       
       10 Jul 2026
       
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