# taz.de -- Documenta-Symposium in Kassel: Kritisches Denken ist das langsame Kochen der Seele
       
       > Mit einer dreiteiligen Konferenzserie umreißt das Kasseler
       > documenta-Institut sein Forschungsprofil. Nur brav der Geschichte der
       > Weltkunstschau hinterherforschen will es nicht.
       
 (IMG) Bild: Verlangt nach Imagination: Szene von der documenta XI, bei der Okwui Enwezor einen postkolonialen, globalen Blick einforderte
       
       „Monsterschau“. Das Urteil war vernichtend. Im Herbst 1959 bilanzierten
       Wissenschaftler der Ostberliner Akademie der Künste ihren Besuch auf der
       documenta 2 in Kassel. Der „Diktatur der Abstrakten“ wollten die
       DDR-Intellektuellen eine Alternative unter dem Banner des Humanismus
       entgegenstellen. Wie wäre die Geschichte der documenta verlaufen, wenn
       diese „documenta humana“ tatsächlich stattgefunden hätte?
       
       Die Züricher Filmwissenschaftlerin Fabienne Liptay und die Bochumer
       Theaterwissenschaftlerin Dorota Sajewska erinnerten am Wochenende auf einer
       Tagung des Kasseler documenta-Instituts an dieses Projekt, beantworteten
       die offene Frage aber nicht.
       
       Stattdessen demonstrierten sie am Beispiel des polnischen Künstlers Andrzej
       Wróblewski die Brüchigkeit des Narrativs von den sich damals angeblich
       unversöhnlich gegenüberstehenden Bildsprachen Figuration und Abstraktion.
       Der 1927 geborene, 1957 gestorbene Wróblewski fiel durch dieses Raster,
       weil er seine Anti-Kriegs-Bilder in beiden Modi malte.
       
       ## Das Ungeheuer aus den Fluten der Karlsaue
       
       Die Tagung war die dritte einer Serie, mit der das documenta-Institut seine
       Arbeit in die Öffentlichkeit trägt. 2020 gegründet, ausgestattet mit einem
       Budget von rund 800.000 Euro, drei Professor:innenstellen und dem
       Soziologen Heinz Bude als Gründungsdirektor, soll es das alle fünf Jahre
       aus den Fluten der Karlsaue auftauchende Ungeheuer erforschen, ohne das die
       nordhessische Stadt nur noch schwer vorstellbar wäre.
       
       Begonnen hatte es im November letzten Jahres mit dem Berliner
       Vortragsmarathon „De-/Re-/Kontaminierungen im Kunstfeld nach 1945“. Bei den
       20 Vorträgen wurde klar, dass die spektakulären Enthüllungen um die
       [1][SA-Mitgliedschaft des documenta-Chefdenkers Werner Haftmann] nur die
       Spitze des Eisbergs waren, der den Mythos von der documenta als
       „Wiedergutmachung“ an der Moderne widerlegte. Die personellen Netzwerke und
       das (kommunistische und jüdische Positionen exkludierende) Haftmann-Credo
       von der Abstraktion als Weltsprache durchzog das Nachkriegs-Kunstfeld in
       ganz Deutschland.
       
       [2][Die zweite Tagung Ende Juni] brach eine Lanze für die unauflösliche,
       ewig dem populistischen Verdikt ausgesetzte Verbindung von Kunst und
       Theorie. Ein Indiz dafür, dass das Institut sich nicht als Buchhalter der
       engeren documenta-Geschichte versteht, sondern sie nach vorne denken und
       die gesellschaftliche Rolle der Kunst generell reflektieren will, war die
       dritte Tagung im Fridericianum.
       
       Denn der Tagungstitel „Critical Fabulations“ zielte nicht etwa auf die
       Kasseler Nationalheiligen, die Brüder Grimm, sondern griff [3][die Methode
       Saidiya Hartmans] auf. Bei ihrem Projekt die „unmögliche Geschichte“ der
       Sklaverei aufzuarbeiten, verbindet die US-Literaturwissenschaftlerin
       historische Recherche, kritische Theorie und fiktionales Erzählen.
       
       ## Unfassbar breites Forschungsfeld
       
       Auch wenn sich nicht alle Teilnehmer:innen an diese Vorgabe hielten,
       machte die Tagung erneut ein faszinierendes, unfassbar breites
       Forschungsfeld sichtbar. Documenta-Professorin Liliana Gómez vermutete
       hinter den parallel zur documenta gestarteten Versuchen der deutschen
       Auswärtigen Kulturpolitik an Kontakten mit Afrika das Motiv, die neuen
       postkolonialen Staaten für den Westen zu vereinnahmen, zugleich aber die
       koloniale Hypothek Deutschlands vergessen zu machen.
       
       Nadia von Maltzahn vom Beiruter Orient-Institut dekonstruierte das
       Selbstverständnis der documenta als Gatekeeper der Global Art. Die 2012 von
       Carolyn Christov-Bakargiev auf der d13 „entdeckte“ libanesische Künstlerin
       [4][Etel Adnan] war schon lange vor diesem Auftritt eine global
       wahrgenommene Poetin und Malerin.
       
       Im Rückblick auf die von den utopischen Impulsen des Nachkriegs beflügelte
       Ausstellung „Peace, Humanity, and Friendship Among Nations“, die 1966 im
       Art Pavillon der slowenischen Kleinstadt Slovenj Gradec im damaligen
       Jugoslawien stattfand, entwickelte Andreja Hribernik, Direktorin des
       Kunsthauses Graz, die Idee eines „Museums für Fiktion“.
       
       Dem theoretischen Konzept der Tagung am nächsten kam vielleicht die
       Kunstvermittlerin und Kuratorin Nora Sternfeld, von 2018 bis 2020 selbst
       Kasseler documenta-Professorin und seitdem Professorin für Kunstpädagogik
       an der Hamburger Kunsthochschule HFBK.
       
       In ihrem Essay „Something didn’t feel right. A retrospective View from the
       future“ blickt Sternfelds Protagonistin, eine Wiener Museumsbesetzerin, die
       eine Kunstausstellung vorbereitet, aus der Ich-Erzählerinnen-Perspektive
       des Jahres 2031 auf die 426-Tage-Periode zwischen dem April des Jahres
       2017, dem Beginn der documenta 14 in Athen und dem der Berlin-Biennale
       Anfang 2018 zurück, den sie mithilfe einer Wayback-Maschine rekonstruiert.
       Mit seiner Mischung aus literarischer Spekulation und historischer
       Präzision ventiliert der Text eine Art Vorahnung des Faschismus, der heute
       wieder heraufzudämmern scheint.
       
       ## Entzauberung eines Mythos
       
       Dass die schrittweise Entzauberung des deutschen documenta-Mythos durch die
       akademische Kärrner:innenarbeit des documenta-Instituts am Ende final
       dekonstruieren könnte, steht freilich nicht zu befürchten, wie der Auftritt
       [5][Nikita Dhawans] demonstrierte.
       
       Kunst ist für die Dresdner Politologin, in ihrer Keynote das aktuelle Motto
       der Proteste gegen Kultur-Kürzungen aufnehmend, nicht nur #systemrelevant.
       Sie eröffne die „Möglichkeit, in einem Raum zusammen zu sein“ und die
       „political friendship“ zu praktizieren, die sie gegen das isolationistische
       Prinzip des Faschismus und die scharfe Freund-Feind-Binarität seines
       Vordenkers Carl Schmitt stellte.
       
       Kunst kann für Dhawan als Gift eingesetzt werden. Wie in der Metro-Station
       in Los Angeles, wo die Stadt seit drei Jahren mit Mozart- und
       Beethoven-Klängen die Kriminalität senken und Obdachlose vertreiben will.
       Sie kann aber auch ein nachhaltiges Mittel zur Befreiung aus der
       Unmündigkeit sein.
       
       Dhawan erinnerte an die Kontroverse zwischen dem Bürgerrechtler W.E.B. Du
       Bois und dem Reformpädagogen Booker T. Washington Ende des 19. Jahrhunderts
       über die Frage, ob Schwarze diese Emanzipation durch die Lektüre
       Shakespeares oder mittels einer ökonomisch-technischen Ausbildung anstreben
       sollten, die ihnen soziale Unabhängigkeit beschert.
       
       ## Die Kraft der Imagination
       
       Mit dem Satz „No freedom without imagination“ schlug sich die streitlustige
       Wissenschaftlerin auf die Seite Du Bois’. Hier traf sie sich mit Sternfeld,
       die die „Fact“-Orientierung der politischen Linken gern um diese
       intellektuelle Produktivkraft ergänzt sähe.
       
       Die Kraft der Imagination sieht Dhawan nicht primär wie eine politische
       Waffe, sondern eher wie ein zerebrales Fitnesstraining, dem man wie beim
       Zähneputzen auch dann nachgeht, wenn man weiß, dass es das Leben am Ende
       nicht verlängern wird: „Critical thinking“, befand sie, „is the slow
       cooking of the soul“.
       
       Welches Motto könnte den imaginativen Muskelkater besser beschreiben, der
       sich nach ein paar Tagen der Sichtung rätselhafter documenta-Werke
       einstellt? Mit dieser Definition könnte sich vermutlich auch [6][Naomi
       Beckwith] anfreunden, die in 335 Tagen in Kassel die d16 eröffnen wird. Bei
       den drei Tagungen war die documenta-Kuratorin zwar abwesend. Vielleicht
       gelingt ihr trotzdem endlich mal eine „Monsterschau“?
       
       13 Jul 2026
       
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