# taz.de -- Aktivismus ist Teamsport: Die Macht des Wortes
       
       > In der sonst männlich geprägten Szene nimmt das Hamburger Kollektiv
       > Feminis.muss eine besondere Rolle ein. Über eine Nacht mit Farbrolle auf
       > dem Dach.
       
 (IMG) Bild: Eine sehr kurzlebige Kunst, gerade bei dem Aufwand: Doch das Kollektiv macht weiter
       
       Eine Gruppe Jugendlicher reicht sich im Licht der einzigen funktionierenden
       Laterne einen Joint herum, ansonsten ist der Schanzenpark menschenleer. Der
       Park im Hamburger Schanzenviertel ist als Treffpunkt ausgemacht. Es ist die
       erste Medienanfrage, auf die das Hamburger Graffitikollektiv Feminis.muss
       je eingegangen ist.
       
       Eine Person taucht in der Dunkelheit auf. Sie ist vermummt, trägt schwarze
       Klamotten und läuft geradewegs zum ausgemachten Treffpunkt. „Bist du
       Luca?“, fragt die helle Stimme. Sie wartet ein zögerndes Nicken ab und
       sagt: „Wir treffen uns in 30 Minuten in der Bar vorne an der Kreuzung. Dort
       besprechen wir alles Weitere.“ Und verschwindet wieder.
       
       Feminis.muss, ein Kollektiv aus Freund:innen, das eher malt als sprayt, ist
       inzwischen in ganz Hamburg bekannt. In der männlich geprägten
       Sprayer:innenszene nimmt das Feminis.muss-Kollektiv eine besondere
       Rolle ein: [1][Werke mit politischer, mit feministischer Botschaft]. [2][Wo
       sonst Sprayer:innen die Wände mit ihren Künstler:innennamen
       versehen], schmücken seit drei Jahren meterlange, mit einer Farbrolle
       aufgetragene „Feminis.muss“-Schriftzüge Gebäude.
       
       In der Eckkneipe angekommen, erklären zwei Mitglieder des Kollektivs den
       spontanen Ortswechsel. Sie vermuten, dass die Polizei [3][ihren
       Instagramaccount mit fast 8.000 Follower:innen] im Blick haben könnte.
       Ob bereits Ermittlungen laufen, wissen sie nicht. Die Kosten für die
       Beseitigung ihrer Werke dürften inzwischen aber im mittleren sechsstelligen
       Bereich liegen, schätzen sie. Außerdem hätte die Medienanfrage eine Falle
       sein können.
       
       ## Aus einem Running Gag entstanden
       
       Bei einem Bier und unvermummt erzählen die beiden, wie alles aus einem
       Running Gag mit einer Freundin entstand. Die Gruppe taggte der Freundin
       zuliebe den Feminis.muss-Slogan auf Wände und schickte ihr Beweisfotos.
       Daraus entstand die Idee, das größer aufzuziehen. Im August 2023
       organisierte sich die Gruppe, einigte sich auf einen einheitlichen Stil und
       malt nun regelmäßig den Schriftzug „Feminis.muss“ auf Hauswände.
       
       „Wir haben viel darüber geredet, wie der Stil sein soll, ob wir auch andere
       Sachen wie ‚Anarchis.muss‘ machen“, erzählt eine der beiden Personen. „Uns
       war es aber wichtig, genau diesen Kampf zu führen.“ Es gehe ihnen um die
       Macht der Sprache. „Je mehr das in der Stadt verteilt ist, desto mehr
       bleibt es in den Köpfen hängen, dass die Gesellschaft mehr Feminismus
       braucht.“
       
       Dass es die einen bestärke und andere verärgere, sei gleich wertvoll. „Es
       soll genauso Kraft geben wie wehtun – wir wollen inspirieren und
       konfrontieren. Gerade, da es [4][nicht auf dem Boden der Konformität] und
       des Legalen läuft, ist es so ein ausdrucksstarkes Medium.“ Ihr nächstes
       Stück soll besonders imposant werden: das aufwändigste, das sie je gemacht
       haben.
       
       ## Ein Dach mit Potenzial
       
       Treffpunkt ist ein Uhr morgens, am Berliner Bogen, etwa auf halber Strecke
       zwischen Alster und Elbbrücken. Gegenüber ist das Objekt der Begierde, das
       seit 2022 stillgelegte Ambassador Hotel. Eine:r der beiden war vor ein
       paar Wochen hier und sah in dem Dach Potenzial.
       
       Die Person kletterte kurzerhand tagsüber das daneben stehende Gerüst hoch
       und überprüfte, ob man an der Dachkante des ehemaligen Hotels gut malen
       könnte. Dass das Nachbargebäude eingerüstet ist, ist essenziell für den
       Plan, da man so auf dem leichtesten Weg aufs Dach gelangt. Eine Alternative
       wäre gewesen, ins Gebäude einzubrechen. Das birgt allerdings mehr Risiken.
       
       Lagebesprechung bei einer Zigarette. Die beiden haben mit bunter Farbe
       überzogene Blaumänner angezogen. Nicht gerade unauffällig, aber an einem
       Montag sind um diese Uhrzeit nicht so viele Menschen unterwegs. Einige –
       vermutlich waren sie bei einer Party im nicht weit entfernten Club Südpol –
       torkeln vorbei und schenken den beiden Maler:innen keine Beachtung. Auf
       der mehrspurigen Straße ist deutlich mehr los als geplant, auch
       Polizeiwagen fahren vorbei.
       
       Die beiden Maler:innen warten die nächste Ampelphase ab und sind binnen
       Sekunden im abgedeckten Bereich des Gerüsts verschwunden. Über die Treppen
       und Leitern geht es die sechs Stockwerke hoch. Immer wieder klirrt die
       Leiter, die Farbrolle stößt gegen das Gerüst. Beide schrecken bei jedem
       lauten Geräusch zusammen.
       
       Über den obersten Gang des Gerüsts geht es auf das Nebendach. „Ich hab
       eigentlich gar keinen Bock auf Adrenalin“, erzählt eine:r der beiden. „Ich
       bin vor jedem einzelnen Bild wieder furchtbar aufgeregt und hab Angst
       davor, erwischt zu werden. Für den Kick mache ich es also gar nicht.“
       
       „Es wird irgendwann passieren, dass wir erwischt werden“, ergänzt die
       andere Person. „Wir sind ja auf Dächern, da sind wir schutzlos
       ausgeliefert. Wir laufen denen ja auf dem Weg nach unten direkt in die
       Arme. Ich hasse das.“ Sollte jemand der Gruppe mal erwischt und eine
       Geldstrafe verhängt werden, wird sie von allen gemeinsam getragen. Darauf
       haben sie sich geeinigt.
       
       Auf dem Dach noch eine schnelle Kippe, die letzte Lagebesprechung. Auf
       einem kleinen Zettel sind die Buchstaben maßstabsgetreu vorskizziert. Ihr
       aufwändigstes Werk soll 40 Meter breit werden, jeder Buchstabe ein Meter
       hoch und drei Meter breit.
       
       Die Farbe wird angemischt: ein knalliges Rot für die weißgraue Hauswand. Es
       hat immer wieder leicht genieselt in der Nacht, auch beim Raufklettern. Bei
       zu viel Regen hält die Farbe nicht, dann müsste man abbrechen.
       
       Die malende Person legt sich bäuchlings auf das nasse Dach, lehnt sich über
       die Dachkante und bewegt die schwere Farbrolle an der Wand auf und ab.
       Durchgehende Anspannung in Bauch, Armen und Schultern. Bloß den drei Meter
       langen Maler:innenstab nicht fallen lassen, das würde ebenfalls ein
       sofortiges Ende bedeuten. Den beiden ist das bereits passiert.
       
       Die zweite Person hält fest. Würde die Malende allerdings wirklich über die
       Kante rutschen, könnte das Festhalten sie auch nicht mehr sichern. „Da
       geht’s um das Gefühl“, erklärt die haltende Person. „Man fühlt sich einfach
       sicherer, wenn man Kontakt zum anderen hat. Außerdem schaue ich, ob uns
       irgendwer sehen könnte, reiche die Rolle an und nehme sie entgegen.“ Ihre
       Form des Aktivismus ist ein Teamsport.
       
       ## Das vielleicht beste Werk
       
       2.30 Uhr. „Feminis“ steht schon, „muss“ fehlt noch. Die Kraft schwindet,
       die malende Person friert. Beim Malen abwechseln ist nicht. Der Stil
       unterscheidet sich in Nuancen. Wer anfängt zu malen, bringt es auch zu
       Ende. Eine Zigarette und weiter. „Das wird vielleicht unser bestes Stück
       bisher, ich freu mich so darauf, es von unten zu sehen“, sagt die haltende
       Person. Eine weitere halbe Stunde später sind sie fertig. Eine Kippe, dann
       wird alles zusammengepackt. Nach unten geht es deutlich schneller.
       
       Wieder auf der anderen Straßenseite angekommen, sehen die beiden ihr
       bislang größtes Werk zum ersten Mal. „Das war wirklich mit großem Abstand
       das Anstrengendste, was ich bisher gemalt hab“, stellt eine:r der beiden
       fest. „Die Nässe, die Kälte, dazu die Größe des Werks – ich spür meine Arme
       nicht mehr.“ Aber wenn man es jetzt so sehe, habe sich der Aufwand wirklich
       gelohnt. Auch wenn es von unten immer deutlich kleiner aussieht, als es
       ist.
       
       Die meisten Bilder werden nach kürzester Zeit wieder entfernt. Eine sehr
       kurzlebige Kunst, gerade bei dem Aufwand. Doch das Kollektiv macht weiter.
       
       26 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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