# taz.de -- Diskussion über Graffiti in Neukölln: Wem gehört die Wand?
> In Sachen Graffiti gibt es tiefe Gräben zwischen Eigentümern, Sprühern
> und der Verwaltung. Ein Abend über die Frage, wer die Stadt mitgestalten
> darf.
(IMG) Bild: Die Sperrholzplatte mit dem Schriftzug „Ferkl“ vor dem Museum Neukölln
Wenn über Graffiti diskutiert wird, dauert es etwa zwei Minuten, bis jemand
von Sachbeschädigung spricht. Und drei Minuten länger, bis das Wort
Freiheit fällt. Im Museum Neukölln haben am Freitagabend unter der Leitung
von Museumsleiter Matthias Henkel vier Personen diskutiert, denen denkbar
unterschiedliche Begriffe auf die Frage einfallen, was sie ganz persönlich
mit Graffiti verbinden.
[1][Anlass für die Podiumsdiskussion ist die Ausstellung „Zeichen.
Sprachen. Stadtraum – Graffiti und Street Art in Neukölln“, die noch bis
zum 31. Mai 2026 besichtigt werden kann.] Hinter dem Podium führt eine
offene Tür in den Ausstellungsraum, über dem Giebel steht ein Graffito:
„Reclaim your Kiez!“ Vor dem Haus lehnt ein „Piece“ in Orange und Lila, das
die Besucher:innen begrüßt.
Annette Beccard, stellvertretende Vorsitzende von Haus & Grund, lässt
gleich zu Beginn keinen Zweifel an ihrer Gefühlswelt. Graffiti finde sie
grauenhaft: „Für mich gehört das weg.“ Zwei junge Männer in der dritten
Reihe verdrehen die Augen. Sie verstehe nicht, mit welchem Recht Menschen
Flächen derart verunstalten. „Das sind so tolle Gebäude, so tolle
Materialien, und dann kommen Leute und machen das kaputt.“
[2][Jurij Paderin von der Graffiti Lobby Berlin] bezeichnet die Stadt
dagegen als Schmelztiegel. „Wir haben in Berlin keine echten Ressourcen.
Aber wir haben kreative Menschen, die die Stadt mitgestalten wollen.“ Als
kritisiert wird, dass zu häufig auf unzulässigen Flächen gesprüht wird,
erwähnt er die wenigen offiziellen Sprayflächen, die bisher von der Stadt
ausgewiesen wurden. Paderin vergleicht das Sprühen mit Breitensport: „Wie
viele Leute können in Berlin gleichzeitig legal Fußball spielen? Hören die
Leute auf, wenn alle städtischen Plätze voll sind?“
[3][Er plädiert für mehr legale Flächen, wie sie am Nordbahnhof
existieren.] Dort habe sich gezeigt, dass solche legalen Wände den
Vandalismus im Umfeld reduzieren. Eine Frage aus dem Publikum: Wie solle
man aber mit dem Reiz des Verbotenen umgehen, mit denjenigen, die trotz
legaler Flächen mutwillig denkmalgeschützte Häuser oder privates Eigentum
verschmutzen?
Für seine Antwort geht Paderin noch einmal in die Fußballwelt. Auch dort
gebe es vereinzelt Spieler:innen, die sich unfair verhalten. Das führe dort
aber nicht dazu, dass der gesamte Sport verboten werde.
Die juristische Realität wirkt dabei oft absurd. Florian Schoenrock,
Fachanwalt für Strafrecht, berichtet von einer Spezialeinheit des LKA, die
sich ausschließlich mit Graffiti befasse. Dass die Beamten so umfassend
Jagd auf Sprüher:innen machen, sorgt im Publikum für Erheiterung.
Schoenrock ergänzt, dass es auch ein Zeichen gegen Werbung ist, diese mit
Graffiti zu übersprühen. „Wer gestaltet eigentlich unsere Stadt? Die mit
dem meisten Geld“, sagt er.
Eine Lösung bietet sich im Laufe des Abends nicht wirklich an. Selbst das
Bezirksamt ist skeptisch gegenüber staatlich kuratierten Jugendorten.
„Sobald wir einen bauen, ist es kein Jugendort mehr“, so Luczynski.
Schoenrock sieht das etwas anders: „Wenn man da eine Halfpipe hinbaut,
einen Basketballkorb und vielleicht noch Gratis-WLAN, werden solche Orte
stark frequentiert.“
Ein Kompromiss scheint während der offiziellen Diskussion nicht in Sicht.
Vor allem Beccard und Paderin geraten immer wieder argumentativ aneinander.
Doch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung bleiben sie auf dem Podium
sitzen und sprechen weiter miteinander.
Währenddessen schauen sich zwei junge Männer noch ein wenig in der
Ausstellung um. Sie bleiben vor Fotos von historischen Graffiti stehen.
„Ich checke schon nicht, wer überhaupt entscheiden will, was schön sein
soll“, sagt einer von ihnen. Der andere stimmt zu. Berlin wird also weiter
sprühen.
19 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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