# taz.de -- Harvard-Professor Sven Beckert: „Der Kapitalismus ist nicht der Zustand der Welt an sich“
       
       > Gegen den Kapitalismus hat es schon Revolutionen gegeben.
       > Harvard-Professor Sven Beckert erklärt, wieso das Wirtschaftssystem
       > selbst eine ist.
       
 (IMG) Bild: Kapitalismus ist langsam, weil er so radikal ist, dass er auf enormen Widerstand gestoßen ist: Wie hier beim G7-Gipfel in Évian
       
       taz: Herr Beckert, um die Übel des Kapitalismus loszuwerden, schreibt
       [1][Albert Einstein], gelte es, ein „[2][sozialistisches
       Wirtschaftssystem]“ zu etablieren und „ein Bildungssystem, das sich an
       sozialen Zielsetzungen orientiert“. Wie stehen Sie zu einem solchen
       Gedanken? 
       
       Sven Beckert: Wichtig ist es, den Kapitalismus erst einmal zu verstehen,
       und das geht nur aus einer langen, historischen Perspektive. Wir sehen
       dabei zweierlei: Eines seiner Resultate ist die starke Steigerung der
       menschlichen Produktivität, die das Leben in vielen Regionen der Welt in
       den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten charakterisiert hat. Und: Seine
       Geschichte geht mit Gewalt, Ausbeutung, [3][Kolonialismus] und Sklaverei
       einher.
       
       taz: Sie analysieren den Kapitalismus als Globalphänomen. War unsere Sicht
       auf ihn bisher zu eng gefasst? 
       
       Beckert: Radikal. Wir können ihn nicht aus einer rein europäischen,
       nationalen oder biografischen Perspektive verstehen, oder indem wir nur
       über die Gegenwart nachdenken. Viele Wissenschaftler, Politiker und
       Ideologen haben dies versucht und haben dabei den Großteil der Welt in
       ihren Erzählungen marginalisiert. Dies hat zu großen Missverständnissen
       geführt. Um den Kapitalismus zu verstehen, müssen wir ihn in seiner
       globalen Gesamtheit erfassen. Nur so können wir uns selbst verorten und neu
       und kreativ über unsere Zukunft nachdenken.
       
       taz: Der erste Satz Ihres Vorworts lautet: „Wir leben in einer Welt, die
       vom Kapitalismus geschaffen wurde.“ Kühn gesagt, oder? 
       
       Beckert: Wenn wir die Menschheitsgeschichte betrachten, ist er eine relativ
       neue Erfindung; gesellschaftsprägend ist er erst seit den letzten 500
       Jahren. Heute jedoch sind die größten Kontexte unserer Welt von ihm geprägt
       und auch einige der intimsten Bereiche unseres Lebens. Zugleich müssen wir
       uns bewusst machen: Der Kapitalismus ist nicht der Zustand der Welt an
       sich.
       
       taz: Sie sprechen vom Kapitalismus als von einer „Revolution“. Nicht jede
       Revolution ist also ein Akt der Unterbrechung? 
       
       Beckert: Die [4][Logik, der der Kapitalismus unterliegt], ist revolutionär
       anders als das Wirtschaftsleben der Menschheit davor, von der feudal
       organisierten bis zur Subsistenzökonomie, und sie ist radikal anders als
       die Wirtschaftsweise, die wir in vielen Bereichen der Welt noch vor 50 oder
       100 Jahren beobachten konnten. Das ist ein langer Prozess, der noch im
       Entstehen ist; wir können die Geburt des Kapitalismus auch heute noch
       beobachten. Und er ist langsam, weil er so radikal ist, dass er auf enormen
       Widerstand gestoßen ist.
       
       taz: Was ist Kapitalismus? Die Kommerzialisierung des Lebens, die Macht des
       Marktes über Staat und Zusammenleben? 
       
       Beckert: Das wäre zu verkürzt. Handel und Kommerz haben in allen
       menschlichen Gesellschaften existiert. Das Alleinstellungsmerkmal des
       Kapitalismus ist, dass privates Kapital produktiv investiert wird, um
       weiteres Kapital zu erzeugen.
       
       taz: In Ihren Kapitelüberschriften finden sich Wendungen wie „Der Ritt auf
       dem Tiger“ und „Zeit der Monster“. Auf welche LeserInnen zielen Sie? 
       
       Beckert: Auf die Vielen, die sich über den Kapitalismus Gedanken machen,
       mit großen Hoffnungen oder Sorgen. Um das Buch zu lesen, muss man nicht aus
       der Geschichts- oder der Wirtschaftswissenschaft kommen. Das Buch ist für
       alle Leserinnen geschrieben, die verstehen wollen, wie die Welt, in der wir
       heute leben, entstanden ist. Und es zeigt: Der Kapitalismus kann seine Form
       ändern, hat das schon oft getan; er ist undogmatisch. Aber wir können die
       Zukunft nur gestalten, indem wir verstehen, woher wir kommen.
       
       taz: Manchen gilt der Kapitalismus als Heilsbringer, manchen als Feindbild. 
       
       Beckert: Egal ob wir ihn lieben oder hassen: Es ist extrem wichtig, ihn
       erst einmal zu verstehen.
       
       14 Jul 2026
       
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