# taz.de -- Kapitalismuskritik und Alternativen: „Wir wollen den Diskurs im Land verändern“
       
       > Es wird Zeit, über eine andere Wirtschaftslogik zu sprechen, findet
       > Martin Oetting. Wie er mit seiner Organisation den Wandel voranbringen
       > will.
       
 (IMG) Bild: „Überreichtum gefährdet und zersetzt die Demokratie“: Demonstration in den USA
       
       taz: Herr Oetting, [1][auf Youtube] folgen Ihnen knapp 25.000 Menschen,
       Ihre Videos erreichen teils über 100.000 Aufrufe. Was machen Sie dort? 
       
       Martin Oetting: Ich versuche, auf zugängliche Weise zu erklären, warum
       unsere Art und Weise, Wirtschaft zu organisieren und über Wirtschaft
       nachzudenken, für die großen Probleme unserer Zeit verantwortlich ist.
       
       taz: Das müssen Sie bitte erklären. 
       
       Oetting: Es gibt derzeit nur eine Richtung: Die Gesellschaft wird immer
       ungerechter. Diejenigen, die absurd viel Geld haben, sind in Sphären
       unterwegs, in denen [2][der Überreichtum] selbst offenbar als einzig
       sinnvolle Aufgabe für sie übrigbleibt. Deswegen brauchen sie eine
       Erzählung, die die Aufmerksamkeit von der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit
       ablenkt. Die liefern ihnen faschistische Populisten: Die Immigranten, der
       Umweltschutz, die Arbeitslosen sind schuld an den realen Problemen vieler
       Menschen. Die [3][Rechten sind deshalb so erfolgreich, weil sie sich mit
       den Reichen verbünden und von ihnen Mittel bekommen]. Besonders klar wird
       das in den USA. Alles im Sinne des Schutzes einer wildgewordenen
       Wirtschaftslogik zugunsten einiger weniger, die zugleich auch noch ganz
       andere Probleme erzeugt: die Übernutzung der planetaren Lebensgrundlagen
       zum Beispiel.
       
       taz: Bekommen Sie die Reaktionen der Menschen mit, die Ihre Videos sehen? 
       
       Oetting: Es gibt eine überraschende Resonanz. Die große Erkenntnis des
       Jahres 2025 war für mich: Viele da draußen wissen längst, dass uns unsere
       Systeme im Stich lassen, oder merken zumindest latent, dass es so nicht
       weitergehen kann. Deshalb kam immer wieder die Frage: Was machen wir denn
       jetzt?
       
       taz: Und, was machen Sie? 
       
       Oetting: Ich habe mit Bekannten gesprochen, die an ähnlichen Ideen arbeiten
       und sich mit dem Aufbau von Organisationen auskennen. Wir haben dann unter
       anderem mithilfe der Reichweite meines Youtube-Kanals und Newsletters
       begonnen, eine Initiative für Wirtschaftswandel aufzubauen.
       
       taz: Wie soll die Organisation heißen? 
       
       Oetting: „System Delta“.
       
       taz: Warum? 
       
       Oetting: Der Name soll ambitioniert sein und deutlich machen, dass es
       wirklich um große, systemische Fragen geht. Wir wollen aber auch Raum für
       Fantasie lassen und vermeiden, dass der Name vorschreibt, wohin die Reise
       gehen muss. Außerdem wollen wir offen für alle sein, also keinen Namen, der
       uns direkt im politischen Spektrum verortet. Dass der Name im Kontext
       politischer Bewegungen ungewohnt klingt, sehen wir als Stärke.
       
       taz: Was hat es mit Delta auf sich? 
       
       Oetting: Delta ist in der Mathematik das Zeichen für die Veränderung, die
       Verschiebung. Zudem steht es im internationalen Buchstabier-Alphabet –
       Alpha, Beta, Charlie – für „D“, wie Deutschland.
       
       taz: Wie viele sind Sie denn? 
       
       Oetting: Im Moment sind knapp 100 Personen in unseren Strukturen aktiv,
       knapp 6.000 bekommen meinen Newsletter.
       
       taz: Und wie kommen Sie dann zusammen? 
       
       Oetting: Wir haben seit Jahresbeginn leichte Wachstumsschmerzen. Es ist
       nicht so einfach, wenn plötzlich 100 Leute aus ganz Deutschland miteinander
       arbeiten wollen. Gerade sind wir also dabei, unsere internen Prozesse zu
       verbessern und AGs aufzubauen. Ich denke, dass wir noch einige Wochen dabei
       sind, uns zu finden und ab dann wirklich Ergebnisse produzieren können.
       Interessierten bieten wir bis dahin an, von uns mit Ideen und Anregungen
       beliefert zu werden, um sich dann in ihrem Umfeld zum Thema
       Wirtschaftswandel aktiv zu betätigen. Wenn wir im derzeitigen Stadium neue
       Leute auf unsere Plattform holen würden, dann stünden wir uns gegenseitig
       auf den Füßen.
       
       taz: Warum braucht es überhaupt eine neue Organisation? 
       
       Oetting: Wir sehen uns als niedrigschwelliges Angebot für jede und jeden –
       egal welches Bildungsniveau, egal wie viel ökonomisches Vorwissen, egal wie
       viel Zeit für politisches Engagement –, über eine andere Wirtschaftslogik
       zu sprechen und lokal Alternativen zu testen. Wir wollen aber nicht um die
       Ecke kommen und alles besser wissen. Das Gegenteil ist der Fall. Zunächst
       mal sind wir der deutsche Ableger der internationalen [4][Wellbeing Economy
       Alliance.] Hierzulande sehen wir uns als Partner*innen für alle anderen
       Organisationen, die in die ähnliche Richtung laufen. Wir wollen die
       progressive Neigung überwinden, unsere Weggefährten zu bekämpfen, und
       lieber die Gemeinsamkeiten betonen.
       
       taz: Wofür steht System Delta inhaltlich konkret? 
       
       Oetting: Wir haben zwei thematische Säulen: Zum einen stellen wir das
       BIP-Wachstum als politisches Ziel infrage. Wir wollen stattdessen zu einer
       [5][Fortschritts- und Wohlstandsmessung] kommen, die für uns alle auf Dauer
       funktioniert. Zweitens glauben wir, dass wir auf dem falschen Weg sind mit
       einem Wirtschaftssystem, das immer mehr Überreichtum produziert. Dieser ist
       bereits so groß, dass er die Demokratie gefährdet und zersetzt. Wir wollen
       eine Wirtschaft, die demokratischer, gerechter und fairer ist.
       
       taz: Geht es dabei mehr um Bildung und Analyse oder um konkrete Lösungen? 
       
       Oetting: Das inhaltliche Selbstverständnis von System Delta über das
       bereits Gesagte hinaus entsteht noch. Ich glaube aber, dass informierter
       Zweifel der Startpunkt für Veränderung ist. Deswegen spreche ich darüber,
       was wir meiner Ansicht nach falsch machen oder hinterfragen sollten. In der
       Organisation sagen aber durchaus manche, wir müssen mehr darüber reden, auf
       was wir hinarbeiten wollen.
       
       taz: Das finden Sie schwierig? 
       
       Oetting: Wenn man heute die Systemfrage stellt, glauben viele Leute, man
       wolle den Realsozialismus wiederhaben. Die Unfähigkeit, die Dualität des
       20. Jahrhunderts zwischen Kommunismus und Kapitalismus zu überwinden, zeugt
       von einer unreifen Gesellschaft. Hier ist im ersten Schritt noch viel
       Überzeugungsarbeit notwendig, sonst wird eine Zukunftsvision immer für
       naiver Blödsinn gehalten. Außerdem ist es nicht besonders demokratisch,
       wenn eine kleine Gruppe eine Vision vorgibt. Es effektvoller,
       Arbeitsprinzipien vorzuschlagen, nach denen wir als Gesellschaft
       miteinander agieren wollen, und dann gemeinsam herauszufinden, was für eine
       Welt dabei entsteht.
       
       taz: Sie sprechen aber doch darüber, lokale Alternativen zu testen? 
       
       Oetting: Wir wollen Lokalgruppen gründen, vor Ort mit neuen
       Wirtschaftskonzepten experimentieren und mit örtlichen Einrichtungen oder
       vielleicht städtischen Initiativen zusammenarbeiten. An nationale
       Umsetzungsprojekte für eine andere Wirtschaft glaube ich aber nicht. Hier
       braucht es andere Ansätze.
       
       taz: Welche Ansätze braucht es auf nationaler Ebene? 
       
       Oetting: Eher Bildung, Kommunikation und Kampagnen. Eine andere
       Wirtschaftspolitik lässt sich nur umsetzen, wenn eine laute Gruppe in der
       Bevölkerung dafür einsteht. Wir brauchen Geschichten, durch die Menschen
       Emotionen verspüren, vielleicht zornig werden. Wir müssen aber auch
       Geschichten erzählen, die Lust, Mut und Spaß machen. Und es muss darum
       gehen, der Politik, den Wirtschaftsakteur*innen, auch den Kulturschaffenden
       und den Medien, eine andere als die Wachstumserzählung nahezubringen. Wenn
       wir dies mit dem Lokalen verbinden und dafür sorgen, dass sich viel mehr
       Menschen zutrauen, in ihren Umfeldern über die enormen Probleme unserer
       Wirtschaftssysteme zu reden, dann können wir den Diskurs in diesem Land
       verändern.
       
       5 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/@MartinOetting
 (DIR) [2] /Report-zu-Superreichen-in-Deutschland/!6182184
 (DIR) [3] /Faschismus-Tagung-in-Konstanz/!6166975
 (DIR) [4] https://weall.org/
 (DIR) [5] https://www.un.org/sites/un2.un.org/files/high-level_expert_group_on_beyond_gdp_final_report.pdf
       
       ## AUTOREN
       
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