# taz.de -- Werkschau der Synth-Pioniere Popol Vuh: Tiefseehöhlen und Klangdome zwischen Hosianna und Mantra
> Die Münchner Band Popol Vuh gehört zur kosmischen Krautrock-Fraktion. Als
> Pioniere des Moog-Synthesizers erkundeten sie analoge Elektronik in
> epischer Breite. Das Label Cherry Red veröffentlicht nun die Werkschau.
(IMG) Bild: Florian Fricke schraubt im August 1971 an den Einstellungen und Verkabelungen des Moog-Synthesizers
Vor ein paar Jahren irrten internationale Post-Graduate-Kunststudierende in
einer lauen Herbstnacht im Mondlicht an einem portugiesischen
Atlantikstrand umher. Sie gaben eigenartige Laute nach Art von
Meeressäugern von sich und ihre Beine schienen sich bei jedem zweiten
Schritt in Gummi zu verwandeln oder seltsame Winkel einzunehmen wie in
Crumb-Zeichnungen oder bei Schmidtchen Schleicher mit den elastischen
Beinen.
Andere lagen mit ausgebreiteten Armen auf der Rasenfläche vor dem einsam
gelegenen antiken Hotel, in dem wir uns an diesem Wochenende für ein
erweitertes Seminar eingemietet hatten, und starrten mit still ekstatischem
Gesichtsausdruck in die sternenklare Nacht. Nein, sie hatten nichts
„genommen“.
Sie hatten nur einen Film gesehen, den wir an diesem Abend in dem
Frühstücksraum vorgeführt hatten. [1][Werner Herzogs] „Herz aus Glas“
(1976), gedreht mit angeblich hypnotisierten Darsteller:innen, musikalisch
begleitet von Popol Vuh. Erst am Morgen kamen die Leute bei einem starken
portugiesischen Bica wieder zu sich. Die psychedelischen Klangkuppeln und
die Blicke der verstrahlten Schauspieler hatten sie voll erwischt.
## Sind die Geräusche glücklich oder gequält?
Musik hat Bedeutungen in einem engen und weiteren Sinn. Einzelereignisse
und Details schaffen Unterschiede, die als Zeichen oft ohne konkrete
Semantik funktionieren, der soziale Rahmen der Aufführung, des öffentlichen
Listening stiftet einen allgemeineren Sinn. Selten passiert es, dass Musik
auf beiden Ebenen neu ist. Wenn aber doch, stellt sich stets eine
herausfordernde Frage: Was bedeutet dies? Was soll das heißen? Wie ist das
gemeint? Vor allem: Wer gibt diese Geräusche von sich? Sind er, sie oder es
glücklich, gequält oder einfach ganz woanders?
So muss es schon gewesen sein, als 1970 „Affenstunde“ erschien. Ein ebenso
wildes wie virtuoses Gezischel, Gefiepe, Geschrängel, Getappel und
kosmisches Geschwelge, bevor es das Signifikat „kosmisch“ für
Synthesizermusik gab. Ein Album von Popol Vuh, das einerseits die
Möglichkeit des Synthesizers, Klänge problemlos lang und sich langsam
verändernd stehen lassen zu können, ausspielt, ohne schon eines der Space-
und New-Age-Klischees zu kennen, die mit diesen Möglichkeiten später
einhergehen sollten; andererseits pulsieren extrem aufgeweckte
Percussionprügel unter dem mal nervösen Vogelschwarm, dann wieder der
hochmögenden Stasis des Synthiesounds.
„Affenstunde“ war das Debütalbum von Popol Vuh, einer der schwierigeren
Fälle aus der Welt des Krautrock und dennoch recht legendär: In London
werden beim Indielabel Cherry Red gerade einige ihrer Alben
wiederveröffentlicht.
## Wo Hindemith?
Mit Amon Düül II befreundet und gelegentlich Mitglieder tauschend, gehörten
auch Popol Vuh Ende der 1960er zur Münchener Szene, auch wenn sie mit Rock
und Live-Auftritten wenig zu tun hatten. Ihr einziges Dauermitglied Florian
Fricke hatte bei dem radikaleren und als kompliziert geltenden Bruder von
Paul Hindemith, dem sich aus Abgrenzungsgründen Paul Quest nennenden Rudolf
Hindemith studiert.
Und, Fricke hatte bei dem langjährigen Bombast-Meister des bayrischen
Musiklebens, Eberhard Schoener, einen der ersten Moog-Synthesizer entdeckt,
der es auf bundesdeutschen Boden geschafft hatte. 80.000 DM soll ihn das
Teil gekostet haben. Mit seinem auch später immer wieder zu Popol Vuh
gehörenden Freund, dem Filmer Florian Fiedler, erschloss er sich das nur
schwer zum Laufen zu bringende Gerät.
„Affenstunde“ und auch dessen unmittelbarer Nachfolger, „In den Gärten
Pharaos“, sind große Ausnahmen in der Diskographie [2][später „kosmisch“
gelabelter deutscher Prog-Musik]. Fricke baut Tiefseehöhlen und Klangdome
mit seinem schwergängigen Synthie, und ein gewisser Holger Trülzsch steuert
etwas bei, das „türkische Percussion“ genannt wird.
## Trompe-l-'loeil-mäßige Körperbemalung
Trülzsch wird später als der fotografierende und künstlerische Mitstreiter
der 1970er-Berühmtheit Veruschka Gräfin von Lehndorff bekannt
(Schauspielerin unter anderem bei Antonioni und Ottinger), die ihren Körper
trompe-l’oeil-mäßig so bemalte, dass er sich nicht von den verwitterten
Gebäuden, wilden Gärten et cetera unterschied, die als Hintergrund für
diese Fotos dienten.
Auf diesen beiden Alben von Popol Vuh spielt er sehr eigene, brillante
Beats, die sich erfolgreich bemühen, das Kontinuierliche, Architektonische
der Synthibauwerke mit lauter flinken, diskreten Schlägen zu beantworten;
nicht etwa durch aufteilende, ordnende Rhythmen, sondern durch eine
menschliche Produktion, die ebenso zugleich maschinenhaft und eigensinnig
wirkt wie der massive Synthi selbst.
Nur die Rückseite des Covers gibt ein kulturelles Deutungsangebot: Zwei
Männer in afghanischen Fellmänteln und -Westen, wie deutsche Hippies sie zu
Beginn der 1970er trugen, eine Frau mit Stirnband musizieren auf der
Flokatijahresproduktion einer mittelgroßen ägäischen Insel und scheinen auf
Befehle des gewaltigen Synthiobjekts zu warten, mit dem sie ihr Lager
teilen.
„Affenstunde“ ist aber trotz fotografisch vermittelter Lifestyle-Infos
absolut einzigartig, weil die Einfälle spröde, radikal, zahlreich sind und
eindrucksvoll unverständlich für sich stehen. Bei den „Gärten Pharaos“ gibt
es mehr Dramaturgie, mehr psychedelischen Gesamtangriff auf das menschliche
Myzel. Neben Fricke, der nun auch andere Keyboards spielt, und Fiedler
kriegt auch Frickes Freundin/Ehefrau Bettina (die mit dem Stirnband)
Credits. Das Album ist gewaltig, aber auch schon kurz davor, dann doch
etwas zu bedeuten (was bei „Affenstunde“ nicht passieren kann), nämlich:
das Sakrale. Outer Space, Kosmos, innere Unendlichkeiten. Deutsches
Hippietum.
Mich stört das nicht wegen eines renitenten Rationalismus (den ich ja auch
beim Ehepaar Coltrane, Sun Ra und La Monte Young ausknipsen kann wie ein
lästiges Nachtlicht), sondern weil die Bedeutung „sakral“ oder „heilig“ für
eine neuartige, nicht in narrative Einheiten zerlegbare Musik tautologisch
ist, verengend. Heilig ist ein überzeugender Sound ja eh.
## Nächtliche Narreteien
Der große Gewinn eines irren neuen Klangs wird so an die bereits
ausgebaggerten Kanäle der inneren Hörgeographie verramscht. Dennoch bleiben
aber auch die „Gärten“ wegen zahlreicher verrückter Momente, die nicht nur
ungefestigte Menschen zu nächtlichen Narreteien verleiten können,
empfehlenswert. Doch Fricke findet bald, dass sich sein Riesen-Moog
auserzählt hat und schiebt das Teil an Klaus Schulze (damals noch bei
Tangerine Dream) nach Westberlin ab.
Danach greift er dann wieder – wie schon früher – auf Kirchenorgeln, aber
auch auf die Maschinenparks der Rockmusik zurück. Andere Musiker kommen
hinzu, vor allem sehr präsent der Gitarrist Conny Veidt, der nebenher die
Band Gila unterhielt, bei der auch Fricke aushalf, und nun wird es
eklektischer und in jeder Hinsicht durchwachsener.
Frickes tiefdeutsches Gottsuchertum, wenn auch synkretistisch und
weltoffen, bestimmt aber bei Alben wie dem nun folgenden konfessionell
maximal breit betitelten „Hosianna Mantra“ schon recht hartnäckig die
Stimmung. Fricke soll, einem Buch über die Band, das auch gerade erschienen
ist, zufolge geäußert haben, in Deutschland gäbe es nur „seichte Schlager (
….), also Kitsch und auf der anderen Seite (…) die völlige Negierung von
Tonalität à la Stockhausen“, da wäre doch in der Mitte noch was frei.
## Schaumiges Gitarrengedaddel
Als Dialektiker hätte man sich zwar eher auf die triviale Seite seriellen
Komponierens oder die Tiefendimensionen des deutschen Schlagers stürzen
können, aber die Freiheit der Mitte erlaubte es Fricke und seinen
wechselnden Mitstreitern, in lockerer Folge ihren spirituellen
Eklektizismus spazieren zu führen, verbunden nur durch tiefstgründelnde
Titel („Sei still, wisse ICH BIN“): von luftig-westküstigem, schaumigem
Gitarrengedaddel bis zu kleineren Modellen des Klangdoms, Klangbungalows
gewissermaßen.
Der große Häresiarch deutscher LSD-Kosmik, der Journalist und
Labelbetreiber Rolf-Ulrich Kaiser, hatte die Band vorübergehend unter seine
Fittiche genommen, sodass der kulturelle Resonanzraum von Popol Vuh nun
einigermaßen definiert war: die langsam Psychedelia und dann auch Herrmann
Hesse hinter sich lassende meditierende Jugend, wenige Meter vor New Age.
Zu einer dann aber doch anderen Bedeutungserzwingung kam es allerdings
durch eine andere Wendung des Schicksals, die dann quasi die dritte
Bandphase eröffnete. [3][Mit Werner Herzog.]
Fricke war mit dem Regisseur schon länger befreundet und spielte in dessen
„Lebenszeichen“ (1968) den Pianisten. Herzog beschrieb ihn mal als seinen
anderen großen Freund (neben Kinski, der ja bekanntlich auch ein Feind war:
Fricke war dies nicht). Popol Vuh steuerten seit 1975 nicht nur zu Herzogs
krawallexistenzialistischen Kinski-Dramen „Aguirre“, „Fitzcarraldo“, „Cobra
Verde“ und „Nosferatu“ die allfälligen Klanggewölbe und dazu gehörige Alben
bei.
Auch bei kleineren früheren Werken wie „Die große Ekstase des
Bildschnitzers Steiner“ oder „Auch Zwerge haben klein angefangen“ war
Fricke schon dabei – und natürlich bei „Herz aus Glas“. Damit beantwortete
sich, wenigstens teilweise, die Frage, was diese Musik bedeutet. Herzog
kann man vielleicht auch als einen Gottsucher bezeichnen oder besser: als
einen Gottsucherbeobachter – und da kamen dann zwei zusammen, die es bis in
die 2010er Jahre schafften, postgraduierte Kunststudierende auch ganz ohne
Hosianna und Mantra durch wilde Nächte am Atlantik zu treiben.
Man darf sich das allerdings nicht so vorstellen, dass Frickes
Eklektizismus zwischen durchgeknallter Sakralität, lieblicher
Hippiewiesenmusik, abgründiger Schächte und Gewölbe und der lebenslangen
Liebe zu Mozart nun zu einem einheitlichen Typus von Filmmusik verschmolz,
der unterstützte, was der Herzog zeigen wollte.
Eher lieferte Popol Vuh einen weiteren Veruneindeutigungsfaktor, eine
weitere schräge Rahmung für die Unbedingtheiten der Herzog-Welt; nur der
Humor, den Herzog bei seinen späteren Arbeiten entwickelte, war nicht die
starke Seite des 2001 verstorbenen Fricke und seiner lockeren Sekte;
beziehungsweise, wie man hört, auf das Privatleben beschränkt.
30 Mar 2026
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