# taz.de -- Krankschreibung in Schweden: „Selbstverständlich und unproblematisch“
       
       > In Deutschland soll die Teilzeitkrankschreibung eingeführt werden,
       > Vorbild ist Schweden. Wie funktioniert es dort?
       
 (IMG) Bild: In der Regel muss in Schweden erst ab dem achten Kalendertag ein Attest dem Arbeitgeber vorgelegt werden
       
       Krankgeschrieben und trotzdem arbeiten? Das geht in Schweden schon lange.
       Wer noch genug Kraft hat, um eingeschränkt weiterzuarbeiten, kann in
       Absprache mit Ärzten und Arbeitgebern Arbeitszeit und Aufgaben anpassen. In
       Deutschland ist die Einführung dieser Teilzeitkrankschreibung nach
       schwedischen Vorbild jetzt mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz,
       [1][dem Krankenkassensparpaket], geplant. Doch Ärzt*innen in Deutschland
       halten das für nicht umsetzbar. Wie klappt das in Schweden und wie hält es
       das Land mit Krankschreibungen generell?
       
       Bei kurzen Erkrankungen, für die ein paar Tage [2][Bettruhe] reichen,
       regeln Kranke und Vorgesetzte in Schweden alles unter sich: In der Regel
       muss erst ab dem achten Kalendertag ein Attest vorgelegt werden.
       
       In medizinisch eindeutigen Fällen ist das auch auf Distanz zu bekommen,
       jedenfalls bis zum 14. Kalendertag. Danach endet die Pflicht des
       Arbeitgebers, den (bereits reduzierten) Krankenlohn zu zahlen, die
       staatliche Sozialversicherung Försäkringskassan übernimmt den Fall und die
       ärztliche Begleitung wird komplexer.
       
       Ein Blick auf die Zahlen vom Januar 2026: Da waren in Schweden laut
       Försäkringskassan 181.380 Menschen krankgemeldet. Davon arbeiteten 52.105
       in Teilzeit weiter. Die meisten (27.091) reduzierten ihre Arbeitszeit auf
       50 Prozent, 11.177 auf 75 Prozent und 13.804 auf 25 Prozent.
       
       ## Arbeitgeber haben hohe Verantwortung
       
       Dieses vierstufige Krankschreibungsmodell gibt es in Schweden seit 1990.
       Aber schon seit Einführung der allgemeinen Krankenversicherung 1955 war
       laut Mari Huupponen eine Reduzierung der Arbeitszeit um 50 Prozent möglich.
       Die Expertin für Gesellschaftspolitik im größten schwedischen
       Gewerkschaftsbund LO beschreibt die Teilzeitkrankmeldung als einen völlig
       selbstverständlichen Teil des Gesundheitssystems. „Sie ist außerdem ein
       sehr unproblematischer Teil“, sagt sie im Gespräch mit der taz.
       
       „Wir finden die Möglichkeit gut, weil sie die Rückkehr zur Arbeit
       erleichtert und vielleicht sogar verhindert, dass die Krankheit schlimmer
       wird“, so Huupponen. Es sei meistens besser für Erkrankte, den Kontakt zur
       Arbeit zu behalten und nicht ganz aus ihren üblichen Strukturen
       herauszufallen.
       
       Die Gewerkschaftsexpertin hebt die hohe gesetzlich geregelte Verantwortung
       der Arbeitgeber als entscheidend hervor. Die müssten nicht nur
       Teilzeitarbeit ermöglichen, sondern seien auch zu Anpassungen verpflichtet,
       um die Arbeitsbedingungen für betroffene Angestellte langfristig zu
       verbessern.
       
       Laut einer Untersuchung der Försäkringskassan von 2023 werden solche
       Anpassungen vor allem dann umgesetzt, wenn erkrankte Angestellte in
       Teilzeit weiterarbeiten. Am häufigsten empfehlen Ärzte demnach
       Arbeitsplatzumstellungen bei psychisch bedingten Krankschreibungen. Die
       wiederum machen den größten Anteil der Teilzeitkrankschreibungen aus.
       
       Ursprünglich sollte die Arbeitszeit täglich etwas reduziert werden. Doch
       das war nicht für alle Berufe und Lebensbedingungen praktikabel. Seit 2022
       kann die Reduzierung flexibler über die Woche verteilt werden, etwa um
       lange Pendelzeiten zu vermeiden – für Huupponen eine sinnvolle
       Verbesserung.
       
       ## Krankengeld oft niedrig
       
       Vom Lob für das Teilzeitkrankschreibungsprinzip mal abgesehen hat die
       Gewerkschaftsexpertin allerdings viel Kritik am schwedischen
       Gesundheitssystem, oder daran, „was vom einstigen Wohlfahrtsstaat noch
       übrig ist“, wie sie sagt.
       
       Allein die Höhe des Sjukpenning, des Krankengeldes, sei nicht mehr, was sie
       mal war. Eigentlich sollten 80 Prozent des Lohns – bei Teilzeit anteilig –
       ersetzt werden, doch laut Huupponen liegt die Quote inzwischen meist
       darunter. Die den Sozialdemokraten nahestehende Organisation LO fordert
       eine Anhebung der Höchstgrenze und eine Koppelung an die Lohnentwicklung.
       Auch die Genehmigungskriterien für Langzeiterkrankte sollten geändert
       werden.
       
       In Schweden sank der Krankenstand laut Försäkringskassan ab etwa Mitte der
       2000er von über vier auf zwei Prozent und hält sich seitdem auf relativ
       niedrigem und stabilem Niveau. Anders als etwa in [3][Norwegen], wo die
       Zahl der erkrankten Berufstätigen demnach durchschnittlich höher ist und
       stärker schwankt – das System ist weiterhin großzügiger. In Schweden wurde
       es derweil erklärtes politisches Ziel, den Krankenstand zu verringern.
       
       „Anstatt dabei aber auf Verbesserungen im Arbeitsmilieu oder bei der
       Rehabilitation zu setzen, hat man die Krankenversicherung im Sinne des New
       Public Management umgebaut“, sagt Huupponen. In der Folge wurde es
       schwieriger gemacht, überhaupt Ersatzleistungen genehmigt zu bekommen.
       
       Was in Schweden passiert, wenn man länger krank ist: Arbeitgeber rufen
       regelmäßig an und fragen nach dem Befinden, Fallmanager der Versicherung
       entwickeln Rückkehrpläne mit Arzt und Personalabteilung. Nach 90 Tagen
       überprüft die Versicherung, ob die erkrankte Person eine andere Aufgabe bei
       ihrem Arbeitgeber übernehmen könnte, wie Büroarbeit statt schwerer
       körperlicher Tätigkeit. Ist das nicht der Fall, geht es vorerst weiter,
       aber nach 180 Tagen wird geprüft, ob die Arbeitsfähigkeit vielleicht für
       eine ganz andere Tätigkeit ausreicht. Sieht die Versicherung das als
       gegeben an, kann sie das Krankengeld streichen. Nach einem Jahr wird es für
       weiterhin Berechtigte auf 75 Prozent des ursprünglichen Gehalts gekürzt.
       
       ## Es gilt das Prinzip Kontrolle
       
       „Das System verlangt heute sehr viel von dem Einzelnen“, kritisiert
       Huupponen. „Nicht alle Menschen haben die Kapazität, einen neuen Beruf zu
       lernen oder umzuziehen“, sagt sie. Für solche bräuchte es ein anderes
       System.
       
       Das jetzige System beinhaltet zahlreiche Maßnahmen zur Wiedereingliederung,
       wie mehrwöchiges Probearbeiten ohne Einbußen beim Krankengeld,
       Arbeitstraining, Arbeitsmarktschulungen, Arbeitstherapie. Der Anspruch auf
       Krankengeld kann gekürzt oder gestrichen werden, wenn die Betroffenen
       Bedingungen nicht einhalten – oder wenn die Behörde trotz ärztlichem Attest
       meint, es bestehe kein Anspruch.
       
       LO-Expertin Huupponen sagt: „Anstatt den Menschen zu festen Zeitpunkten mit
       Kontrollmechanismen Angst zu machen, sollten sie zu Momenten der
       Unterstützung umgewandelt werden, an denen man noch einmal individuell
       schaut, was den Betroffenen helfen könnte.“ Und zwar allen, unabhängig vom
       Prozentsatz der Krankschreibung.
       
       10 Jul 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Diekhoff
       
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