# taz.de -- Musik in der Ukraine: Krieg ist eine äußerst komplexe Störung der Realität
> Gianmarco Del Re hat für sein Buch „Ukrainian Field Notes“ mehr als 300
> Interviews geführt. Sein Werk ist Grundlagenforschung zum Sound des
> Krieges.
(IMG) Bild: Yevhen Tolochnyy, Sänger von Skryabin, bei einem Konzert für seinen verstorbenen Vorgänger Andrij Kusmenko
Mit dem Krieg habe ich jedes Verlangen nach Musik verloren. Ich hatte
einfach weder Zeit noch Energie für Kunst. Am Anfang der Großinvasion war
Kunst etwas sehr Entferntes für mich“, sagt die ukrainische Komponistin und
Violinistin Katarina Gryvul während eines 2022, im ersten Jahr der
russischen Vollinvasion, geführten Gesprächs. Sie habe dann später wieder
mit der Musik begonnen, aber es sei ihr sehr schwer gefallen.
Der ukrainische Ambient-Musiker Ocheret schildert, er habe Probleme damit,
seine Projekte abzuschließen: „Die Zukunft ist verschwommen, also versuche
ich, im Hier und Jetzt zu leben, meine Träume und Wünsche zu erfüllen weil
ich wirklich nicht weiß, was im Laufe der kommenden Woche passieren wird.“
Die beiden Zitate stammen aus einem den psychologischen Folgen des Krieges
gewidmeten Kapitel des Buchs „Ukrainian Field Notes. Sound, Music, and
Voices from Ukraine After the Full-Scale-Invasion“ von Gianmarco Del Re,
vor kurzem beim Londoner Verlag Velocity Press erschienen. Genaugenommen
ist es der dritte Band einer Serie des italienischen Autors, der bereits
2023 und 2024 Zwischenergebnisse und begleitende Compilations
veröffentlicht hatte.
Del Re, der sich selbst einmal bescheiden als „sporadisch tätiger Künstler
und Filmemacher mit einer gesunden Neigung zur Prokrastination“ beschrieb,
hat vier Jahre lang Gespräche mit Menschen aus der Experimentalmusikszene
des überfallenen Landes geführt und sich intensiv mit der ukrainischen
Kultur, Geschichte und Lebenswirklichkeit befasst. Seine über 500 Seiten
umfassende Studie versteht er als „Einladung an die Leser, genauer
hinzuhören“ versteht – und zwar „nicht nur der Musik, sondern auch den
Stimmen und Erfahrungen dahinter“.
## Zunächst ein Podcast
Angefangen hat das Projekt mit Del Res Interviews für den experimentellen
Musikblog „A Closer Listen“, woraus ein monatlicher Podcast beim Londoner
Community-Radiosender Resonance FM wurde. „Ich begann damit, weil es das
war, was ich selbst lesen und hören wollte: Die Stimmen derjenigen, die
diese Ereignisse durch das Prisma des Sounds durchleben“, schreibt Del Re.
Bis Ende 2025 hatte er über 300 Interviews mit Menschen aus dem
Musikbereich über Krieg und Sound geführt – nicht nur mit Musikern, sondern
auch mit DJs, Produzenten, Labelbetreibern und Aktivisten.
Dabei wählte Del Re seine Gesprächspartner nicht nach Bekanntheitsgrad aus,
sondern versuchte, ein möglichst breites Spektrum abzudecken, wobei er sich
auf experimentelle und elektronische Musik fokussierte: Ambient, Drone,
Noise.
Er sprach mit Personen aus verschiedenen Regionen des Landes, mit
Zivilisten und Soldaten und gezielt mit queeren Personen – auch mit
unbekannten Künstlern, auf die er über Bandcamp, SoundCloud oder durch
Empfehlungen aufmerksam wurde. Die meisten Gespräche wurden online geführt,
einige persönlich während seiner Reisen in die Ukraine.
In seinem Buch versammelt Del Re, thematisch geordnet, klassische
Interviews und zusammenfassende Abschnitte, in denen verschiedene Meinungen
zu lesen sind und er das Gesagte analysiert. Dafür streifte er auch durch
die sozialen Netzwerke, die Presse und auch die ukrainische Kultur im
Ganzen, wodurch seine Nachforschungen in der Musikszene in einen größeren
Kontext eingebettet sind.
So zitiert er im Kapitel über die psychologischen Kriegsfolgen etwa aus dem
Memoir des ukrainischen Journalisten und Schriftstellers Stanislaw
Assjejew, der nach Beginn der russischen Aggression im Jahr 2014 zunächst
in seiner Heimatstadt Donezk blieb, um von dort zu berichten und später
zweieinhalb Jahre von prorussischen Separatisten gefangengehalten wurde. Im
Buch zitiert Del Re Assjewjews Erinnerungen aus dem
Isoljazija-Foltergefängnis, das früher einmal ein Kunstzentrum gewesen war:
Wie merkwürdig es gewesen sei, den Verkehrslärm an diesem Ort zu hören.
## Sound als Kontrollinstrument
Oder dass zuvor im Keller, in dem er zunächst festgehalten worden war, das
Geräusch des Aufzugs dazu diente, die vergangene Zeit zu messen. Der Aufzug
sei das einzige, was dort zu hören war, schreibt Assjejew. Del Re
reflektiert auch die Verwendung von Sound als Folter- und
Kontrollinstrument: Laute Rockmusik werde angestellt, wenn jemand
geschlagen wird, und Wärter zwingen die Gefangenen während der Folter dazu,
sowjetische Lieder zu singen.
In einem zentralen Kapitel widmet sich der Autor den verschiedenen Sounds
des Krieges – beginnend mit dem wohl offensichtlichsten Geräusch, den
Alarmsirenen, die jeden Tag in den ukrainischen Städten erklingen,
unmittelbar, bevor die Russen angreifen.
Dabei warnt er auch vor der Gefahr der Exotisierung, etwa im Fall des
Albums „Under Certain Light and Atmospheric Conditions“ (2025) des
australischen Star-Komponisten und -Produzenten Ben Frost, auf dem eine
Mischung aus Live-Shows, Field Recordings und Soundcheck- Improvisationen
zu hören ist. Del Re kritisiert, hier sei zwischen Auftritten in China und
Kuba mal eben eine Sirene aus Kyjiw hineingerutscht, das wirke wie ein
„akustischer Kühlschrankmagnet“.
Es kämen ethische Fragen auf, selbst wenn solche Gesten als Zeichen der
Solidarität intendiert sind. Das sieht Sasha Andrusyk, die die kuratorische
Plattform Ukoh Music und das Indielabel Kyiv Dispatch betreibt, ähnlich.
Krieg sei eine äußerst komplexe Störung der Realität – eine Störung von
Sprache, Zeit und Bedeutung.
„Der Versuch, ihn anhand von Luftschutzsirenen zu beschreiben, wirkt wie
eine Abkürzung, die sich auf die unmittelbarsten Assoziationen stützt – sie
sind laut und schockierend (und dokumentarisch akkurat), aber auch ziemlich
oberflächlich.“
Auch für Leser:Innen mit wenig Vorwissen ist das Buch im Allgemeinen gut
verständlich, hätte aber die interviewten und erwähnten Personen
ausführlicher vorstellen können. Dies mag dem Umstand zu geschuldet sein,
dass Del Re mit „Ukrainian Field Notes“ wirklich tief in seinen
Forschungsgegenstand eingetaucht ist. Aber während alle in der Ukraine den
legendären, 2015 verstorbenen Rockmusiker Andrij Kusmenko kennen, der mit
seiner Band Skryabin eine Art ukrainischen Depeche-Mode-Sound prägte, ist
das außerhalb des Landes nicht unbedingt der Fall.
„Ukrainian Field Notes“ ist ein wertvolles Dokument der ukrainischen
Experimentalmusik-Szene und zugleich eine breitgefächerte wie intensive,
man könnte sagen phänomenologische Reflexion über die komplexe und
bedrohliche Klanglandschaft des Krieges – in der Ukraine und im
Allgemeinen. Ein Stück Grundlagenforschung.
24 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Yelizaveta Landenberger
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