# taz.de -- Bilanz der Fashion Week Berlin: Schluss mit der Zurückhaltung
       
       > Ein Zentrum hat die Berlin Fashion Week schon lange nicht mehr.
       > Stattdessen ist die Mode überall in der Stadt zu sehen, etwa an diesen
       > vier Präsentationen.
       
 (IMG) Bild: Warten auf den Bus sah selten so gut aus. Die Installation von Lealabob bei Raum.Berlin
       
       ## Marke
       
       Vor ein paar Tagen erst hatte Berlin wieder einmal über das seit 2014
       stillgelegte Internationale Congress Centrum (ICC) diskutiert. Ende Juni
       hatte der Senat seine [1][Vergabeempfehlung für ein Projekt ausgesprochen],
       bei dem ein Kulturquartier mit Gewerbe, Hotel und Gastronomie entstehen
       soll. Geschätzte Kosten: 400 Millionen Euro. Finanzierung: komplett unklar.
       Es kann also dauern, bis sich da etwas tut. Solange kann der
       raumschiffartige Bau wenigstens für [2][Fashion Shows] herhalten, wie jetzt
       etwa für das Kölner Männermodelabel Marke. „Relics & Remnants“ heißt die
       neue Kollektion des Designers Mario Keine passenderweise.
       
       Rund um die „Gehirn“ genannte Lichtskulptur von Frank Oehring ließ er
       Models in Looks marschieren, die auf andere Weise ebenso aus der Zeit
       gefallen zu scheinen wie das Gebäude selbst. Inspiration dafür war, so ist
       nachzulesen, unter anderem Virginia Woolfs Zeitenwanderer Orlando. Dessen
       Wiedergänger steckte Keine in Looks, deren Silhouetten mal an die
       Hosenröcke der Rheingrafen des 17. Jahrhunderts, mal an Bomber- und
       Frackjacken, barocke Unterwäsche oder Hemden aus der Renaissance
       erinnerten. An Armen und Revers klimperten dazu üppige Bettelarmbänder und
       Perlenschnüre.
       
       ## Raum.Berlin
       
       Überhaupt bietet sich die Berliner Fashion Week immer auch dafür an,
       Gebäude der Stadt zu entdecken, in die man sonst wohl nie einen Fuß gesetzt
       hätte. Zum Beispiel das John-Jahr-Haus, das seit Kurzem erst an der Ecke
       Kurfürstenstraße/Schillstraße alle anderen überragt. Der fast 70 Meter hohe
       Büroturm ersetzt das frühere Pressehaus „Constanze“, wo sich einst, als die
       Magazinlandschaft noch eine andere war, das Berliner Verlagsbüro von Gruner
       + Jahr befand. Nach ganz oben, in den 16. Stock lud das Format
       „Raum.Berlin“, das der Fashion Council Berlin gemeinsam mit dem
       Bundesministerium für Wirtschaft und Energie [3][bereits zum dritten Mal
       veranstaltet], und das erreichen will, was ja eigentlich die ganze Fashion
       Week möchte: Designer:innen, Netzwerke und Sichtbarkeit verschaffen.
       
       Klassische Schauen gibt es dort keine, stattdessen Installationen mit
       performativen Elementen. An jedem Tag präsentierten sich vier Labels. Am
       Freitag war das unter anderem Lea Resech, die für ihr erst 2024 gegründetes
       Label Lealabob eine Bushaltestelle ins Penthouse versetzte, um die sich ein
       Haufen Models, strickend, lesend, skatend, spielend, schminkend,
       balancierend die Zeit vertrieb. Viel Spaß machte es, sich dieses in Ruhe
       anzusehen. Nachteil: Die Mode selbst rückte etwas in den Hintergrund. Dabei
       verdient das, was Resech aus meist gebrauchten und aussortierten Stoffen
       mit Anleihen aus Sportswear konstruiert oder auch dekonstruiert, all die
       Raffungen und Schnürungen, durchaus Aufmerksamkeit.
       
       Schon seit 2010 einer der feinsinnigsten der Berliner Modeszene ist
       Vladimir Karaleev, dessen Überlegungen zu Oberflächenspannungen drei Räume
       weiter zu besichtigen waren. Durchscheinende Funktionsstoffe mit wie sanft
       darüber gewischten Musterungen überlagerten sich da, hier mal
       zusammengezurrt, dort mal zusammengenäht oder drüber gewickelt, mit offenen
       Nähten, Karaleevs Markenzeichen.
       
       ## Hulfe
       
       „Ein Hut ist keine Kleidung. Er ist ein Ausrufungszeichen“, hat der irische
       Haute-Couture-Modist Philip Treacy, der regelmäßig Mitglieder des
       britischen Königshauses mit seinen Hutkreationen ausstattet, einmal gesagt.
       Zu Gesicht bekommt man solche in Berlin normalerweise selbst zur Fashion
       Week nur äußerst selten. Eine ganze Reihe von tragbaren Ausrufungszeichen
       aber war am Freitagabend an einem eher weniger royalen Ort der Stadt zu
       sehen, direkt am Kotti, auf einem der langgezogenen Balkone im Zentrum
       Kreuzberg, wo sich das Designstudio Hulfe befindet, gegründet von den
       Künstlerinnen Daphne Ahlers und Lilli Thiessen im Jahr 2020.
       
       Die beiden entwerfen Mode, angesiedelt irgendwo in der Grauzone zwischen
       Kleidung und Skulptur, die ihre Trägerinnen – darauf verweist der Name –
       auf die eine oder andere Art und Weise in der Bewältigung des Lebens
       unterstützt. Das Wort Hulfe nämlich setzt sich zusammen aus „Hilfe“ und dem
       niederländischen Namen der Märtyrerin Hulpe, die sich einen Bart wachsen
       ließ, um sich vor einer Zwangsheirat zu schützen. Als Alltagshilfe wirkt
       die neue Kollektion etwa mit Hüten aus schattenspendender Sonnenschutzfolie
       oder mit einem integriertem Aschenbecher. Dazu trugen die Models verkehrt
       herum getragene Shapewearbodys, BH-Tops als Röcke, ausgepolsterte Pos und
       Kleider aus denen die Trägerin quasi herausschlüpft.
       
       ## Schau 26
       
       Einen ungewöhnlichen, wenn auch eigentlich sehr naheliegenden Ort haben
       sich die [4][Studierenden der Universität der Künste] für ihre Schau26
       ausgesucht. Sie zeigten ihre Mode da, wo sie eben auch hingehört: auf der
       Straße. Dafür blockierten sie einen Straßenzug der Charlottenburger
       Bleibtreustraße, stellten links und rechts Bierbänke auf und ließen die
       Models übers Kopfsteinpflaster defilieren.
       
       Zu sehen war dabei angesichts der hohen Zahl an Beteiligten freilich Vieles
       und Vielfältiges. Einig war man sich aber offenbar darin, dass die Zeit
       nach radikalen Gegenentwürfen zu dem verlangt, was kürzlich noch als „Quiet
       Luxury“, als vornehme Zurückhaltung gefeiert wurde. Stattdessen gab es
       übertriebene Proportionen, ins Groteske verschobene Körperformen, Opulenz,
       Dramatik, wild Drapiertes bei vollem Materialeinsatz.
       
       6 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Plaene-fuer-das-ICC-in-Berlin/!6190291
 (DIR) [2] /Berlin-Fashion-Week/!6150655
 (DIR) [3] /Berlin-Fashion-Week/!6095789
 (DIR) [4] /Experiment-zwischen-Mode-und-Performance/!6177581
       
       ## AUTOREN
       
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