# taz.de -- Neue Buchreihe von Berliner Kleinverlag: Dylan mit Marx und Adorno ergründen
> Der Philosoph Rüdiger Dannemann versucht in „I shall be free No. 10“ das
> Werk des Songwriters Bob Dylan ontologisch auszuloten. Das gelingt ihm
> aber nur bedingt.
(IMG) Bild: Bob Dylan bei einem Konzert 1984 in Basel
Die Geheimwissenschaft „Dylanologie“ genießt international keinen guten
Ruf. Obwohl die intensive Auseinandersetzung mit der Musik und dem Image
von Bob Dylan als bloß spleenig-nerdige Beschäftigung mit dem Werk des
inzwischen 85-jährigen Weltstars und Nobelpreisträgers noch vergleichsweise
harmlos daherkommt. Etwas abschätziger schon ist die Verknüpfung von
Dylanologie mit der „Garbology“. Damit wollte in den frühen 1970ern ein
durchgeknallter Autor namens A. J. Weberman aus seinem Stalking und der
damit verbundenen Erforschung des Hausmülls von Bob Dylan einen
Forschungsgegenstand machen.
Um so mutiger (und, wie ich persönlich finde: sympathischer), dass nun der
Berliner Kleinverlag Bertz + Fischer eine Buchreihe namens „Dylanology“
auflegt. Allerhand „Texte und Materialien zum Gesamtkunstwerk Bob Dylan“
werden angekündigt, und der erste Band liegt jetzt vor: „I Shall Be Free
No. 10. Bob Dylans Songphilosophie“ von Rüdiger Dannemann.
Der Autor ist Philosoph, und in dem im Buchtitel angedeuteten Wort
Befreiung sieht er ein Leitmotiv im Werk von Bob Dylan. Dannemann nimmt
sich das gesamte veröffentlichte Werk Dylans vor, vor allem seine Songs
unterzieht er einer großen philosophischen Analyse.
## Unbedingt Subjektivität
Dass er Dylan selbst als „Antiphilosophen“ versteht, als einen, der seine
Überlegungen eher als „philosopher pirat“ zusammenklaubt, macht die
Forschung umso reizvoller. „Vagabundierend-philosophierend nimmt sich his
Bobness die Freiheiten, die Künstler besitzen“, schreibt Dannemann:
„Unbedingte Subjektivität und Freiheit statt Systemzwang, Feier des
Augenblicks als Affirmation authentischer Momenthaftigkeit und so ein
Freisetzen jener Vielfalt von Blicken auf die Welt und das eigene Ich, zu
der sich Dylan in seinem programmatischen Song ‚I Contain Multitudes‘
(2020) bekennt.“
Schon an diesem Zitat merkt man: Eine Einführung in Dylans Werk hat
Dannemann wahrlich nicht vorgelegt und biografische Informationen werden
auch nur spärlich geliefert. Was der Autor leistet, ist tatsächlich ein
origineller Versuch, Dylans Werk – und die Faszination, die es bis heute
für viele Menschen hat – ontologisch zu ergründen.
Sechs Stadien oder Entwicklungsetappen macht er bei dem
US-Singer-Songwriter aus, „wo deutlich gewordene Probleme eines Pfades der
Welterkundung und Befreiung Neuansätze und Richtungswechsel verlangen“. Oft
lotet Dannemann die Texte mit Hilfe europäischer Philosophie aus, mit Marx,
Adorno und Lukacs.
## Ist er Vorreiter von Hartmut Rosa?
Einmal gar attestiert er Dylan, dieser habe das Lob der Entschleunigung des
Jenenser Soziologen Hartmut Rosa vorweggenommen. Das erscheint mir als
Vereinnahmung des Sängers in einen akademischen Diskurs, die es gar nicht
braucht. Schon wegen anderer interessanter Gedanken Dannemanns nicht, etwa
diesem: „Dylans große Rockmusik Mitte der 60er Jahre war auf dem Weg, die
Positionierung der Dialektik der Aufklärung zumindest temporär in Frage zu
stellen“; es geht um die von Adorno und Horkheimer behaupteten Funktionen
der Unterhaltungsindustrie.
Zugegeben: Dylan als Antipode der Kritischen Theorie gefällt mir besser als
seine Charakterisierung als soziologischer Trendsetter. Aber beides findet
sich in diesem Buch, und weder das eine noch das andere ist wirklich gut
herausgearbeitet. Überhaupt fällt es mir schwer, in diesem gar nicht so
dicken Buch eine zentrale These zu entdecken.
Völlig richtig notiert Dannemann etwa: „Es kann kein Zweifel sein, dass das
ganze Œuvre Dylans von Anfang an in der jüdisch-christlichen Tradition
gestanden hat. Das haben viele ‚linke‘, bzw. ‚aufgeklärte‘ Bewunderer
seines Werkes lange ignoriert.“ Zugleich aber arbeitet er nicht heraus, wie
sich diese Tradition im Werk findet, und – noch merkwürdiger – das
spezifisch Jüdische bei Dylan – dessen christliche Phase gerade mal zwei
Jahre lang angedauert hat – wird kaum thematisiert.
## Assoziatives Verständnis
Doch vielleicht sollte man Dannemanns unglaublich gebildetes Werk anders
lesen, nämlich so, wie man die Musik von Bob Dylan hört: mit der
Bereitschaft zum assoziativen Verständnis, mit der Freude an guten
Songtextzeilen und überraschenden Wendungen sowie einer großen Toleranz
gegenüber genuschelten Wörtern.
Die Art, wie Dylan singt und seine Songs präsentiert, beschreibt Dannemann
sehr hübsch: „Sie stören und verstören. Eher passen sie zu einem
Songwriting, das Prämissen des Handelns und Verhaltens kenntlich macht,
Fragen formuliert und zu Reflexionen anregt.“
Das könnte doch ein schönes Programm einer „Dylanologie“ sein. Dannemanns
Werk mag nicht eingängig sein, aber die Probleme, es zu rezipieren, passen
wunderbar zum Objekt seiner Passion: Bob Dylan und seinem Werk. So gesehen
hat der Verlag recht, wenn er zum Auftakt seiner Reihe behauptet:
„‚Dylanology‘ wird der Stoff nie ausgehen.“ Die Welttournee Dylans endet ja
auch nie.
30 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Martin Krauss
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