# taz.de -- 1.642 Tage Krieg in der Ukraine: Ein ukrainisches Kriegsbegräbnis
> Iwan ist mit 23 Jahren an der Front gefallen. Er hinterlässt seine Frau
> und die zweijährige Tochter. Nun wird er in der Bukowina beigesetzt.
(IMG) Bild: Menschen werfen Blumen und knien an der Landstraße aus Respekt vor dem gefallenen Soldaten
Die meisten Toten im Krieg mit Russland bestatten wir in geschlossenen
Särgen. Der Krieg mit Drohnen und Raketen zerstört die Körper oft bis zur
Unkenntlichkeit. Oft dauert es auch lange, [1][Gefallene von der Front zu
bergen]. Darum können Angehören ihre Toten kein letztes Mal ansehen, ihre
kalten und doch so vertrauten Hände noch einmal berühren.
So war es bislang auch in diesem Dorf in der Bukowina, im Südwesten der
Ukraine. Doch die Verwandten des 23-jährigen Freiwilligen Iwan hatten
Glück: [2][Sein Leichnam konnte bereits drei Tage nach seinem Tod vom
Schlachtfeld geborgen werden]. Auch ein zusätzlicher DNA-Abgleich war nicht
nötig, da Mutter und Ehefrau Iwan anhand seines Tattoos und eines Armbandes
identifizieren konnten.
Wir treffen die Mutter des Gefallenen [3][in Tscherniwzi] an der
Leichenhalle. Es ist ein ruhiger Morgen in der Stadt, die 1.000 Kilometer
von der Front entfernt liegt. Vögel zwitschern, Passanten eilen mit
Coffee-to-go-Bechern vorbei.
Auf einer Bank im Hof wartet die Mutter auf die Leiche ihres Sohnes. Als
alle Papiere unterschrieben sind, tragen die Kämpfer der Nationalgarde den
Sarg zum Leichenwagen. Gerade, als der Fahrer die Tür schließen will, beugt
sie sich herunter und umarmt den Sarg. Sie möchte in diesem Auto neben der
Leiche ihres Sohnes zum Friedhof fahren.
## Im Konvoi zur Bestattung
Dann geht es los: Ein Polizeifahrzeug, der Leichenwagen, unser Auto mit den
Flaggen der Brigade, in der Iwan gedient hat – und hinter uns ein Bus mit
dem Orchester sowie die Autos der Angehörigen.
In der Stadt ist viel los, die Straßen sind voller Autos. Als sie unseren
Autokonvoi näherkommen hören, treten die Menschen an die Ränder der
Gehwege, Fahrer steigen aus ihren Autos aus. Manche beten oder sinken auf
ein Knie, andere legen eine Hand aufs Herz. Ich bemerke, wie eine Frau
ihren beiden Söhnen zeigt, wie man einem Soldaten den letzten Gruß erweist:
die rechte Hand am Ellbogen angewinkelt und die Faust nahe am Herzen.
Auf den Straßen sehe ich viele Männer. Bei ihrem Anblick denke ich, dass
der 23-jährige Iwan sein Leben auch für sie geopfert hat. An einer Kreuzung
versucht ein Radfahrer mit Kopfhörern, vor der Fahrzeugkolonne
einzuscheren. Passanten packen ihn am T-Shirt und reden lautstark auf ihn
ein.
## Menschen an der Straße knien nieder
Wir fahren fast 30 Kilometer aus der Stadt Tscherniwzi heraus nach Süden in
ein Dorf, das schon fast an der rumänischen Grenze liegt. Unterwegs werfen
Menschen Blumen auf die Autos und knien neben brennenden Grabkerzen nieder.
Im Dorf angekommen wartet schon die Witwe des Verstorbenen am Hoftor. Die
junge Frau mit den verweinten Augen hat keine Kraft zum Sprechen. Seit Iwan
von der Front zurückgebracht wurde, hat sie schon mehrfach das Bewusstsein
verloren, weshalb immer jemand seiner Kameraden aus dem Bataillon bei ihr
bleibt. Ihre zweijährige Tochter hat sie für die Zeit der Beerdigung bei
ihren Eltern untergebracht.
Auf dem Hof hört man jetzt ein Gebet in rumänischer Sprache. Hunderte
Menschen sind zusammengekommen. Vom Elternhaus des Gefallenen bringen wir
den Sarg zur einige Kilometer entfernten Kirche. Zu Fuß gehen wir hinter
dem Leichenwagen her. Der Weg führt durch ein Tal, von den Bergen hallen
die Klänge des Orchesters wider. Nach der Totenmesse in der Kirche zieht
die Prozession den Berg hinauf zum Friedhof. Die Sonne steht jetzt im
Zenit, wir sind von grünen Hügeln umgeben. In einem der Kränze, den ein
Freund Iwans mitgebracht hat, summt eine Biene. Es ist ein strahlender
Sommertag.
Dann schallt die ukrainische Nationalhymne über die Berge. Die Ehrenwache
salutiert dem Helden und wir sprechen gemeinsam das „Gebet des ukrainischen
Kriegers“, der Text, mit dem die Kämpfer in den Dienst treten. Als alles
vorbei ist, kommt Iwans jüngerer Bruder auf uns zu. „Würdet ihr mir das
Rangabzeichen meines Bruders schenken? Er war so stolz darauf, der Ukraine
zu dienen.“
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
23 Aug 2026
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