# taz.de -- Die Hitzeaufmerksamkeit: Wenn's mild ist, gibt es keinen Klimawandel mehr
       
       > Weil Europa abkühlt, ist die Hitzewelle vergessen. Diskurs über die
       > Klimakrise muss aber immer stattfinden – auch damit man ihre Ursache
       > bekämpfen kann.
       
 (IMG) Bild: Auch wenn die Abkühlung willkommen ist, darf sie nicht ablenken, Tempelhofer Feld, 27. 6. 2026
       
       Für die nächsten Tage sind die Temperaturprognosen wieder ins Aushaltbare
       abgesunken. Das löst bei uns, die sich nicht nur mit beispiellosen
       Hitzewellen, sondern ganzjährig mit dem Klima beschäftigen, paradoxerweise
       Stress aus. Denn jetzt sehen wir, wie sich das Zeitfenster schließt, in dem
       endlich gesamtgesellschaftlich über Klimawandel und -folgen gesprochen
       wird. Passieren tut das schließlich mehr oder weniger jedes Jahr.
       
       Im Sommer reden wir darüber: über [1][die Hitzetoten], die nicht hätten
       sein müssen, die dramatischen Folgen von ein paar Grad mehr und wie wenig
       wir auf all das vorbereitet sind. Dann neigt sich der Sommer dem Ende, das
       Thema Erderhitzung verschwindet wieder für mehrere Monate aus der
       „Tagesschau“, von Titelseiten und aus dem Bewusstsein der breiten
       Bevölkerung.
       
       Diejenigen, die im Bereich Klimakommunikation arbeiten, also auch wir
       Klimajournalist:innen, werden nun wieder zu Bittsteller:innen, die mit
       aller Kraft versuchen, davon zu überzeugen, dass auch ein milder Oktober
       ein Warnzeichen sein kann. Davon, dass es kein Zufall ist, dass der See
       neben deinem Haus seit zehn Jahren im Winter nicht mehr zufriert.
       
       ## Die Wahrheit liegt im Radikalen
       
       Mit Gesprächen darüber, dass es unser Wirtschaftssystem ist, das uns in
       diese Lage gebracht hat, oder etwa darüber, dass es seit jeher dieselben
       kolonialen Strukturen sind, die auch dazu führen, dass der Globale Süden
       mehr vom Klimawandel getroffen wird als der Norden, manövriert man sich
       umgehend in eine radikale Ecke, wo einem niemand mehr zuhört. Dabei liegt
       die Wahrheit genau dort.
       
       Milde Sommer sind dabei aus der Sicht der Klimakommunikation besonders
       knifflig. Diejenigen, die sogar eigentlich ein Bewusstsein dafür haben,
       dass die Erderhitzung gefährlich ist, sind vielleicht froh, dass der Sommer
       erträglich ist, ärgern sich über Regen im Strandurlaub oder können
       schlichtweg nichts dafür, dass es psychologisch ganz normal ist, etwas, was
       gerade nicht präsent ist, nicht als Gefahr zu empfinden. Die Aussagen
       derjenigen, die nicht an den Klimawandel glauben, werden in milden Sommern
       für Klimajournalist:innen und Wissenschaftler:innen zur wahren
       Zerreißprobe. Wie soll man immer neue Wege finden, zu sagen, dass etwas,
       was jetzt gerade zwar keine Probleme macht, trotzdem ein Problem ist?
       
       Diese Woche regnet es. Es ist bewölkt und in Berlin herrschen teilweise nur
       schlappe 21 Grad. Der vergangene Sonntag, an dem die [2][Temperaturen
       plötzlich auf 42 Grad kletterten], ist nicht einmal vier Tage her. Trotzdem
       kommen in unseren Redaktionskonferenzen genau dann die Fragen auf, ob wir
       an einem solchen Tag wirklich den geplanten Beitrag zur ausbleibenden
       Hitzeanpassung in Deutschland machen wollen. Der gestrige Beitrag dazu, wie
       der Klimawandel die aktuelle Hitzewelle bis zu 4 Grad heißer gemacht hat,
       findet auf Social Media kaum Anklang. Er kam nach den Hitzetagen. Bildung
       zu den Gefahren extremer Hitze kommt fast nur dann richtig an, wenn die
       Hitze für die Leser:innen auch spürbar ist.
       
       ## Endloser Wachstum ist Schuld
       
       Das, was den Klimawandel so gefährlich macht, ist, dass er überall steckt
       und überall wirkt. Er äußert sich ganz oft in Extremen. Die Aufgabe, sich
       ganzjährig und auch schon dann mit den Auswirkungen des Klimawandels zu
       beschäftigen, bevor sie Leuten das Haus oder das Leben nimmt, liegt bei der
       Politik. Aber diese kommt – das beweisen der mangelhafte Klimaschutz der
       letzten Jahre und der seit 2023 immer weiter gekürzte Klima- und
       Transformationsfonds – nicht wirklich in Bedrängnis.
       
       Noch einfacher macht es ihnen eine Gesellschaft, die sich nicht damit
       beschäftigt, was wir jetzt schon erleben und [3][was die Wurzel dieser
       Situation ist]: ein Wirtschaftssystem, das eine Erde mit endlichen
       Ressourcen in jedem Fall dem Kollaps nahebringen wird, weil es auf endlosem
       Wachstum basiert.
       
       Wer sich nicht zutraut, ab jetzt auch bei angenehmem Grillwetter an den
       Klimawandel zu denken, möge aber zumindest ab und zu denjenigen zuhören,
       die darüber aufklären. So was hat zwar selten ganz direkte Auswirkungen.
       Eines ist jedoch sicher: Mit einer Gesellschaft, die unaufgeklärt ist oder
       wegsieht, werden wir diese Krise bestimmt nicht bewältigen.
       
       2 Jul 2026
       
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