# taz.de -- Leben mit Hitze: Last exit Badezimmer
       
       > Niemand muss unter Hitze leiden. Es gibt Möglichkeiten, Wohnungen gegen
       > Hitze zu präparieren. Schließlich haben wir ja auch Heizungen gegen die
       > Kälte.
       
 (IMG) Bild: Eine Sonnenblume ist noch keine hitzefreundliche Begrünung
       
       Mein Nachbar Herr F. ist müde, das sieht jeder. Auf der Straße haben die
       Leute ihn gleich darauf angesprochen, was denn passiert sei. Auch der
       Verkäufer in seiner Lieblingsdönerbude hat es bemerkt. Und ich.
       
       Da saß ich am offenen Fenster, es war der erste kühle Morgen nach dem
       Hitzewochenende. Herr F., fast 90 Jahre alt, blieb unten auf dem Gehweg
       stehen. Die Mütze hing ihm schief auf dem Kopf.
       
       „Heute traue ich mich endlich wieder raus“, sagte er. Jetzt hole er sich
       [1][erst einmal einen Döner.] Darauf habe er sich die ganze Zeit über
       gefreut. Die vergangenen Tage habe er fast ausschließlich im Badezimmer
       verbracht. Sein Wintergarten heize sich auf wie ein Backofen. Das Bad sei
       der einzige Raum gewesen, in dem er es halbwegs aushalten konnte. Einen
       Ventilator habe er nicht, auch keine Klimaanlage. Zu teuer, sagte er.
       
       Seit den extremen Hitzetagen hört man solche Geschichten ständig. Man
       könnte jetzt anfangen, den Sommer zu hassen. Aber ich möchte das nicht. Vor
       allem möchte ich mich nicht zwischen zwei schlechten Extremen entscheiden
       müssen. Als gäbe es nur diese Wahl: die Hitze tapfer auszuhalten oder sich
       schuldig zu fühlen, sobald man sich – [2][zum Beispiel mit Klimaanlagen] –
       vor ihr schützen möchte.
       
       Zivilisation bedeutet doch gerade, dass wir uns die Welt bewohnbar machen.
       Dächer gegen Regen. Heizungen gegen Kälte. Impfstoffe gegen Krankheiten.
       Warum soll ausgerechnet Hitze die Ausnahme sein? Niemand käme auf die Idee,
       frierende Menschen zu belehren, sie sollten den Winter eben tapfer
       aushalten. Nur bei Hitze scheint Leiden plötzlich eine moralische Frage zu
       sein. Aber seit wann nützt Aushalten dem Klimaschutz?
       
       Lange blickte man in Deutschland und anderen europäischen Ländern mit einer
       Überheblichkeit auf die amerikanische Klimaanlagenkultur. So wurde sie zum
       Symbol für Maßlosigkeit, Energieverschwendung und künstliche Lebensweise.
       Lieber erzählte man sich, Zugluft mache krank, und der Körper müsse sich
       eben an Hitze gewöhnen. Mit diesem Aberglauben sollten wir endlich
       aufräumen. Nicht der Luftzug macht krank, sondern Hitzestress. Wer nachts
       bei 32 Grad wach liegt, ist am nächsten Tag erschöpfter, anfälliger und
       gefährdeter.
       
       Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Rechte die Klimaanlage zum
       Kulturkampfthema machen. Wer gegen Klimaanlagen sei, sei menschenfeindlich,
       heißt es. Natürlich ist das billige Polemik. Aber sie verfängt, weil sie an
       einen echten Widerspruch andockt: Wenn die Würde des Menschen unser Maßstab
       ist, darf niemand in einer überhitzten Wohnung oder einem Pflegeheim allein
       gelassen werden.
       
       Umso erstaunlicher, dass in dem offiziellen Hitzeschutzplan des
       Bundesgesundheitsministeriums das Wort Klimaanlage nicht auftaucht.
       „Wohnung kühl halten“, wird zynischerweise auf einem zugehörigen Plakat
       geraten. Schön wär’s, möchte man wütend zurückrufen. Aber wie genau?
       Inzwischen werben sogar die Grünen für Klimaanlagen – natürlich
       solarbetrieben. Na endlich. Klimaschutz und Hitzeschutz sind nämlich keine
       Gegensätze. Sie müssen zusammen gedacht werden.
       
       Heißt: Natürlich brauchen wir mehr Bäume in den Städten, [3][entsiegelte
       Plätze und Häuser, die sich nicht aufheizen.] All das hätte am besten schon
       gestern passieren müssen. Aber wir leben nun mal im Jetzt. Bis diese Städte
       der Zukunft umgebaut und erschaffen worden sind, dürfen wir Menschen wie
       Herrn F. nicht vergessen.
       
       Später am Tag lief ich die Straße hinunter. Herr F. lief mir entgegen,
       schon wieder im Gespräch mit irgendeiner Frau aus dem Kiez. Er kennt sie
       alle. Er ging in kleinen Tippelschritten. In der Hand glitzerte die
       Alufolie. „Den lass ich mir jetzt schmecken“, sagte er grinsend. Und sah
       wieder aus wie der Alte.
       
       7 Jul 2026
       
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