# taz.de -- Jugendhilfe nach Gewalttat von Stade: Mehr Schutz, aber keine hundertprozentige Sicherheit
       
       > Kein blinder Aktionismus: Nach dem Mord an sechs
       > Sozialarbeiter*innen feilt man im Jugendamt der Region Hannover an
       > neuen Schutzkonzepten.
       
 (IMG) Bild: Gewalttat im Juni in Stade: Mit vielen Einzelmaßnahmen soll darauf nun in der Jugendhilfe Hannover reagiert werden
       
       Diese entsetzliche Tat, sagt Sozialdezernentin Anne Spiegel gleich am
       Anfang, hat dafür gesorgt, dass es im Jugendamt der Region Hannover
       [1][eine Zeit vor und eine Zeit nach Stade] gibt. Sieben Wochen ist es her,
       dass ein Vater mit einer Waffe zu einem Hilfeplangespräch in das
       Mutter-Kind-Heim in Stade kam und sechs Sozialarbeiter*innen
       erschoss.
       
       Drei von ihnen kamen aus der Region Hannover. Aus der Institution, die für
       die Inobhutnahme der kleinen Tochter des mutmaßlichen Täters verantwortlich
       war, weil der Verdacht bestand, dass das Baby durch Schütteln schwer
       verletzt worden war. [2][Der Verdächtige beging später in der
       Untersuchungshaft Suizid.]
       
       Und nun sitzt die zuständige Sozialdezernentin Anne Spiegel neben dem
       Leiter des Fachbereichs Jugend, Roland Levin, auf einer Pressekonferenz und
       versucht zu erklären, [3][welche Konsequenzen man aus diesem schrecklichen
       Geschehen ziehen will]. Das ist keine leichte Aufgabe. Der Katalog, der
       viele kleine Einzelmaßnahmen enthält, ist lang. Man sei sich einig gewesen,
       jetzt nicht in blinden Aktionismus verfallen zu wollen, sagt Spiegel. Alle
       Maßnahmen seien in einem partizipativen Prozess von und mit den betroffenen
       Mitarbeitern entwickelt worden.
       
       Es gibt aber nicht nur eine Zeit vor und nach Stade, sondern auch einen
       Wissensstand vor und nach Stade. Das ist etwas, was die beiden auch noch
       einmal deutlich machen müssen. Denn natürlich drehen sich viele Fragen
       immer noch darum, was da eigentlich schiefgelaufen ist und ob man diese
       entsetzliche Eskalation wirklich nicht hat kommen sehen können.
       
       ## Keine Zweifel an der Gefährdungseinschätzung
       
       An der Gefährdungseinschätzung der Kollegen habe man, auch nach gründlicher
       Überprüfung, nichts auszusetzen, betont Levin. Es lagen schlicht keine
       Hinweise auf eine so massive Gewalttätigkeit vor: Die Anzeige der
       behandelnden Ärzte, die den Vater als bedrohlich empfunden hatten, bezog
       sich „nur“ auf verbale Ausraster – mit denen habe man es in der Jugendhilfe
       aber praktisch täglich zu tun. Der Vater habe sich zunächst auch kooperativ
       gezeigt.
       
       All die Dinge, die später ans Licht kamen – etwa von einer kriminellen
       Vorgeschichte in der Türkei, über die verschiedene Medien berichtet hatten
       –, waren damals weder beim Jugendamt noch bei der Polizei bekannt. Es gab
       also schlicht keine Veranlassung, den Termin unter Polizeischutz
       stattfinden zu lassen.
       
       Denn diese Möglichkeit, die Polizei oder den hauseigenen Sicherheitsdienst
       hinzuziehen, habe es auch vor den Ereignissen von Stade schon gegeben. Und
       ja, davon werde auch regelmäßig Gebrauch gemacht, versichert Levin auf
       Nachfrage. Mit steigender Tendenz in den vergangenen zwei bis drei Jahren,
       weil sich ganz offensichtlich etwas Grundsätzliches verschoben habe in der
       Gesellschaft – was sich ja leicht auch an der wachsenden Zahl der
       Übergriffe auf Rettungskräfte oder andere Bereiche ablesen lasse.
       
       Der Krisenstab, den die Region unmittelbar nach der Tat eingerichtet hatte,
       tagt mittlerweile nur noch wöchentlich. Am Anfang habe man oft mehrmals
       täglich zusammengesessen, schildert Spiegel. Aber da ging es ja auch
       überhaupt erst einmal darum, den Schock zu verarbeiten und die Angehörigen
       zu betreuen, psychologische und traumatherapeutische Unterstützung zu
       organisieren.
       
       ## Neues Sicherheitskonzept aus vielen Einzelmaßnahmen
       
       Auch die Zusammenarbeit mit der Polizei habe sich noch einmal deutlich
       intensiviert, die allerdings auch vorher schon sehr vertrauensvoll gewesen
       sei. Mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen will man nun noch nachlegen. Dazu
       gehören räumliche Veränderungen – es soll für schwierige Gespräche einen
       Extra-Raum in der Nähe des Sicherheitsdienstes geben. Öffentliche und
       nicht-öffentliche Bereiche der Verwaltung sollten besser voneinander
       getrennt werden, Eingangsbereiche – auch in den Außenstellen – mit
       Gegensprechanlagen und Kameras gesichert werden.
       
       Es soll eine verbesserte Ausstattung der Mitarbeitenden geben: Dazu gehören
       mehr Diensthandys und Dienstautos, ein verbesserter Schutz der persönlichen
       Daten. In einem Pilotprojekt sollen außerdem sogenannte Safe Watches, die
       am Handgelenk getragen werden und mit denen man schnell Alarm auslösen
       kann, getestet werden. Auch Schließfächer und Schutzwesten sollen
       angeschafft werden.
       
       Die Präventionsteams der Polizei sollen die Besprechungsräume in
       Augenschein nehmen, zu klugem Aufbau und sicheren Fluchtwegen beraten.
       Möglicherweise können man in einzelnen Bereichen auch darüber nachdenken,
       Räumlichkeiten bei der Polizei oder in Amtsgerichten zu nutzen.
       
       ## Sicherheit darf Nähe nicht unmöglich machen
       
       Dazu kommen Fortbildungen für die Mitarbeitenden – in Sachen Selbstschutz,
       aber auch Gesprächsführung, um die subjektive Sicherheit zu erhöhen. Zwei
       zusätzliche Stellen wurden geschaffen: Eine für die fortgesetzte interne
       psychologische Beratung und eine für die Koordination mit dem Baubereich
       zur Umsetzung der neuen Sicherheitskonzepte.
       
       Grundsätzlich bewege sich das Ganze aber eben in einem schwierigen
       Spannungsfeld, betont der Jugendamtsleiter immer wieder. Denn natürlich
       lebe die Jugendhilfe von der Nähe und der niedrigschwelligen
       Erreichbarkeit. „Im SGB 8 steht nichts von Sicherheit“, sagt Levin und
       meint die einschlägigen Sozialgesetze.
       
       Auch das sei den Kolleg*innen sehr wichtig. Die im Übrigen, bei aller
       Betroffenheit und Verunsicherung, eben auch in den vergangenen Wochen
       weiter ihre Arbeit gemacht haben: weil sie die Familien, die Kinder und
       Jugendlichen nicht im Stich lassen wollen.
       
       Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben, sagen die beiden
       Führungskräfte. Aber, sagt Spiegel, möglicherweise müsse man auch insgesamt
       noch einmal darüber reden, was in einer Gesellschaft schiefläuft, in der
       zunehmend die angegriffen werden, die eigentlich helfen möchten.
       
       18 Aug 2026
       
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