# taz.de -- Politische Krise in Senegal: Vom Dream-Team zum Albtraum
> Die jungen Reformer, die seit zwei Jahren Senegal umkrempeln wollen,
> haben sich entzweit. In der Hauptstadt Dakar sind ihre Anhänger
> ernüchtert.
(IMG) Bild: Vor dem Parlamentsgebäude in Senegals Hauptstadt Dakar, 29. Juni: Protest gegen eine umstrittene Verfassungsänderung
In rotbraunen Schlieren läuft das Wasser am Auto herunter. Der Staub in der
Luft in der Straße von Mame Birame Diop macht das Waschen von Fahrzeugen
für ihn zu einem verlässlichen Zuverdienst. „Es ist nicht einfach“, sagt er
dennoch. Der Verdienst reiche bei den Preisen in Dakar kaum zum Leben.
„Aber was will man machen“, sagt er und tunkt den Lappen, der schon bessere
Tage gesehen hat, in das graue Waschwasser. Neben dem Autowaschen verdient
er sich sein Geld auch als Nachtwächter und Hausmeister. „Es ist noch
schwieriger geworden, einen Job zu finden. Und alles ist teurer geworden“,
sagt er.
Vor gut zwei Jahren kam in Senegal die Partei [1][Pastef (Afrikanische
Patrioten Senegals für Arbeit, Ethik und Brüderlichkeit)] an die Macht, die
endlich alles besser machen wollte: Politik für die Jugend, ein Ende der
grassierenden Korruption, einen Wirtschaftsaufschwung. Die Hoffnungen waren
himmelhoch, die Geschichte von [2][Präsident Bassirou Diomaye Faye] und
[3][Premierminister und Pastef-Gründer Ousmane Sonko] – jung, dynamisch,
panafrikanisch – ein regelrechtes Heldenepos.
Tausende junge Senegalesinnen und Senegalesen waren [4][2023–24 auf die
Straße gegangen] und hatten in gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der
Polizei ihre Freiheit und mitunter ihr Leben riskiert, um die Freilassung
des damals inhaftierten Oppositionsführers Ousmane Sonko zu fordern. Weil
Sonko [5][nach seiner Verurteilung] nicht zur Präsidentschaftswahl 2024
antreten durfte, bestimmte er seinen weitgehend unbekannten Freund Bassirou
Diomaye Faye zum Ersatzkandidaten.
„Diomaye ist Sonko, Sonko ist Diomaye“, lautete ein Slogan – und er wirkte.
Mit [6][54 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang] katapultierte Senegals
Jugend Diomaye Faye direkt in den Präsidentenpalast, bei den
[7][Parlamentswahlen] einige Monate danach holte Pastef auch die Mehrheit
in der Nationalversammlung.
## Der Präsident gilt nun als Verräter
Zwei Jahre später ist von Brüderlichkeit nichts mehr zu spüren. Immer
wieder attackierte Ousmane Sonko seinen ehemaligen besten Freund. Am 22.
Mai setzte Präsident Faye schließlich ein Zeichen und [8][feuerte Sonko].
Vier Tage später wählten die Abgeordneten Sonko zum Präsidenten der
Nationalversammlung – ein fulminantes Comeback, das Diomaye Faye nun große
Probleme bereitet.
Den Krach beobachtet Autowäscher Mame Birame Diop mit Sorge. „Diomaye wird
als Verräter gesehen“, erklärt er. Der Frage, ob er das selbst so sieht,
weicht er mit einem verlegenen Lachen aus. Innerhalb von Pastef geht es nun
darum, ob Faye rausgeschmissen werden kann. Dazugehören tut er sowieso
nicht mehr – obwohl Faye einst Gründungsmitglied war und eines ihrer
treuesten Mitglieder. Seine neue Regierung zählt jedenfalls keine
Abgeordneten aus den Reihen der Pastef mehr, die aber weiter die Mehrheit
im Parlament hält.
Es ist eine beispiellose Situation in Senegals politischer Geschichte, bei
der sich einerseits die größte Partei in der Opposition zum Präsidenten
wiederfindet und dieser wiederum an der Staatsspitze allein auf weiter Flur
steht. „Es ist theoretisch möglich, dass wir auf eine Situation zusteuern,
in der sich Sonko und Faye gegenseitig blockieren“, analysiert Journalistin
Borso Tall. „Hoffen wir, dass es nun etwas kooperativer zugeht“,
kommentiert hingegen eine Quelle aus diplomatischen Kreisen.
## Umstrittene Verfassungsänderung
Danach sieht es erst mal nicht aus. In einer neuesten Wendung brachten am
Montag die „Pros“ (Präsident Ousmane Sonko), wie sich Sonkos Anhänger
nennen – im Parlament einen Entwurf zu einer Verfassungsänderung ein, die
die Befugnisse des Staatschefs drastisch einschränken würde.
Noch vor Beginn der Sitzung um 10 Uhr zerstreuten Ordnungskräfte mit
Tränengas Aktivisten der Opposition, die vor der Nationalversammlung
demonstrierten. Im Plenarsaal kam es zu Rangeleien, als der Oppositionelle
Abdou Mbow sich weigerte, die Rednertribüne zu verlassen, nachdem Sonko als
Sitzungsleiter sein Mikrofon abschalten ließ. Schließlich griff auf Befehl
von Sonko die Gendarmerie ein, was die Opposition als Gewaltakt anprangerte
und daraufhin die Sitzung boykottierte.
Laut Pastef zielt die Reform auf eine „bessere Ausgewogenheit
derBefugnisse“ zwischen Exekutive, Legislative und Judikative. Ousmane
Sonko forderte auch sogleich eine Unterschrift von Präsident Diomaye unter
den Entwurf. Die Koalition „Diomaye Président“ sieht das anders. „Das
Parlament wird dazu benutzt, den Präsidenten zu schwächen“, kritisiert die
Vorsitzende der Präsidialkoalition, Aminata Touré.
Die tiefgreifenden Änderungen an der Verfassung sollen nun per Referendum
beschlossen werden. Damit wandert der Machtkampf zwischen Diomaye und Sonko
in die senegalesische Bevölkerung.
## Wie hält es Senegal mit dem IWF?
Herunterbrechen lässt sich der Konflikt auf einen Streit um politische
Ausrichtung und Macht. Während Staatschef Diomaye Faye stets für einen
pragmatischen Kurs stand, der auf Bündnisse und Kompromisse setzt, vertrat
Ousmane Sonko als Premierminister deutlich radikalere Positionen. Besonders
sichtbar wird dieser Gegensatz im Umgang mit Senegals Finanzkrise.
Fünfmal reiste eine Delegation des Internationalen Währungsfonds in den
vergangenen zwei Jahren nach Dakar, fünfmal verliefen die Diskussionen mehr
oder minder ergebnislos. Die letzte Reise Mitte Juni, als Sonko schon nicht
mehr die Regierung führte, ließ zum ersten Mal Fortschritte erahnen: Man
habe „offene und konstruktive fachliche Diskussionen“ geführt, [9][erklärte
ein Sprecher des IWF im Anschluss].
Sonkos Nachfolger als Premierminister, der Ökonom und ehemalige
Generalsekretär der westafrikanischen Zentralbank [10][Ahmadou Al Aminou
Lo], gilt als offener gegenüber dem IWF. Doch die Signale aus der Regierung
bleiben widersprüchlich. Nachdem Industrie- und Handelsminister Serigne
Gueye Diop am 21. Juni in einem Interview erklärt hatte, die Regierung sei
im Zweifel sogar zu einer Umschuldung bereit, kassierte das
Finanzministerium die Aussage einen Tag später als „persönliche Meinung“.
Senegals Finanzkrise ist eine Altlast des [11][Vorgängerpräsidenten Macky
Sall], der 2024 aus dem Amt schied. Unter ihm wurden Schulden beschönigt
und die Bilanzen falsch dargestellt. Senegals versteckte Verschuldung wird
auf rund elf Milliarden US-Dollar geschätzt, Ende 2025 lag die
Staatsverschuldung Senegals laut IWF bei rund 132 Prozent des BIP – ein
Schock für das Land.
Um über ein neues Kreditprogramm zu verhandeln, muss Senegal zunächst
Ordnung in seine Finanzen bringen und Reformen umsetzen. Eine Einigung ist
dringend notwendig, denn Beobachter gehen davon aus, dass der gesamte
Schuldendienst 2026 fast 70 Prozent der Staatseinnahmen verschlingen wird.
Schon 2025 musste die Regierung ihre Ausgaben kürzen, um zumindest das
Haushaltsdefizit einzudämmen.
## „Wir müssen uns irgendwie durchkämpfen“
Nur eine Straße weiter von Mame Birame Diop sitzt Aïssatou Ndiatée im
Schatten eines Baumes. Müde von der Hitze und Anstrengung des Tages erklärt
die 53-Jährige, dass es auch für sie immer schwieriger werde, genug Essen
auf den Tisch zu bringen. 2024 habe sie voller Überzeugung Pastef gewählt.
Zwei Jahre später sei ihre Enttäuschung groß. „In der Regierung essen sie
jeden Tag gut, aber wir einfachen Leute? Wir müssen uns irgendwie
durchkämpfen“, sagt sie. Unter Macky Sall sei das Leben einfacher gewesen.
Trotzdem würde sie, fänden heute Wahlen statt, erneut Pastef wählen – aber
nur, wenn Ousmane Sonko der Pastef-Kandidat sei. Bisher kann Sonko wegen
seiner Vorstrafen nicht direkt zur nächsten Präsidentschaftswahl 2029
antreten. Eine im April beschlossene Wahlrechtsänderung, die den Verlust
des passiven Wahlrechts einschränkt, könnte das aber ändern. Juristisch
bleibt seine alte Verurteilung zwar bestehen. Doch Kritiker sprechen von
einem auf Sonko zugeschnittenen Gesetz.
Sonko habe das Wohl der Menschen im Blick, sagt Aïssatou Ndiatée. „Dass es
sich nicht zum Guten gewendet hat, liegt daran, dass Sonko nie hat regieren
können“, findet sie – das ist die Meinung vieler Pastef-Anhänger. Und sie
ist sich sicher: „2029 wird das Jahr, wenn Sonko regiert.“
30 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://pastef.org/
(DIR) [2] https://www.presidence.sn/en/presidence/biographie-president
(DIR) [3] https://en.wikipedia.org/wiki/Ousmane_Sonko
(DIR) [4] /Proteste-in-Senegal-gegen-Praesident-Sall/!5934217
(DIR) [5] /Vergewaltigungsurteil-in-Senegal/!5934592
(DIR) [6] /Machtwechsel-nach-Wahl-in-Senegal/!5997744
(DIR) [7] /Parlamentswahlen-in-Senegal/!6047191
(DIR) [8] /Regierungskrise-in-Senegal/!6181640
(DIR) [9] https://www.imf.org/en/news/articles/2026/06/22/pr26216-senegal-imf-staff-concludes-visit
(DIR) [10] https://en.wikipedia.org/wiki/Ahmadou_Al_Aminou_Lo
(DIR) [11] /Praesidentenwahl-im-Senegal/!5097547
## AUTOREN
(DIR) Helena Kreiensiek
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