# taz.de -- Digital zum Gipfel: Den Weg finden
       
       > Immer mehr Menschen drängt es in die Berge, digitale Karten helfen dabei.
       > Man muss aber aufpassen, dabei nicht den Sinn für Orientierung zu
       > verlieren.
       
 (IMG) Bild: Noch analoger Wegweiser: solche Wegmarkierungen finden sich überall in den Bergen
       
       Noch nie war es so einfach, den Weg in die Alpen zu finden. Karten, GPS und
       Tourenportale erleichtern vielen Menschen den Zugang zu den Bergen. Doch je
       leichter sich Landschaft erschließen lässt, desto mehr drängt sich eine
       andere Frage auf: Was verändert sich, wenn Orientierung zunehmend zur
       Dienstleistung wird?
       
       Früher, bis weit in die 2000er Jahre hinein, begann eine Bergtour lange vor
       dem ersten Schritt. Man saß über Karten gebeugt, studierte Höhenlinien, las
       alpine Führer und sprach mit Erfahrenen. Schon bei der Wahl einer Tour
       stellten sich Fragen: Reicht mein Können? Wo kann ich noch umkehren? Diese
       Vorbereitung war bereits eine mentale Annäherung an die Landschaft, der
       Versuch, sie vor dem inneren Auge entstehen zu lassen.
       
       Auch digitale Karten, GPS-Geräte und Tourenportale dienen zunächst
       demselben Zweck: der Vorbereitung auf einen Naturraum, der ebenso
       faszinierend wie gefahrvoll ist. Verändert hat sich jedoch die Annäherung.
       Heute beginnt die Tourenwahl auf Portalen oft mit Filtern. Mit wenigen
       Klicks erscheinen Vorschläge. Was zuvor eigene Recherche erforderte, steht
       heute als Dienstleistung bereit: Routen, Höhenprofile, Wegbeschreibungen
       und Bewertungen.
       
       Der Deutsche Alpenverein (DAV) begleitet diese Entwicklung ohne
       grundsätzliche Vorbehalte. „Je mehr Regionen du auswählst, die dich
       interessieren, desto vielfältiger können wir dir Tourenvorschläge anbieten
       – ganz nach deinen Bedürfnissen“, heißt es auf dem [1][Tourenportal
       alpenvereinaktiv], einer Plattform, für die das Unternehmen Outdooractive
       die Technologie liefert. „Jetzt ist alles konsumentenfreundlich,
       verbraucherfreundlich, einfach“, sagt Stefan Winter, Ressortleiter für
       Sportentwicklung in der DAV-Bundesgeschäftsstelle.
       
       Gedruckte Führerliteratur hat dagegen massiv an Bedeutung verloren. Die
       letzten Auflagen der „Rother Alpenvereinsführer“ zum Beispiel, einst
       Referenzwerke für viele Gebirgsgruppen im Ostalpenraum, erschienen nur noch
       für wenige Gebiete in den 2010er Jahren.
       
       ## Außergewöhnliches Mitgliederwachstum
       
       Seit die Routenplanerplattformen Outdooractive und Komoot um 2010 online
       gingen, erleben auch die Sektionen des Alpenvereins ein außergewöhnliches
       Mitgliederwachstum. Zwischen 2013 und 2023 stieg die Zahl der
       DAV-Mitglieder von gut einer Million auf aktuell deutlich über anderthalb
       Millionen – ein Zuwachs von 47 Prozent. Es gibt keine wissenschaftlichen
       Belege dafür, dass diese eminente Zunahme an Mitgliedern beim DAV, der
       größten nationalen Bergsteigervereinigung der Welt, von der Digitalisierung
       getriggert wird. Aber beide Entwicklungen korrelieren. Dazu tragen einige
       Anreize bei: Der DAV betreibt bundesweit Kletterhallen, bietet eine
       Bergungskostenversicherung und vergünstigte Übernachtungen in den
       Alpenvereinshütten.
       
       Dass immer mehr Menschen in die Berge gehen, ist zunächst eine gute
       Nachricht. Darin zeigt sich eine Sehnsucht, die trotz Digitalisierung und
       Beschleunigung nicht verschwunden ist: die Berührung mit der Natur, die
       körperliche Erfahrung entlang eines gewaltigen Gegenübers. Die sinnlichen
       Eindrücke des Gebirges: der seidig blaue Himmel über hellem Kalk, der Pfiff
       des Murmeltiers, die Fallwinde auf einem Joch. Das Atemschöpfen, wenn am
       Gipfel die Beine endlich ruhen dürfen und die Augen schweifen.
       
       Berge faszinieren, weil sie Größe und Dauer jenseits menschlicher Maßstäbe
       verkörpern. Ihre Wildheit konfrontiert den Wanderer mit seiner eigenen
       Existenz; sie sind Räume, in denen er sich klein und zugleich lebendig
       fühlt. Nicht umsonst gelten Berge seit Jahrtausenden als heilige oder
       mythische Orte.
       
       OpenStreetMap und Apps ermöglichen mehr Menschen den Zugang zu einem
       solchen Raum. Doch was geschieht, wenn das Gebirge vor allem zu einer Route
       von A nach B wird?
       
       [2][Der Soziologe Hartmut Rosa] beschreibt in seinem Buch „Unverfügbarkeit“
       den zentralen Impuls der Moderne als Versuch, Zugriff auf die Welt zu
       gewinnen. Doch mit einer vollständig verfügbaren Welt, so Rosas These, gibt
       es keinen Dialog mehr. Sie wird stumm. Der Verfügbarkeit stellt Rosa den
       Begriff der Resonanz entgegen. Und die Resonanz entstehe nur, wenn wir uns
       auf Fremdes und Unkontrollierbares einlassen.
       
       Gerade im Gebirge stößt der Wunsch nach Verfügbarkeit an seine Grenzen.
       Auch die digitale Navigation kennt dort nicht jede Gefahr. OpenStreetMap
       erklärt dem Nutzer nicht, ob er eine steile Grasflanke nach einem Regenguss
       queren sollte oder besser nicht. Je stärker aber digitale Leitsysteme
       suggerieren, mit dem roten Pfeil auch auf dem richtigen Weg zu sein, desto
       eher scheinen sich Menschen in falscher Sicherheit zu wiegen.
       
       ## Bergwacht hat mehr zu tun
       
       [3][Mit dem Ansturm auf die Berge] korreliert so ein weiterer Befund: Seit
       2014 verzeichnet die Bergwacht Bayern – ebenso wie die Österreichische
       Bergrettung – sprunghaft steigende Einsatzzahlen. Auffällig ist vor allem
       die Zunahme von „Blockierungen“: Situationen, in denen Menschen unverletzt,
       aber überfordert nicht mehr weiterkommen. Vor ihnen geht es nicht weiter,
       zurück trauen sie sich nicht mehr. Meist im ausgesetzten Gelände, wo ihnen
       zu spät klar wird, dass ein einziger Ausrutscher den Sturz über steile
       Grashänge, zerklüftete Abbrüche oder ein Geröllfeld bedeuten würde.
       
       Sich im Raum zurechtzufinden, gehört zu den ältesten Fähigkeiten des
       Menschen. Schon Steinzeitwildbeuter mussten Landschaften lesen,
       Geländeformen wiedererkennen und Entfernungen abschätzen.
       Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass Bewegung, räumliche Orientierung
       und kognitive Fähigkeiten eng miteinander verwoben sind.
       
       Die Psychologin Julia Frankenstein von der Technischen Universität
       Darmstadt untersucht, wie digitale Navigation dieses Vermögen verändert.
       „Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen seltener eigene
       innere Karten ausbilden, wenn sie sich vor allem an Navigationsanweisungen
       orientieren“, sagt sie. „Denn unser Gehirn speichert Informationen, die
       jederzeit extern verfügbar sind, nur begrenzt ab.“
       
       Die Wissenschaft unterscheidet zwischen Routenwissen und Übersichtswissen.
       Während Routenwissen einzelnen Anweisungen folgt, beschreibt
       Übersichtswissen den Raum als Ganzes. Erst daraus erwachsen eigene
       Entscheidungen.
       
       „Nutze die Sprachnavigation, die dich immer auf der richtigen Route hält.
       Lass dich um jede Kurve und jede Richtungsänderung leiten – egal wie schmal
       der Weg ist. Höre einfach den Anweisungen zu und erkunde vertrauensvoll
       deine Umgebung, ohne sie jemals aus den Augen zu verlieren“, heißt es auf
       alpenvereinaktiv.com.
       
       „Wer immer nur Anweisungen folgt und nur auf einen kleinen Kartenausschnitt
       schaut, der sich mit der Gehrichtung ständig dreht, entwickelt schwerer ein
       zusammenhängendes Bild des Raums. Der mentale Atlas bleibt fragmentarisch“,
       sagt die Psychologin Frankenstein. Dadurch könne auch das Vertrauen in die
       eigene Orientierungsfähigkeit schrumpfen. Der Wohlfühlradius ohne digitale
       Hilfe werde kleiner. „Aber wer sich Übersichtswissen erarbeitet hat,
       versteht, wie Geländeformen zusammenhängen, und zieht daraus Schlüsse.“
       
       So lauscht eine erfahrene Bergwanderin, die in den Felsen oberhalb ihres
       Weges Gämsen wahrnimmt, nicht auf ihr Handy, sondern auf das Geräusch
       rollender Steine. Sie bedenkt, dass der Gletscherbach, den sie am Morgen
       problemlos überquert hat, am Nachmittag angeschwollen sein wird. Sie weiß,
       dass ein Weg nach Starkregen anders aussehen kann als am Vortag.
       
       ## Digitale Selbstvermessung
       
       Die Berge haben ihr eigenes Update. Gerade darin liegt ihr Reiz. Deshalb
       erscheint auch der Wunsch nach Verfügbarkeit von Naturräumen
       widersprüchlich. Hinzu kommt das Bedürfnis, Bergerlebnisse in Zahlen,
       Grafiken und Verläufen festzuhalten. Sportuhren und Tracking-Apps „werten“
       den Tag am Berg über Daten aus: Höhenmeter, Distanz, Kalorienverbrauch oder
       Geschwindigkeit.
       
       Der Alpenverein geht bei dieser digitalen Selbstvermessung mit. Auf seinem
       Tourenportal wirbt er für die „genaue Auswertung deiner Abenteuer“ und die
       Verbindung mit Smartwatches, um Tracks automatisch hochzuladen. Stefan
       Winter vom DAV sagt dazu: „Sportliche Motive gibt es viele. Eins ist
       sicherlich: schneller, höher, weiter. Gerade jungen Menschen, die sich
       messen wollen, für die Leistung ein wichtiges Motiv ist, gibt der Sport
       hervorragende Möglichkeiten.“
       
       Neu ist das nicht. Schon die Alpinisten des 19. Jahrhunderts suchten
       Herausforderung, Anerkennung und Abenteuer. Die Schweizer Alpen galten als
       „Playground of Europe“, als Spielplatz jener wenigen, die Zeit und Geld
       dafür hatten. Damals blieb die körperliche Leistung jedoch stärker an den
       Berg und seine Eigenheiten gebunden. Heute lässt sie sich durch Apps in
       Zahlen und Grafiken übersetzen – und mit Followern teilen und vergleichen.
       
       Diese Sportifizierung zeigt sich auch sprachlich. Längst spricht man beim
       Alpenverein mehr von „Bergsport“ als vom klassischen Alpinismus. Die
       semantische Verschiebung ist kein Zufall. Trailrunning, Mountainbiken und
       E-Biking finden so unter dem Vereinsdach Platz. Das Gebirge, uraltes
       geologisches Gefüge und alter Kulturraum, wird damit zum Trainingsgelände.
       Wege, einst Lebensadern eines extremen Raums, genutzt von Hirten,
       Bergbauern oder Forschern, werden zu sportlichen Einheiten umcodiert.
       
       Was dabei unsichtbar bleibt: Die Grundlage all dieser scheinbar
       selbstverständlich verfügbaren Tourenangebote schaffen die ehrenamtlichen
       Wegewarte des Alpenvereins und der Naturfreunde. Sie erhalten Steige,
       reparieren Schäden und erneuern Markierungen – in analoger,
       schweißtreibender Arbeit.
       
       Bergsport verbindet heute Naturerfahrung und Selbstvermessung. Gerade weil
       in die Berge zu gehen im Vergleich zu vielen anderen Sportarten weniger
       reglementiert ist, übe es eine besondere Anziehungskraft aus, sagt Stefan
       Winter. „Das spricht die Freiheit als Motiv an, sich individuell zu
       entscheiden, was mache ich, wann, wo, welches Risiko nehme ich auf mich
       oder nicht.“
       
       Risikoeinschätzung setzt Urteilskraft voraus – und die beruht auf guten
       Informationen. Es wäre deswegen verfehlt, einem vermeintlich besseren
       Früher nachzutrauern. Denn die größte Schwäche vieler Tourenbeschreibungen
       ist älter als jede App. Schon gedruckte Wanderführer arbeiteten mit
       Begriffen wie „luftige Felspassage“ oder „stellenweise exponiert“. Doch was
       heißt das eigentlich? Was der einen als aussichtsreiche, technisch
       unschwierige Passage erscheint, kann für den anderen bereits ein Ort
       lähmender Angst sein. Für den Grad der Ausgesetztheit existiert keine
       einheitliche Skala.
       
       ## Neues Projekt mit Geodaten
       
       Genau hier setzt [4][das Projekt Digiway] an. Die Abteilung Waldschutz des
       Landes Tirol hat eine digitale Ausgesetztheitskarte entwickelt, die
       Wegabschnitte nach ihrem Absturzrisiko klassifiziert. Ampelfarben
       unterscheiden vier Stufen – von geringem Risiko bis zu Passagen, in denen
       ein Sturz schwer oder tödlich enden kann. Noch ist diese Karte des
       Euregioprojektes, das mit Geodaten für Wanderwege in Tirol, Südtirol und im
       Trentino arbeitet, ein Vorreitermodell. Über offene Schnittstellen steht
       sie jedoch bereits kostenfrei zur Verfügung und kann als zusätzliche
       Schicht in bestehende digitale Karten integriert werden. Aber auch sie
       ersetzt keine Entscheidungen, sondern verbessert deren Grundlage.
       
       Digitale Hilfsmittel haben am Berg ihren Platz, davon ist auch die
       Psychologin Julia Frankenstein überzeugt. „Das Navigationssystem ist nicht
       unser Feind, es ist eine großartige Erfindung. Aber am Berg sollte es Netz
       und doppelter Boden sein, kein Ersatz für die Fähigkeit, eine Karte zu
       lesen.“ Wer eine Wanderkarte zu lesen vermag, könne aus den Informationen
       des Navis besser Rückschlüsse ziehen. Und sie hat eine gute Nachricht: „Die
       Fähigkeit zur Orientierung ist evolutionär sehr alt, sie geht so schnell
       nicht verloren, man kann sie trainieren.“
       
       Aus Übung erwachse das Vertrauen, den eigenen Weg zu finden. „Wer sich im
       Raum verorten kann, erfährt etwas Wunderbares“, sagt Frankenstein. „Das
       Gefühl: Ich gehe in der Welt nicht verloren.“
       
       8 Aug 2026
       
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