# taz.de -- Pierre Huyghe in der Fondation Beyeler: Zeitlos, ortlos, dionysisch
> Pierre Huyghe tauchte zuletzt mit überwältigender Medienkunst auf. Dem
> Gebäude der Fondation Beyeler bei Basel entzieht er damit jetzt alle
> Freundlichkeit.
(IMG) Bild: Relikte der Zukunft? Installationsansicht „Pierre Huyghe“, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2026
Am Anfang steht immer ein Paradox: Pierre Huyghes Kunst bemächtigt sich des
Ausstellungsraums komplett und bis in jedes Detail, inklusive Leerstellen.
Aber sie kommt mit dem Anspruch einer Kunst daher, die sich als offen
betrachtet, ja sogar undefiniert, zeitlos und ortlos. Es ist also eine
monumentale Kunst über das Abseitige.
Der Renzo-Piano-Bau der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel hat all seine
Freundlichkeit verloren. Die ganze prächtige Sammlung von Ernst Beyeler
wurde für die Intervention eingemottet. Also eigentlich ins Depot gebracht;
aber bei Pierre Huyghe ringt man mit Worten.
Die zentrale Figur ist eine strampelnd in eine Mondlandschaft geborene
erwachsene Nackte, die offensichtlich letzte Überlebende einer Spezies. Ihr
Gesicht besteht aus einem schwarzen Loch. Ihr Kopf scheint gänzlich hohl zu
sein.
Die Projektion von „Liminals“ dauert erschreckende fünfzig Minuten und wird
sowohl als „Film“ als auch als „real-time physical recording through game
engine“ bezeichnet. Der deutschsprachige Ausstellungsführer ist noch nicht
geliefert worden.
Man darf erstaunlicherweise fotografieren und filmen, und in der eigenen
Kamera sieht man, dass „Liminals“ farbig gedreht oder generiert worden ist.
Es sieht aber mit bloßen Augen fast aus wie Schwarz-Weiß. Trotz der
Versessenheit auf ikonische Übertreibung ergibt sich ein Narrativ, beruhend
darauf, dass die Figur stumm, taub und blind ist.
Bisher hat noch niemand Huyghes Kunst als ironisch bezeichnet, aber man
könnte durchaus sagen, dass er den [1][klassischen körnigen „Foto-Akt“
aushöhlt], um uns zu zeigen, dass er ein Gesicht gar nicht braucht. Also
sie. Das „Modell“ wird niemals zurückfinden in die Welt, weil es die Welt
nicht kennt.
Die einzige lebende Figur ist, wenn sie nicht gerade Pause hat, ein schwarz
gekleideter Mensch. Er sitzt völlig regungslos am Boden und trägt einen
Helm, der von Brancusi geliehen zu sein scheint. Tatsächlich ist es eine
„LED mask“, die gelegentlich Wortfetzen aussendet. Spätnachts finde ich ein
Interviewvideo mit dem Künstler, in dem er ganz unbefangen anmerkt, dass
letztlich jeder Mensch eine Maske trage.
## In der Desasterzone von Fukushima
Eine ganz klassische Maske kehrt zurück im einzigen „echten“ Video der
Ausstellung, „Human Mask“ von 2014, 19 Minuten, superbreitwandig, geliehen
[2][von der Luma in Arles]. Sie stellt, ganz in Weiß, das Gesicht eines
japanischen Mädchens dar.
Die Figur hat auch die typischen langen, schwarzen Haare dazu bekommen.
Ganz allein, oder vielmehr begleitet von einem unsichtbaren Filmteam, ist
das Mädchen eingesperrt in ein geschlossenes Restaurant in der Desasterzone
von Fukushima. Es pendelt zwischen Gastraum und Küche, mal auf der Suche
nach etwas, dann trödelnd, gelegentlich apathisch. Bucklig und stark
behaart „entpuppt“ sich die Akteurin als Menschenaffe. In der letzten
Einstellung schaut die Kamera durch die Augenschlitze; darunter funkeln die
Augen des Tieres.
Auf zweierlei Sorten schmutzig-geflecktem Teppichboden, dunkel und hell,
zieht einen der Parcours durch 14 Räume in eine ungewisse Tiefe der
Imagination. Ein vulkanischer Felsstein schwebt in einem Aquarium, ein
animierter Wurmling übt sich als Schlange. Quer in die Mitte des größten
Saals gestellt spielt ein riesiges Aluminumrelief Altar.
Große verschlossene Glastüren erlauben Blicke nach nebenan, werden aber mit
weißem Nebel geflutet, wenn man sich ihnen nähert. Aus grob gehämmerten
Löchern in der Wand flüstert und zischt es.
## Figuren des Transhumanen
Huyghes Kunst will gewiss nicht Kunst über Kunst sein. Dennoch ist ein
kleines [3][Ölgemälde von Max Ernst] als Referenz gehängt. Es heißt „Die
Hexe“ (1941) und nimmt die Figur des Transhumanen vorweg. Geliehen aus dem
Universitätsmuseum Princeton ist das „Sujet“ des Bildes auf der Website
dort gelistet als: „eyes, women, nudes, witches, avant-garde“.
An dem Tag, [4][als das World Trade Center in sich zusammensank], beging
Pierre Huyghe seinen 39. Geburtstag. Seine wirkliche Karriere beginnt erst
danach, Zufall oder nicht. Jetzt wohnt er mit seiner Frau, der
Schauspielerin Valentina Muhr, in Santiago de Chile.
Sie und eine Estela Huyghe-Muhr sind für ein „Estelarium“ (2015) genanntes
Kunstwerk als Mitautorinnen genannt. Man würde sich aber wundern, wenn
hinter dieser Techno-Monster-Kunst nicht eine Heerschar ungenannter
Assistentinnen stünde.
## Ein Big Player
Gewiss gehört er zu den Big Playern der internationalen Szene, wie
Katharina Grosse, [5][William Kentridge], Simon Denny und Ólafur Elíasson.
Mit diesem verbindet Huyghe die Suche nach einer universalen oder
universalistischen Formel.
Nietzeanisch gesprochen finden wir dann Elíasson auf der apollinischen,
Huyghe auf der dionysischen Seite. Beide setzen auf Überwältigung, aber
Elíasson spannt den großen Regenbogen drüber, während Huyghe uns den Boden
unter den Füßen wegzieht. Und all das passiert gleichzeitig.
15 Jul 2026
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## AUTOREN
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