# taz.de -- DFB-Team vor Spiel gegen Paraguay: Dieses Mal ohne Ausreden
       
       > Defensive Teams wie der kommende Gegner Paraguay bereiten der DFB-Elf
       > wohlbekannte Probleme. Vorne ist sie zu berechenbar, hinten zu
       > verwundbar.
       
 (IMG) Bild: So richtig im Griff hat Joshua Kimmich die rechte Abwehrseite nicht
       
       Es sollte eigentlich eine ruhigere WM werden für die Deutschen. Keine
       politischen Äußerungen mehr, keine Debatten über „Mund zu“-Gesten [1][oder
       Erdoğan-Fotos]. Mit reinem Fokus auf Sport würde es besser laufen als 2018
       und 2022, so in etwa wirkte die Losung des DFB. Doch vor dem
       Sechzehntelfinale gegen Paraguay ist es schon wieder verdächtig unruhig ums
       deutsche Team.
       
       Auf den souveränen Sieg gegen den Zwergstaat Curaçao folgte ein überaus
       glücklicher 2:1-Erfolg gegen Elfenbeinküste, vor allem dank der
       eingewechselten Deniz Undav und Nadiem Amiri. Die Partie nahm bereits
       einige Schwächen vorweg, die dann bei der 1:2-Niederlage gegen Ecuador
       blank lagen. Zudem fehlt ein positives Narrativ ums Team. Neben dem Platz
       ist Deutschland [2][nur mit dem Jesus-Gerede von Felix Nmecha] aufgefallen.
       Auch unpolitisch ist eben nicht unpolitisch.
       
       Einer der meist zitierten Sätze von Julian Nagelsmann vor dem K.-o.-Spiel
       gegen Paraguay dürfte jener sein: „Körperlichkeit ist schwer zu trainieren.
       Bis Montag werden wir uns nichts auftrainieren können im
       Oberkörperbereich.“ Man müsse „den Ball früher spielen, um dem Zweikampf
       aus dem Weg zu gehen“.
       
       Es ist ein erstaunlich offenes Eingeständnis der Defizite der Deutschen,
       die unter Gegnern längst gut bekannt sind. Dass Sportdirektor Rudi Völler
       am Samstag „die enorme Leidenschaft und den Kampfgeist“ der Mannschaft
       lobte, wirkte ein wenig bemüht bei einem Team, das oft das Gegenteil
       ausstrahlt: Unsicherheit und Ratlosigkeit. Sollte die WM früh enden, ist
       den Deutschen also die nächste Haltungsdiskussion sicher. Diesmal eine, die
       nichts mit Armbinden zu tun hat.
       
       Betrachtet man das deutsche Team, mag sich manche Zuschauerin in einer
       Zeitschleife gefangen fühlen. Gegen favorisierte Gegner tritt die DFB-Elf
       seit Jahren oft stark auf, besonders, wenn diese offensiv spielen und
       hinten Räume lassen. Den WM-Titelkandidaten Frankreich etwa besiegten die
       Deutschen in den letzten Jahren in zwei von drei Partien; auch gegen
       Spanien sah man beim knappen Ausscheiden bei der Heim-EM gut aus. Schlecht
       sehen die DFB-Spieler dagegen regelmäßig gegen taktisch kluge Teams aus,
       die das Spiel eng machen und ihnen auf den Füßen stehen. Wie es
       Elfenbeinküste und Ecuador taten, wie es auch von Paraguay zu erwarten ist.
       
       ## Zu ähnliche Spielertypen
       
       Eine „Charakterfrage“ wollte Mats Hummels dabei ausgemacht haben. Ganz
       falsch ist das nicht. Seit Jahren fehlt es an Spielertypen, die bei
       drohender Niederlage körperlich und mental dagegenhalten können. „Wir
       müssen uns mehr wehren“, forderte Deniz Undav. Aber viel mehr noch dürfte
       die Verunsicherung mit grundlegenden spielerischen Problemen zu tun haben.
       Die deutsche Offensive ist mit sehr ähnlichen Spielertypen besetzt.
       Havertz, Musiala und Wirtz sind allesamt Akteure, die das feine Spiel
       lieben und im Zweifel am liebsten mit fünf flachen Kurzpässen durch die
       Mitte gehen.
       
       Bei ausreichend Raum sieht das sehr attraktiv aus. Aber ist das Zentrum
       dicht, wird das deutsche Spiel oft zu einem ermüdenden Geschiebe, das
       absehbar beim vierten Dribbling hängenbleibt, weil keine Tiefe entsteht und
       alles zu kompliziert und vorhersehbar ist. Die Debatte über
       stromlinienförmige Ausbildung in Nachwuchsleistungszentren wird jedenfalls
       nicht abebben.
       
       Die bisherigen WM-Gewinner hießen Nathaniel Brown [3][und Deniz Undav,]
       ganz folgerichtig, weil sie mehr Explosivität und Dynamik mitbringen und
       mit ihren Läufen dringend benötigte Tiefe erzeugen. Doch oft schienen auch
       die einfachen Pässe nicht zu funktionieren. Die größte Schwäche bleibt
       diese Verwundbarkeit hinten, insbesondere mit Kimmich auf rechts und Neuer,
       der hier womöglich an seiner eigenen Legende sägt. Und gewiss spielt auch
       das Trauma der vielen Misserfolge in den letzten Jahren eine Rolle. Denn
       man mag nicht mehr das Spielerpotenzial haben wie 2014, aber die Elf ist
       nominell deutlich besser besetzt, als sie oft kickt. Wie man daraus
       Stabilität formt, damit hat Nagelsmann offenbar weiter Schwierigkeiten.
       
       „Ich bin völlig relaxt“, gab Sportdirektor Rudi Völler nun vor dem
       Paraguay-Spiel zu Protokoll. Paraguay machte in der Gruppenphase keinen
       guten Eindruck, doch dass das Team in der Quali Brasilien und Argentinien
       besiegte, dürfte Warnung genug sein. Auch für Nagelsmann, für den diese WM,
       vor der er vom Titel sprach, einiges an Fallhöhe hat. 2018 und 2022 hat
       sich die deutsche Öffentlichkeit selbst ein wenig über das Ausmaß der
       Probleme hinweggetäuscht, indem man die Schuld erst bei Mesut Özil und dann
       bei den Katar-Protesten ablud. Und vielleicht hat auch der DFB das zu gern
       geglaubt. Ironischerweise sorgt gerade das politische Schweigen dafür, dass
       die Augen kritischer auf der sportlichen Leistung liegen. Vielleicht lohnt
       dieser unverstellte Blick.
       
       29 Jun 2026
       
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