# taz.de -- Sarah Zaheer zu Rassismus in Redaktionen: „Hinschauen ist das Wichtigste“
> Das Kitt Kollektiv hat eine Befragung zu Rassismus gemacht. 90 Prozent
> der Befragten sind betroffen. Was Kolleg_innen und Chef_innen verändern
> müssen.
(IMG) Bild: Sarah Zaheer, Pia Stendera, Linh Tran, Ismahan Az-Zaitouni, Helena Weise, Marlene Halser, Clara Zink, Lisa Pham, Anna Dotti
taz: 90 Prozent der People of Colour oder mit Migrationsgeschichte in
Redaktionen haben Rassismus erlebt. Das ist das [1][Ergebnis eurer
Befragung] von 200 Personen in Redaktionen. Wart ihr vom Ergebnis
überrascht?
Sarah Zaheer: Es ist auf jeden Fall schockierend und sollte zu denken
geben. Für mich persönlich ist es aber nicht überraschend, weil ich von
vielen Kolleg*innen Geschichten gehört habe und Redaktionsdynamiken
selbst kenne. Aber ich finde es wichtig, dass diese Zahl jetzt da ist. Sie
ist nicht repräsentativ, aber sie zeigt deutlich, dass es ein strukturelles
Problem gibt. Und ich hoffe, dass unsere Recherche dazu führt, dass
Rassismus und Diskriminierung wieder mehr in den Blick geraten.
taz: Wie seid ihr das als journalistisches Kollektiv angegangen?
Zaheer: Wir starteten mit dem Gefühl, dass es zu wenig Diskurs in unserer
Branche über die Erfahrungen von Menschen mit Migrationsgeschichte gibt.
Die Diversitätsdebatten sind dabei stehen geblieben, dass viele Redaktionen
sagen: Wir wollen vielfältig sein. Niemand weiß aber, wie es den Leuten in
den Redaktionen dann wirklich geht, weil das bisher nicht erfasst wurde.
Deshalb haben wir uns entschieden, mit Betroffenen zu sprechen und es
erstmals abzubilden.
taz: Wie war die Resonanz?
Zaheer: Wir haben eine Onlineumfrage über Newsletter, Social Media und
unsere Kontakte in verschiedene Redaktionen verbreitet. Am Ende haben über
200 Menschen mit Migrationsgeschichte und/oder Journalist*innen of
Color aus sehr unterschiedlichen Redaktionen an der Umfrage teilgenommen.
Uns hat überrascht, dass so viele bereit waren, mit uns vertiefend zu
sprechen. Das haben wir dann mit 19 Personen gemacht, um noch mal die
genauen Probleme herauszuarbeiten.
taz: Was für Probleme sind das?
Zaheer: Viele haben berichtet, dass sie oft eine Rolle des Korrektivs
einnehmen. Etwa, dass sie eingreifen, wenn bei der Themenauswahl oder der
Auswahl der Protagonist*innen für einen Text rassistische Stereotype
oder Bilder eine Rolle spielen. Auch hatten viele das Gefühl, sie müssten
Themen etwa aus ihren Communitys oder solche, die Rassismus oder Migration
betreffen, selbst angehen, also zu unfreiwilligen Expert*innen werden.
Eine Person hat etwa berichtet, dass sie an ihrem ersten Praktikumstag
gefragt wurde, ob sie nicht etwas zum Ramadan machen wolle, weil sie
schließlich aus Syrien komme. Die Erfahrungen reichen von Mikroaggressionen
über Beleidigungen bis hin zu beruflichen Nachteilen. Menschen mit eigener
Flucht- oder Migrationsbiografie haben es oftmals noch schwerer.
taz: Welche Schwächen habt ihr in den Redaktionen gefunden?
Zaheer: Wir haben nach Kenntnissen über Beschwerdestellen gefragt, etwa
Antidiskriminierungsstellen. Da wussten knapp 50 Prozent der Befragten
nicht, was eine Beschwerdestelle konkret erreichen könnte, und etwa einem
Drittel war nicht bekannt, ob es so etwas an ihrem Arbeitsplatz gibt. Und
es haben sich bisher total wenig Leute an so eine Stelle gewandt. Wir haben
in den Interviews gemerkt, dass da eine große Hemmung besteht. Etwa, weil
sie schon von anderen Fällen mitbekommen haben, dass es nichts gebracht
hat. Und wenn sich Betroffene an eine Stelle gewandt haben, seien sie
oftmals nicht ernst genommen worden, oder es wurde versucht, sie zu
beschwichtigen, rassistische Aussagen wurden heruntergespielt. Und das
führt natürlich dazu, dass sich viele entmutigt fühlen und manche sich aus
der gesamten Branche zurückziehen. Die wirklich allerwenigsten haben eine
gute Erfahrung gemacht.
taz: Sind diese [2][Probleme den Redaktionen bewusst? ]
Zaheer: 54 Prozent der Befragten haben angegeben, dass sie eine
Sensibilität nur durch einzelne Kolleg*innen erfahren haben. Das
Problembewusstsein für Strukturen, die Rassismus und Diskriminierung
begünstigen, ist also nicht vollständig da. Als Journalist*innen
schauen wir lieber auf andere Branchen und Felder und fragen uns, was dort
schiefläuft, anstatt uns zu fragen: Was machen wir falsch? Das wird
zumindest nicht priorisiert.
taz: Befragte berichten, die Relevanz bestimmter Themen häufig
rechtfertigen zu müssen. Gehört diese Abwägung und Prüfung nicht
grundsätzlich zur redaktionellen Arbeit? Woraus leitet ihr ab, dass
diskriminierte Journalist*innen häufiger betroffen sind?
Zaheer: Viele Befragten nehmen es so wahr, dass sie zum Beispiel viel mehr
Übersetzungsarbeit leisten müssen, um verstanden zu werden. Weil noch nicht
überall angekommen ist, dass migrantische Communitys Teil der Zielgruppe
sind und mit Nachrichten versorgt werden müssen. Auch das ist Teil des
journalistischen Auftrags. Da müssen Journalist:innen mit
Migrationsgeschichte zusätzliche Arbeit leisten, wenn sie erklären, warum
die Themen relevant sind. Uns hat etwa eine Person berichtet, dass sie sich
fühlt wie die Pressesprecherin der „Antirassismus Foundation“.
taz: Woran liegt das?
Zaheer: Daran, dass Redaktionen nicht divers genug besetzt sind. Wenn wir
die Lebensrealitäten vieler Menschen in den Redaktionen hätten, dann wäre
das eher Normalität. Aber an dem Punkt sind wir auf jeden Fall noch nicht.
Das führt dazu, dass diese Journalist*innen einen doppelten Kampf
führen. Das ist sehr belastend, über Rassismus aufklären zu müssen, wenn
man selbst davon betroffen ist. Viele haben berichtet, dass sie sich
dadurch ausgebrannt, unverstanden und nicht zugehörig fühlen.
taz: Diese Probleme gibt es, seitdem es Redaktionen gibt. Was hat sich
verändert?
Zaheer: In den letzten Jahren ist ein großes Bewusstsein dafür entstanden,
dass es mehr Vielfalt in den Redaktionen braucht. Deswegen gibt es
inzwischen viele Programme. Oder es wird etwa mehr in
Stellenausschreibungen hineingeschrieben, dass man Diversität im
Unternehmen begrüße. Die Verbesserung bei den Zugangsvoraussetzungen ist
eine gute Entwicklung. Da ist es aber stehen geblieben.
taz: Und die Folgen vom Stillstand?
Zaheer: Es kommen zwar mehr Leute dazu, aber sie gehen auch schnell wieder,
weil sie entweder ausgebrannt sind oder sagen, dass sie sich so was nicht
geben wollen. Wenn der Anspruch an Diversität wirklich ernst gemeint ist,
müssen Medienhäuser ihre etablierten Strukturen und Redaktionskulturen
hinterfragen und verändern. Es ist eine gesetzliche Verpflichtung, die
Medienhäuser genauso wie andere Unternehmen haben, dass sie ihre
Mitarbeitenden vor Diskriminierung schützen müssen. Wir haben also in
unserer Befragung eine symbolische Diversität nach außen gefunden, aber es
bleibt noch viel zu tun.
taz: [3][Wie könnten bessere Strukturen in Redaktionen aussehen?]
Zaheer: Nicht wegzuschauen, ist der wichtigste Schritt. Es braucht außerdem
eine offene Fehlerkultur und das Anerkennen, dass Rassismus allgegenwärtig
ist. Es gilt zu schauen, wo es Strukturen gibt, die manche Personen
begünstigen und andere nicht. Und Redaktionen müssen lernen, darüber zu
sprechen. Dazu braucht es Weiterbildungen, vielleicht muss eine externe
Unterstützung herangezogen werden, um solche Prozesse anzustoßen. Das kann
je nach Mitteln und Größe von Redaktionen sehr unterschiedlich aussehen.
taz: Die Befragten beschreiben aber, dass Mitarbeitende, die selbst nicht
von Rassismus betroffen sind, häufig mit Abwehr reagieren.
Zaheer: Über 30 Prozent der Befragten im Report haben angegeben, dass sie
nicht mit Kolleginnen über Rassismuserfahrungen am Arbeitsplatz sprechen
können oder wollen. Und über 20 Prozent haben gesagt, dass sie das Gefühl
haben, es gebe gar keine Sensibilität dafür im Kollegium. Mittlerweile gibt
es Fortbildungsangebote, wie man nicht in die Defensive geht, sondern
Betroffenen erst mal zuhören kann; und wie man es in Momenten, in denen
etwas passiert, schafft, die Stimme zu erheben und solidarisch zu sein.
Außerdem ist es wichtig, die eigene Position, die man in einem Team hat, zu
nutzen, um etwa Rassismus zu benennen, oder Kolleg*innen in ihren
Themenideen zu unterstützen.
taz: Welche Aufgabe haben Führungskräfte dabei?
Zaheer: Die müssen sicherstellen, dass es ihren Mitarbeitenden gut geht und
sie sicher am Arbeitsplatz sind. Deswegen ist es natürlich wichtig, dass
sie da mit einem guten Beispiel vorangehen. Sie sollten konsequenter sein,
etwa in Redaktionskonferenzen, wenn rassistische Äußerungen getätigt
werden. Bisher gibt es kaum fest installierte Antirassismusbeauftragte, die
unabhängig arbeiten und dafür geschult sind. Solche Personen müssen
natürlich Geschäftsführer installieren.
taz: Wie können Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, sonst
helfen?
Zaheer: Die Frage würde ich gerne zurückstellen. Wie wird denn bei euch
intern über Rassismus gesprochen? Ist unsere Befragung ein Auslöser? Wir
freuen uns natürlich, dass einige Medien über unsere Recherche berichten.
Aber ich würde mich mehr darüber freuen, wenn Redaktionen erst mal in sich
gingen und sich fragten: Okay, was heißt das für uns? Wie geht es unseren
Kolleg*innen of Color oder mit Migrationsgeschichte?
13 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://mediummagazin.de/news/beitrag/1297-rassismus-in-den-redaktionen.html
(DIR) [2] /Studie-zu-Diversitaet-im-Journalismus/!5684506
(DIR) [3] /Autorin-ueber-den-Rassismus-in-uns/!6013392
## AUTOREN
(DIR) Ann-Kathrin Leclere
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