# taz.de -- Hitze im Norden: Sorge um die Obdachlosen
> In Hamburg fehlen kühle Räumen und Trinkwasserbrunnen für Menschen, die
> auf der Straße leben. Die Sozialbehörde verspricht, dass sich das ändert.
(IMG) Bild: Am Hamburger Jungfernstieg gibt's erfrischenden Wassernebel. Aber kostenloses Trinkwasser gibt es kaum
Die Organisatoren des diesjährigen Hamburger Halbmarathons zeigten Respekt
vor der [1][bevorstehenden Hitzewelle] und sagten das für Samstag geplante
Event kurzerhand ab. Die rund 3.800 Obdachlosen der Stadt sind da weniger
handlungsfähig. „Es gibt zu wenig Schutzplätze in der Stadt“, sagt Ronald
Kelm vom ehrenamtlichen [2][Gesundheitsmobil]. „Die Obdachlosen liegen in
den Parks und auf den Straßen. Und wenn die Sonne sich dreht, kommt es
immer wieder zu schlimmen Verbrennungen.“
Der ehrenamtliche Helfer sagt, dass es [3][analog zum Winternotprogramm]
auch ein Hitzeschutzprogramm im Sommer geben müsse. „Vor Kälte kann man
sich noch mit Kleidung schützen. [4][Vor Hitze geht das nicht].“ Die
Öffnungszeiten der Tagesaufenthaltsstätten müssten verlängert und mehr
Trinkwasserbrunnen aufgestellt werden. „Hamburg hat nur 55, Wien dagegen
über 1.600“, sagt Kelm. Dabei hatte der Hamburger Senat im vergangenen Jahr
versprochen, mehr Trinkbrunnen aufzustellen.
Auch die [5][Diakonie Hamburg] zeigt sich besorgt. „Obdachlose Menschen
sind den Witterungsbedingungen schutzlos ausgeliefert“, sagt deren
Wohnungslosenexpertin Stefanie Koch. „Sie tragen ein hohes Risiko, zum
medizinischen Notfall zu werden.“ Deshalb müsse der Zugang zu Trinkwasser
und Hitzeschutzräumen verbessert werden.
In der Stadt sei die Belastung besonders hoch, weil versiegelte Flächen
sich kaum abkühlen, ergänzt die Krankenschwester Petra Carstensen. Sie
engagiert sich ehrenamtlich in der ärztlichen Sprechstunde im
Diakonie-Zentrum für Wohnungslose. „Symptome wie Schwindel, Verwirrtheit
und Muskelkrämpfe erfordern sofortige Hilfe, um lebensgefährliche Folgen zu
verhindern“, sagt sie. Zudem verschlimmere die Hitze chronische Leiden und
erschwere die Wundheilung.
## Linke fordert Hitzeschutzkonzept
Auch die Linksfraktion ist in Sorge. „Wenn am Wochenende Temperaturen von
über 30 Grad erreicht werden, wird Hitze für obdachlose Menschen leicht zur
Lebensgefahr“, sagt die Sozialpolitikerin Olga Fritzsche. „Während sich
alle anderen in ihre Wohnungen zurückziehen können, sind die Menschen auf
der Straße den hohen Temperaturen schutzlos ausgeliefert.“
Fritzsches Eindruck zufolge hängt es vom ehrenamtlichen Engagement ab, ob
jemand ausreichend Wasser und einen schattigen Platz findet. „Der Schutz
besonders gefährdeter Menschen ist aber eine staatliche Aufgabe“, sagt sie.
Darum reicht die Linke für die kommende Bürgerschaftssitzung einen Antrag
zum Thema „Hitzeschutz“ ein.
Denn andere Städte wie Wien hätten längst besser vorgesorgt. Die Linke
fordert, dass der Senat zeitnah ein Schutzkonzept aufstellt. Nötig seien
zusätzliche Unterbringungs- und Aufenthaltskapazitäten, etwa durch
verlängerte Öffnungszeiten oder die Nutzung klimatisierter öffentlicher
Häuser wie Bibliotheken und Museen. Zudem solle die Stadt den Zugang zu
kostenfreiem Trinkwasser „deutlich ausbauen“. Und es solle eine
Hitze-Hotline geben.
## Wasserausgabe aus mobilen Tanks
Der Sprecher der Sozialbehörde erklärt, Hamburg setze bereits auf gezielte
Hitzeschutzmaßnahmen für obdachlose Menschen. Dazu gehörten aufsuchende
Sozialarbeit, etwa durch das [6][Team „Visite Social“]. Dieses verteile
auch Wasser, sensibilisiere Träger für die Risiken hoher Temperaturen und
gebe gezielte Hitzewarnungen. Zudem seien die Tagesaufenthaltsstätten der
Stadt an der Spaldingstraße und der Stresemannstraße auch am Wochenende
zwischen 9.30 Uhr und 16.30 Uhr geöffnet. Diese stellten Duschen,
Trinkwasser, Sonnencreme, frische Kleidung und kühle
Aufenthaltsmöglichkeiten zur Verfügung.
Ronald Kelm vom Gesundheitsmobil regt auf, dass die Stadt schon vor einem
Jahr versprach, zusätzlich weitere Trinkwasserstellen zu schaffen. Seitdem
sei nichts passiert ist. „Von den 16 Millionen Euro, die für die
Olympia-Werbung draufgingen, hätten sie viele schöne Wasserspender bauen
können“, sagt er. Nun solle die Stadt, wie schon früher mal geschehen, am
Hauptbahnhof und weiteren Brennpunkten wie der Reeperbahn zusätzlich eine
Wasserausgabe durch Tanks organisieren.
Die zuständige Umweltbehörde erklärt, solche mobilen Wasserboxen seien
zuletzt 2022 als Reaktion auf eine Hitzewelle eingesetzt worden. Bis solche
Geräte eingesetzt werden könnten, dauere es aber mehrere Tage.
## Hilfehotline nur zu Behördenzeiten
Besserung gelobt die Stadt, was die Aufstellung von Trinkwasserspendern
betrifft. Dies geschehe bisher nach einem „baulich aufwendigen Verfahren“,
räumt die Umweltbehörde ein. Durch ein neues Konzept solle das einfacher
werden, um die Zahl der Wasserspender in Hamburg „wahrnehmbar“ zu erhöhen.
Die Diakonie weist darauf hin, dass alle Hamburger mithelfen können. So
solle man Menschen, die möglicherweise obdachlos sind, fragen, ob sie Hilfe
benötigen und ihnen bei Bedarf eine Flasche Wasser kaufen. „Bei Symptomen
eines Hitzschlags (rotes Gesicht, Zittern, kalter Schweiß) rufen Sie den
Rettungsdienst“, schreibt die Diakonie. Bis der eintrifft, solle man der
Person Luft zufächeln.
Die Sozialbehörde verweist auf die Hilfehotline unter der Rufnummer
040/42828-5000. Wer sich Sorgen um eine obdachlose Person mache, könne sich
an die Hotline wenden. In akuten Notfällen müsse die Feuerwehr oder der
Rettungsdienst gerufen werden.
Dass die Hotline nur zu Behördenzeiten zu erreichen ist, ärgert Ronald Kelm
vom Gesundheitsmobil. „Das reicht nicht. Das, was wir Ehrenamtlichen in der
Stadt sehen, ist Elendsverwaltung.“
25 Jun 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
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