# taz.de -- Horrorfilm „Obsession“: In die Leere staunen
> Ein verhängnisvoller Wunsch nach Liebe setzt in „Obsession“ eine
> Gewaltspirale in Gang. Der echte Diskussionsstoff liegt im Hype um den
> Indie-Horror-Film.
(IMG) Bild: Sie schreit und schlägt wild um sich: Nikki (Inde Navarrette) in „Obsession“
Ausgerechnet zwei mit Minimalbudgets produzierte Indie-Horrorfilme
dominieren den Kinosommer. Obendrein stammen sie von zwei Regisseuren, die
vor allem als Youtuber bekannt waren. Und, man höre und staune: Die Gen Z
scheint sich „Backrooms“ und „Obsession“ lieber zuzuwenden als dem
[1][neuen „Star Wars“-Film].
Die Schlagzeilen überschlagen sich, wenn von diesen Filmen die Rede ist,
die schon als neues [2][„Barbenheimer“] gehandelt werden. Der triumphale
Ton, mit dem darüber berichtet wird, hat natürlich seinen Charme.
Schließlich besitzt die Vorstellung, dass ein Underdog-Kino den saturierten
Franchisegrößen die Schau stiehlt, etwas Befriedigendes.
Man kann sich allerdings darüber wundern, dass hier etwas grundlegend Neues
am Werk sein soll – das nicht auch mit Strategie zu tun hat. Die
Hype-Produktion via Tiktok und andere Social-Media-Plattformen mag stärker
vom Wohlwollen der Nutzer abhängen, ist deshalb aber noch längst kein
Zufall.
Man erinnere sich: Bereits seit einigen Sommern versuchen hippe Studios wie
A24 und NEON kleine [3][Horrorfilme wie „Longlegs“] und [4][„Cuckoo“] durch
raffinierte Social-Media-Kampagnen zu Hypes zu stilisieren. Teils stammen
sie wie [5][„Bring Her Back“] ebenfalls aus der Youtube-Sphäre.
## Mechanismen der Aufmerksamkeit
Die Zusammenarbeit passt zum Nimbus des Handgemachten, des Authentischen
und des aufregend Andersartigen, mit dem die Studios werben. „Obsession“
aus dem Hause Focus Films treibt dieses Modell nun freilich auf die Spitze:
Mit Produktionskosten von gerade einmal 750.000 Dollar und einem
Einspielergebnis von bereits über 200 Millionen Dollar ist der Film der
bislang spektakulärste Erfolg dieser Entwicklung.
Beeindruckend klingt das selbstverständlich. Doch ist das bereits Grund zur
Euphorie – oder zunächst nur der Beleg dafür, dass inzwischen auch kleinere
Studios die Mechanismen der Aufmerksamkeit beherrschen?
Erfreulich wäre das vor allem, wenn dies dem müden Franchisekino etwas
Reizvolleres entgegensetzt. Gerade aber zeichnet sich nicht nur die
Fähigkeit ab, Hypes zu kreieren, sondern dass diese um etwas kreisen, das
seinerseits wenig Substanz besitzt. Zumindest „Obsession“ bildet da dieses
Jahr keine Ausnahme.
Vorweg: Was Regisseur und Drehbuchautor Curry Barker mit begrenzten Mitteln
an Effekten realisiert, ist bemerkenswert. Es sieht durchaus überzeugend
aus, wenn ein Gesicht mit einem Ziegelstein zur grotesken Unkenntlichkeit
deformiert wird. Auch simple Rückspul-Effekte erfüllen ihren Zweck.
Die Antwort, weshalb man sich dem Spektakel über eine Spielzeit von fast
zwei Stunden aussetzen sollte, bleibt „Obsession“ aber schuldig. Eine
überzeugende Geschichte, gar interessante Gedanken, werden nicht geboten.
## Abfolge von Schockmomenten
Dabei wäre die Prämisse tragfähig: Bear (Michael Johnston) ist seit Jahren
unglücklich in Nikki (Inde Navarrette) verliebt. Nach einer weiteren
Zurückweisung macht er Gebrauch eines „One Wish Willow“, eines magischen
Weidenzweiges. Sein Wunsch: Nikki möge ihn mehr lieben als alles andere auf
der Welt.
Was folgt, wird als erwartbare Abfolge von Schockmomenten inszeniert –
narrative Plausibilität wird darüber zur Nebensache. Nikki entwickelt eine
Obsession, die sich ins Grausame steigert: Sie nässt sich ein, wenn er fort
ist. Sie schreit und schlägt wild um sich, wenn er sie nicht mit
„Liebesbekundungen“ überschüttet – und tötet schließlich sogar.
Man muss gar nicht erst die philosophische Frage bemühen, ob sich hier noch
irgendeine Form von pervertierter Liebe artikuliert oder ob Baker schon den
Wunsch seines Protagonisten falsch formuliert hat, um diese
Eskalationsspirale lostreten zu dürfen. Selbst innerhalb der eigenen Logik
wirkt vieles beliebig: Sie serviert die geliebte Katze als Lunch-Paket –
warum? Wohl weil es krass ist.
Wenn in der Berichterstattung nun von der Verarbeitung „Gen Z“-spezifischer
Themen wie Dating-Angst die Rede ist, um den Erfolg des Filmes zu erklären,
entpuppt sich das als geschicktes Framing. Auch das Werben mit
Zeitgeistigem gehört schon des Längeren zum Indie-Horror-Sommer. Sollte
2026 sich nun lediglich durch das schiere Ausmaß des Hypes auszeichnen,
dann ist der Übergang vollzogen – vom vermeintlichen Gegenentwurf zur Kopie
der Blockbuster-Logik: Größer. Lauter. Mehr.
28 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Der-Mandalorian-und-Grogu-Zusammengeklaute-Szenen-und-viel-ungenutztes-Potenzial/!6179438
(DIR) [2] /Barbie-und-Oppenheimer-im-Kino/!5944235
(DIR) [3] /Thriller-Longlegs-mit-Nicolas-Cage/!6025501
(DIR) [4] /Horrorfilm-Cuckoo-mit-Hunter-Schafer/!6033183
(DIR) [5] /Bring-Her-Back-von-den-Philippous/!6103096
## AUTOREN
(DIR) Arabella Wintermayr
## TAGS
(DIR) Spielfilm
(DIR) Horror
(DIR) Independent
(DIR) Hype
(DIR) Horror
(DIR) Film
(DIR) Film
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Horrorfilm „Bring Her Back“: Hochglanzhorror im Leerlauf
Traumatisierte Geschwister und eine Pflegemutter mit finsteren Absichten:
Danny und Michael Philippou setzen in „Bring Her Back“ auf Schreckbilder.
(DIR) Horrorfilm „Cuckoo“ mit Hunter Schafer: Schrecken vor Bergpanorama
Mit seinem zweiten Spielfilm beweist Tilman Singer ein enormes Gespür für
sinistre Stimmungen. „Cuckoo“ ist ein Horrorfilm für die Sommersaison.
(DIR) Thriller „Longlegs“ mit Nicolas Cage: Die giftigen Zähne der Hydra
Gegen den Teufel und alle Rationalität ermittelt wird in Oz Perkins’ neuem
Film. „Longlegs“ vereint Serienkillerjagd mit okkultem Horrorthriller.