# taz.de -- Menschenrechtsurteil in Libyen: Folter im Sinne der europäischen Flüchtlingsabwehr
> Ein international gesuchter libyscher Foltergeneral wurde jetzt in Libyen
> verurteilt. Kritische Organisationen halten das für Augenwischerei.
(IMG) Bild: Der wegen Kriegsverbrechen angeklagte Ex-Gefängnisdirektor Almasri bei seiner Ankunft in Tripolis im Januar 2025
Ein Gericht in Tripolis hat den ehemaligen Leiter der Abteilung für
„Operationen und Sicherheit“ der libyschen Justizpolizei, Osama Almasri
wegen „Verletzung der Rechte von Häftlingen“ verurteilt. Almasri soll für
sieben Jahre und vier Monate ins Gefängnis. Die libysche Staatsanwaltschaft
hatte ihn wegen „Folter, Grausamkeit und erniedrigender Behandlung“ von
Insassen des Mitiga-Gefängniskomplexes in der Hauptstadt Tripolis ab 2015
angeklagt.
Almasri wird wegen der gleichen Vergehen seit Januar 2025 vom
Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag per Haftbefehl
gesucht. In jenem Monat war er nach Italien gereist, um ein Fußballspiel in
Turin zu besuchen. Dort hatte ihn die italienische Polizei verhaftet.
[1][Doch statt ihn nach Den Haag auszuliefern, flog der italienische
Geheimdienst Almasri mit einem eigenen Flugzeug nach Tripolis zurück.]
Hintergrund der Aktion war offenkundig Almasris Bedeutung für die
italienische Migrationsabwehr in Libyen. Die Miliz des Kommandanten ist mit
der sogenannten libyschen Küstenwache verwoben. In dem fraglichen, Almasri
unterstellten Gefängnis werden bis heute vor allem subsaharische
Migrant:innen festgehalten – teils solche, die in Libyen gestoppt
werden, teils solche, die bereits auf dem Mittelmeer unterwegs waren und
von der Küstenwache zurückgeholt wurden. [2][Dieses Arrangement wollte die
Regierung in Rom offenbar nicht gefährden] – und ließ Almasri deshalb im
vergangenen Jahr laufen.
Das beschäftigt mehrere Gerichte. Der IStGH stellte formell fest, dass
Italien seine Kooperationspflichten gegenüber dem Gerichtshof verletzt habe
und sich dafür vor der Versammlung der Vertragsstaaten rechtfertigen müsse.
Zwei Folterüberlebende haben beim Europäischen Gerichtshof für
Menschenrechte Beschwerde gegen Italien eingereicht. Das Verfahren ist
anhängig.
## Einen Straftäter vor der internationalen Justiz geschützt
In Italien selbst waren [3][Ermittlungen gegen mehrere
Regierungsmitglieder] eingeleitet worden, darunter die Ministerpräsidentin
Giorgia Meloni, Justizminister Carlo Nordio und Innenminister Matteo
Piantedosi.
Die Selbstorganisation Refugees in Libya (RiL) verlangt weiterhin die
Auslieferung Almasris nach Den Haag. Ob er in Libyen tatsächlich bestraft
werde oder es sich bei dem Urteil „lediglich um einen politischen Schachzug
handelt, mit dem milizkontrollierte Institutionen in Libyen die öffentliche
Meinung manipulieren wollen“ – für die italienische Regierung sei die
Angelegenheit eine „tiefe Schande“, schrieb RiL auf der Plattform X.
„Obwohl die italienischen Behörden genau wussten, dass Almasri ein
gefährlicher Mörder und Vergewaltiger ist, haben sie beschlossen, ihn vor
Rechenschaft und Gerechtigkeit zu schützen.“ Melonis Regierung rechtfertige
dies bis heute.
Julia Winkler, die Sprecherin der NGO Sea Watch, sagte, die italienische
Regierung habe einen Straftäter vor der internationalen Justiz geschützt,
„während die EU weiterhin genau jenes System aus Internierungslagern,
Milizen und Gewalt legitimiert und finanziert, in dem diese Verbrechen
stattgefunden haben“.
23 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christian Jakob
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