# taz.de -- Forscher über Political Gender Gap: „Junge Männer vertreten mehr autoritäre Einstellungen“
       
       > Junge Männer orientieren sich eher rechts, junge Frauen links. Das liegt
       > auch an Männlichkeitsbildern, sagt Nico Mokros.
       
 (IMG) Bild: Bedrohte Männlichkeit: Protest gegen den Christopher Street Day in Bautzen 2025
       
       taz: Was ist der Political Gender Gap? 
       
       Nico Mokros: Das ist ein politischer Trend, der seit einigen Jahren
       beobachtet wird. Während junge Männer sich zunehmend konservativ bis rechts
       orientieren, wählen Frauen im gleichen Alter eher progressiv-links. Für
       unsere Forschung ist aber weniger das Wahlverhalten interessant, sondern
       vielmehr, dass junge Männer und Frauen im Vorfeld schon politisch sehr
       unterschiedlich eingestellt sind.
       
       taz: Woran erkennt man das? 
       
       Mokros: Wir sehen zum Beispiel, dass junge Männer häufiger rechtsextreme,
       autoritäre, menschenfeindliche und antifeministische Einstellungen
       vertreten als junge Frauen.
       
       taz: Warum ist der Political Gender Gap bei jungen Menschen so stark
       ausgeprägt? 
       
       Mokros: Die Ursachen sind vielfältig. Viele junge Menschen reagieren
       empfindsamer auf Krisen als ältere. Das ist normal und entwicklungsbedingt
       – die meisten sind mitten in einer bedeutenden Phase ihrer politischen
       Sozialisation. Und gerade diese Altersspanne ist auch mit persönlichen
       Krisen, einer oft unsicheren Lebenssituation und vielen Zukunftsfragen
       behaftet. Man sucht noch den eigenen Platz in der Gesellschaft. Die
       zunehmende Dichte und Häufigkeit von Krisen kann besonders bei jungen
       Menschen mehr Unsicherheit und eine Art Ohnmacht hinterlassen, wenn etwa
       das Gefühl überwiegt, nicht viel dran ändern zu können. Wenn Menschen
       keinen Ausweg aus dieser negativen Gedankenspirale sehen, befürworten sie
       eher eine autoritäre Politik, die ihnen vermeintlich einfache Antworten auf
       die schwierigen Fragen unserer Zeit bietet. Oder zumindest eine Ideologie,
       an die sie glauben können.
       
       taz: Was könnte verunsicherten, jungen Menschen helfen? 
       
       Mokros: Es wäre besser, wenn mehr Verständnis für die Zusammenhänge von
       Krisen geschaffen wird und auch über deren Gestaltbarkeit. Und es fehlen
       Vorbilder, die demokratische Werte vermitteln, die Ideen haben, wie und wo
       sich junge Menschen orientieren können, die ihnen [1][mögliche Lösungen
       aufzeigen], wie sie aus dieser negativen Weltsicht herauskommen. Damit sie
       eben nicht extremistische Richtungen einschlagen, stellvertretende
       Schuldige suchen, Minderheiten abwerten und Gewalt befürworten – also
       versuchen, die innere und äußere Überforderung zu lösen und für sich wieder
       ein Gefühl von Macht und Kontrolle herzustellen.
       
       taz: Welche Rolle spielen die sozialen Medien? 
       
       Mokros: Wir müssen stark davon ausgehen, dass soziale Medien in den letzten
       Jahren zu einem wesentlichen Bestandteil von Radikalisierungsprozessen
       geworden sind. Geschlechtervorstellungen, Körperbilder, Krisenerzählungen
       sind eben besonders geeignet dafür. Und in dieser Hybridität vermischen
       sich dann schnell ideologische Fragmente und Deutungsmuster. Gerade
       extremistische Akteure machen sich das stark zunutze.
       
       taz: Junge Männer neigen eher zu extremistischen Einstellungen. Haben auch
       Männlichkeitsbilder etwas damit zu tun? 
       
       Mokros: Unbedingt, das beobachten wir in der Forschung schon länger. Sowas
       wie starke Unzufriedenheit und Unsicherheit über die eigene Männlichkeit
       kann tatsächlich als sehr [2][bedrohlich für die persönliche und soziale
       Identität] empfunden werden. Vor allem, wenn die Männlichkeit als dem Ich
       unmittelbar eigen empfunden wird. Jeder Angriff darauf wird dann auch als
       Angriff auf einen selbst empfunden. Das Problem ist oft eine Art
       Überkompensation, die bei Männern entsteht, um einen halbwegs positiven
       Selbstwert wiederzubekommen.
       
       taz: Was bräuchte es, um Männlichkeit neu zu definieren? 
       
       Mokros: Ich denke, es würde schon was ausmachen, Männlichkeit und
       Geschlecht anders zu denken, sowohl aus männlicher als auch aus weiblicher
       Sicht. Und sie weniger Identitätsbezogen zu verstehen – einfach stärker als
       eine Form von sozialer Praxis, die man verändern, von der man zurücktreten
       kann und die nicht essenziell zu einem gehört. Dadurch könnte eine
       vermeintliche Bedrohung nicht mehr so heftig empfunden werden.
       
       taz: Welche vermeintliche Bedrohung? 
       
       Mokros: Gerade auf Social Media wird ja Gleichstellung, eine liberale
       Einstellung und Feminismus als Schuld an der vermeintlich schlechteren
       Position von Männern gesehen. Das ist genau die Gefahr. Vor allem, weil
       Feminismus gerade [3][für die Reflexion von Männlichkeit viele wertvolle
       Ansätze] bietet.
       
       28 Jun 2026
       
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