# taz.de -- Soziologe über Chancen einer Fußball-WM: „Das zeugt noch von einem kolonialen Denken“
> Beim Fußball kommen politisch und wertemäßig Unterschiedliche zusammen
> wie sonst nirgends, sagt der Soziologe und Fußballfan Aladin
> El-Mafaalani.
(IMG) Bild: Ein guter Grund, mehr Mannschaften zuzulassen: das Team von Kap Verde, das nach seinem ersten WM-Tor überhaupt gar weiterkommen könnte
taz: Herr El-Mafaalani, boykottieren Sie als kritischer Fußballfan und
Wissenschaftler diese WM am Fernseher?
Aladin El-Mafaalani: Nein.
taz: Warum nicht?
El-Mafaalani: Ist das jetzt nicht voll konstruiert? Ich habe nicht gehört,
dass irgendwer die WM boykottiert.
taz: Ich nenne mal ein paar Stichworte: Trump, [1][Infantino,] schlimmes
Geldverdienen, Exklusion an der Grenze und durch Ticketpreise,
[2][ökologisches Desaster.] Was spricht für diese WM?
El-Mafaalani: Das eine ist eine weitere kommerzielle Zuspitzung: mehr
Spiele, höhere Eintrittspreise und so weiter. Das andere hat mit der
politischen Situation in den USA zu tun. Das war ja auch klar, dass sich
das bei der WM nicht auflöst. Diese Probleme sind da. Aber gleichzeitig
reden wir immer noch über Fußball.
taz: Sie werden doch jetzt nicht wie Jürgen Klinsmann oder Uli Hoeneß
argumentieren?
El-Mafaalani: Es geht nicht immer, das Politische herauszuhalten, aber
grundsätzlich sollten die politischen Probleme so weit wie möglich als
politische Probleme gesehen werden und nicht alle anderen Bereiche auch
umfassen. Man kann es vielleicht sogar positiv sehen, dass in dem
sportlichen Wettbewerb Nationen sind, die sich auf politischer Ebene nicht
so viel zu sagen haben, aber dass so eine WM dennoch funktioniert. Es wäre
doch zum Beispiel schlimm, wenn man sich aufgrund von politischen
Konflikten in der Wissenschaft oder der Kunst nicht mehr austauschen würde.
taz: Die WM expandiert, weil man statt 32 nun 48 Märkte hat. „Zynisches
Geldverdienen“, schreibt der Guardian. Aber das sind halt auch, so Daniel
Cohn-Bendits Position, 48 Gesellschaften, die Teil haben an diesem globalen
Ereignis. Wo stehen Sie?
El-Mafaalani: Es stimmt beides und alle möglichen Kritikpunkte sind ja an
sich berechtigt. Aber ich finde, es gibt in vielerlei Hinsicht auch gute
Gründe, sowas auszuprobieren.
taz: Wenn wir jetzt wochenlang die Fifa und ihren Chef Gianni Infantino
kritisieren, was bringt das dann real? Hat es zumindest einen
aufklärerischen Effekt?
El-Mafaalani: So eine Kritik von Führungskräften finde ich immer sinnvoll,
wenn man daraus praktisch ableitet, wie das in Zukunft besser gemacht
werden könnte. Und die Fifa zu kritisieren, macht wahrscheinlich rund um
die Uhr Sinn.
taz: Es nehmen jetzt zehn afrikanische Teams an der WM teil. Mit den 54
afrikanischen Ländern und Geldtransfers an sie baut Infantino seine Macht
gegen die Europäer aus. Gut so?
El-Mafaalani: Aus einer europäischen Perspektive ist das nachteilig. Und
was das Sportliche angeht, muss man mal abwarten. Tendenziell sollte das
Prinzip gelten, dass die Besten spielen sollten. Gleichzeitig würde ich es
als Umverteilungsmaßnahme sehen, dass die bisher schwächeren Nationen und
Verbände jetzt stärker unterstützt werden, damit sich das vielleicht in
Zukunft sportlich mehr angleicht.
taz: Die größere Vielfalt und globale Integration bringt auch politische
und gesellschaftliche Kulturen mit sich, die nicht unseren
liberal-emanzipatorischen Ansprüchen entsprechen, etwa in puncto Frauen
oder Homosexualität.
El-Mafaalani: Eine Fußball-WM sollte im Idealfall ja schon auch die Welt
repräsentieren. Das tut sie, wenn die Weltgesellschaft und ihre vielen
Millionen Fußballfans durch die verschiedenen Nationen einigermaßen
abgebildet sind. Man sollte unbedingt über bestimmte Unterschiede und auch
Wertunterschiede sprechen. Aber es ist eben ein interkulturelles, globales
Sportfest, bei dem die westlichen Länder nicht mehr dermaßen
überrepräsentiert sind, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Es
politisch oder im Hinblick auf Werte kritisch zu sehen, dass die Nationen
oder die Kontinente einigermaßen abgebildet sind, halte ich für wenig
sinnvoll bei einer WM.
taz: Die Frage ist ja im Sinne Ihres Buches „Das Integrationsparadox“, ob
die bisher ignorierten Außenseiter jetzt wirklich alle mit am Tisch sitzen
und mitmischen oder ob sie nur instrumentalisiert werden von Leuten wie
Infantino und Trump?
El-Mafaalani: Vielleicht stimmt ja auch beides, das schließt sich
jedenfalls nicht aus. Man muss das weiter kritisch begleiten, wie die Fifa
vorgeht und schauen, wie man das verbessern kann. Aber die bisherigen
Außenseiter weder mitspielen noch an dem Markt teilhaben zu lassen, noch
ihnen eine Stimme in der Fifa zu geben, wäre eine noch schlechtere
Alternative. Die Dominanz Europas nimmt sowohl im Sportlichen als auch im
Ökonomischen und Politischen ab. Das tut immer ein bisschen weh und
gleichzeitig ist es eine nicht so schlaue Lösung, zu sagen, wir wollen es
wieder so, wie es im letzten Jahrhundert war. Das ist tatsächlich genauso
wie im „Integrationsparadox“ auch.
taz: Bei der letzten WM in Katar gab es nicht nur Empörung über die
Arbeitsbedingungen beim Stadionbau und die Menschenrechte, sondern viele
fanden es auch daneben, dass im Winter gespielt wurde.
El-Mafaalani: Ich fand das auch nicht so schön, dass die WM im Winter war.
Aber es gibt Erdteile, in denen die WM immer schon im Winter stattgefunden
hat. Und jetzt war es halt mal andersrum. Die Vorstellung, WM muss in der
für uns angenehmen Jahreszeit sein, das ist ein Dominanzverständnis und
eine Vorstellung, wie die Welt funktionieren sollte, die auch das letzte
Jahrhundert widerspiegelt. Das zeugt noch so ein bisschen von einem
kolonialen Denken, dass man selber das Zentrum der Welt ist und der Rest
hat sich selbstverständlich anzupassen. Das Gleiche gilt für die Uhrzeit.
taz: Sauerei, Spiel um 4 Uhr nachts.
El-Mafaalani: Ja genau, aber so ist das nun mal. Vielleicht lernen wir
nicht nur die Weltgesellschaft, sondern auch unseren Planeten jetzt nochmal
neu kennen.
taz: Sie haben gesagt, das Stadion sei einer der wenigen Orte, wo die
Unterschiedlichen noch zusammenkommen. Aber damit auch [3][Rassismus] oder
Homophobie.
El-Mafaalani: Die politisch Unterschiedlichen mit unterschiedlichen
Werteeinstellungen kommen am ehesten im Fußballstadion zusammen. Das ist in
der Oper nicht so und auch selten bei Konzerten oder sonstigen Festen,
schon gar nicht in vierzehntäglichem Rhythmus. Das halte ich wirklich für
eine sinnvolle Eigenschaft des Stadionbesuchs und die soziale Bedeutung von
so einem Fußballstadion innerhalb einer Stadt. Das sollte man erstmal
positiv zur Kenntnis nehmen und nicht direkt hart kritisieren.
taz: Warum nicht?
El-Mafaalani: Gerade, weil es einer der letzten Orte ist, in dem noch alle
sich begegnen, ein grobes, abstraktes gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl
erleben und sich in der Regel auch nicht an die Gurgel gehen, sondern es
hinbekommen, unterschiedlich zu sein und an der gleichen Sache Freude zu
haben.
taz: Die WM 2030 ist – neben Spanien und Portugal – in Marokko, die WM 2034
in Saudi-Arabien. Wir haben neben allem anderen zunehmend eine Übernahme
des Fußballs durch autoritäre staatspolitische Interessen.
El-Mafaalani: Nochmal: Wie die politische Situation im Detail ist in einem
Land, das die WM austrägt, sollte fast egal sein. Das Land muss einfach ein
solches Turnier mit internationalen Gästen umsetzen können, was die
Sicherheit angeht, was die Versorgung angeht und so weiter. Sonst müsste
man eine Grenze ziehen, die man dauerhaft nicht halten kann, und müsste
Kriterien anlegen, die sehr eindimensional aus einer ganz bestimmten
Richtung sind. Es ist auch nicht plausibel, warum in der UNO alle dabei
sein sollen und warum wir mit fast allen Ländern der Welt Handel betreiben,
aber dann sagen, nein, nein, eine WM bei euch, das machen wir nicht. Wenn
man ein Kriterium anlegt, dann ist das plausibelste Kriterium hier wieder
das sportliche.
taz: Heißt?
El-Mafaalani: Ist das ein Land, wo die Leute sowieso ins Stadion gehen, in
dem es eine Fußballkultur gibt? Die muss uns nicht gefallen, aber es gibt
sie. Die Stadien sind voll und werden da nicht [4][extra hingebaut wie in
Katar]. Während des Turniers muss sichergestellt werden, dass es für
niemanden Probleme gibt, seien es Frauen, seien es Homosexuelle, dass
schwarze Fans kommen dürfen und so weiter und so fort. Aber darüber hinaus
sollte eigentlich nur zählen, dass es ein Land ist, in dem Fußball gelebt
wird. Und das ist sowohl in Marokko als auch in Saudi-Arabien vollständig
erfüllt.
taz: In Saudi-Arabien auch?
El-Mafaalani: Ja. Da gibt es – natürlich durch viel Geld – eine Liga, die
fußballerisch wirklich gut ist und eine außergewöhnliche Fußballkultur. Ich
gucke mir selber mittlerweile Spiele der saudi-arabischen Liga an. Gute
Stimmung, tolle Choreografien Ich finde das spannend, wie das da ist.
taz: Eine beliebte Stereotype der Mediengesellschaft sind die Analogien
zwischen Fußball und politisch-gesellschaftlicher Lage. Wenn wir gewinnen,
dann läuft es wieder besser in Deutschland. Wenn wir früh ausscheiden, geht
vollends alles den Bach runter. Was halten Sie von diesen Analogien?
El-Mafaalani: Also, wenn man Weltmeister wird oder bis ins Halbfinale
tollen Fußball spielt, dann gibt es schon so ein bisschen Flow. Dann gibt
es wahrscheinlich auch mehr Public Viewing, viele Leute haben eine schöne
Zeit und das hat immer ein paar Effekte. Aber das verpufft, glaube ich,
auch sehr schnell. Für eine Nation noch schneller als für eine Stadt. Dann
sind das nur noch so Erinnerungen, die eher dazu führen, dass die Ansprüche
steigen und man dann danach noch mehr meckert.
22 Jun 2026
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