# taz.de -- Frühes WM-Aus der Türkei: Im Panikmodus
> Mit hohen Erwartungen war die Türkei zum WM-Turnier gereist. Zwei höchst
> unwahrscheinliche Niederlagen hinterlassen eine Fußballnation ratlos.
(IMG) Bild: Verzweiflung pur: Kenan Yildiz nach dem WM-Aus gegen Paraguay
Die Straßen von Neukölln und Kreuzberg sind am frühen Samstagmorgen
weitgehend leer. Ein paar Clubgänger sitzen noch auf dem Bordstein, sind
nicht bereit, die Nacht zu beenden, Jogger in engen Hosen stampfen sich
warm, bevor die Sonne aufgeht. Verwirrte Türken stehen in kleinen Gruppen
zusammen, mit leerem Blick; irgendwas zwischen Unglauben und Ernüchterung,
versuchen zu begreifen, dass alles vorbei ist, suchen den Heimweg oder
einen Stein, unter dem sie sich verkriechen können – ein Anti-Autokorso.
Die Türkei ist gerade aus der Weltmeisterschaft ausgeschieden.
Die Erwartungen an die türkische Nationalmannschaft waren riesig bei ihrer
ersten WM-Teilnahme seit 24 Jahren. Für eine ganze Generation, die die
Türkei nie bei einer WM erlebt hat, könnte sie kaum größer sein. Experten
fordern die sofortige Entlassung des Trainers; manche, die an türkische
Politik gewöhnt sind, wären vermutlich sogar zufrieden, wenn jemand
verhaftet würde.
Einige Nationalspieler, sogar der italienische Trainer Vincenzo Montella
und der Präsident des türkischen Fußballverbands, sprechen von Pech. Würde
die Türkei hundert Spiele spielen, würde so etwas nie wieder passieren,
sagte der Verbandschef nach der Niederlage gegen Australien. Doch gegen
Paraguay passierte es erneut. Wenn überhaupt jemand Pech hatte, dann
Paraguay, das die halbe Partie in Unterzahl bestreiten musste, nachdem
Almirón als erster Spieler der Geschichte vom Platz verwiesen wurde, weil
er beim Sprechen [1][die Hand vor den Mund] gehalten hatte – eine neue
Regel der Fifa.
Die Bilanz der Türkei nach zwei Spielen lautet: 62 Schüsse, über 70 Prozent
Ballbesitz, null Tore. Die Gegner dagegen erzielten drei Treffer mit
insgesamt sechs Schüssen aufs Tor. Vielleicht ist das kein Pech, sondern
Unfähigkeit. Die türkische Nationalmannschaft, angeführt von Spielern wie
[2][Real Madrids Arda Güler] und Juventus’ Kenan Yıldız, galt als goldene
Generation und als Favorit in einer Gruppe mit den historisch eher
unbedeutenden Teams aus Australien, Paraguay und Gastgeber USA. Manche
sprachen von der Türkei sogar als Geheimfavorit des Turniers.
## Erinnerung an 2002
[3][Als Präsident Erdoğan vor Turnierbeginn eine zweiminütige
Videobotschaft aufzeichnete] – möglicherweise die schlechteste
Motivationsrede aller Zeiten –, sprach er vom Halbfinaleinzug 2002.
Eigentlich sprach er nicht nur zur Mannschaft, sondern zum ganzen Land, wie
Präsidenten das eben tun. Indem er an den Sommer 2002 erinnerte – der
letzte Sommer vor seinem Machtantritt –, griff er die Erwartungen einer
ganzen Nation auf. Und auch wenn sein mürrischer Blick und seine unbewegten
Augen alles wie eine Drohung wirken lassen, drohte er niemandem, als er
sagte: „Möge jeder eurer Schüsse ein Tor sein.“ Bisher steht die Bilanz bei
0 von 62.
Es ist eigentlich verrückt, wie hoch die Erwartungen waren, wenn man
bedenkt, dass dies erst die dritte WM-Teilnahme der Türkei überhaupt ist.
Zum Vergleich: Deutschland hat häufiger ein WM-Finale verloren, als die
Türkei sich für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hat.
Eine Mannschaft wie die Türkei lebt davon, Außenseiter zu sein. Wie bei
vielen Staaten mit einem gewissen Minderwertigkeitskomplex beruht auch der
Gründungsmythos der modernen Türkei auf dem Kampf gegen die ganze Welt und
alle Widerstände. Dass die Ausgangslage diesmal scheinbar zugunsten der
Türkei sprach, führte zu Fehleinschätzungen und vor allem zu Panik, sobald
die Dinge nicht nach Plan liefen. Und Panik führt zu schwachen Leistungen.
Der Traum war, dass dieses Turnier an die WM 2002 erinnern würde.
Tatsächlich ähnelt es bislang eher der EM 2020, bei der die Türkei mit null
Punkten aus der Gruppenphase ausschied. Sollte gegen die USA auch im
letzten Spiel kein Tor gelingen, würde dieses Ergebnis sogar noch
unterboten. Und doch sagt mir etwas, dass gerade jetzt, wo die USA den
Gruppensieg bereits sicher haben und die Türkei den letzten Platz, keine
Erwartungen mehr übrig sind. Vielleicht zeigt die Türkei dann endlich einen
kurzen Blick auf das, was hätte sein können.
21 Jun 2026
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(DIR) Ali Çelikkan
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