# taz.de -- Die Fußball-Wettmeisterschaft: Da hilft nur Beten
> Unser Kolumnist hat auf jedes WM-Spiel diverse Wetten laufen. Damit
> nichts schiefgeht, setzt er wie manche Fußballer auf Unterstützung von
> ganz oben.
(IMG) Bild: Betet er Deutschland zum Titel? DFB-Kicker Felix Nmecha vor dem Sieg gegen die Elfenbeinküste
Während der [1][Fußball-Weltmeisterschaft] hat sich unsere Halle 4 in ein
großes Wettbüro verwandelt. Jeder wettet gegen jeden. Allein für das
heutige Spiel Kroatien-Ghana habe ich mit 37 Kollegen gewettet – natürlich
zu 37 verschiedenen Wetteinsätzen. Mit Hasan um einen Döner, mit Hans um
einmal Volltanken, mit Nedim um vier Sommerreifen und so weiter.
Bei jedem WM-Spiel geht es um mehr als drei Dutzend Wetteinsätze. Das muss
bestens organisiert werden. Das ist auch der Grund, weshalb während der WM
niemand in Urlaub fährt.
Bei so hohen Wetteinsätzen wäre es grob fahrlässig, keinen Einfluss auf die
Spiele zu nehmen. Wenn wir an den jeweiligen Spielorten wären, wäre es
einfach, zumal bei jenen Spielen, die in den USA und in Mexiko stattfinden.
Aber von Deutschland aus muss man andere Mächte als die Mafia um Beistand
bitten: zum Beispiel den lieben Gott.
Allerdings kamen bei mir Zweifel auf, als ich vor einigen Jahren vor dem
Spiel Frankreich–Italien sah, wie der französische Spieler [2][Franck
Ribéry] mit offenen Händen eifrig zum Himmel betete, sich kurz darauf das
Bein brach und Frankreich das Spiel auch noch mit 2:0 verlor. Seitdem weiß
ich, dass nicht alle Gebete erhört werden.
## Die religiösesten Länder werden nie Weltmeister
„Vielleicht haben die Italiener ja noch intensiver gebetet, aber es nicht
so an die große Glocke gehängt wie dieser Angeber Ribéry“, argumentierte
mein Kollege Hasan.
„Nach dieser Theorie müssten ja die religiösesten Länder ständig alles
abräumen. Aber habt ihr jemals gehört, dass Saudi-Arabien, der Iran, die
Türkei, Polen oder Israel Weltmeister wurden?“, hielt mein Kumpel Nedim
dagegen.
Er hatte recht. Würden alle Gebete Trophäen bringen, hätte der DFB längst
einige Pfarrer für die Verteidigung, zwei Imame fürs Mittelfeld und einen
Rabbiner als Mittelstürmer verpflichtet und der WM-Pokal wäre sicher im
Schrank.
Ich habe es meinen Kollegen nicht verraten, aber damit die Gebete erhört
werden, muss man ein ganz reines Herz haben – so wie ein kleines,
unschuldiges Kind. Deshalb lasse ich immer meine kleine Tochter Hatice für
mich beten.
Für [3][Deutschlands Auftaktspiel gegen Curaçao] wollte sie fünf Euro,
damit sie die Deutschen gewinnen lässt – was ich natürlich sofort bezahlt
habe.
Nach einer halben Stunde stand es allerdings immer noch 1:1.
„Hatice, was soll denn das? Streng dich doch ein bisschen an“, rief ich
empört.
„Warum sollte ich? Für fünf Euro bete ich bei dieser WM nur 30 Minuten! Für
die nächsten 30 Minuten musst du noch einen Fünfer drauflegen“, antwortete
sie trotzig.
Sie wusste natürlich genau, dass ich keine andere Wahl hatte, als zu
zahlen. Und prompt erzielten die Deutschen in der 38. Minute noch ein Tor.
Nach 60 Minuten musste ich erneut blechen und sie gewannen am Ende sogar
7:1. Für insgesamt 15 Euro.
Das nenne ich echtes Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass ich für dieses
Spiel 37 sehr kostspielige Wetten am Laufen hatte.
Es macht mich nur ein wenig traurig, [4][dass der DFB] meine Verdienste für
die deutsche Nationalmannschaft kaum öffentlich würdigt, obwohl ich
sportlich, finanziell und spirituell stets vollen Einsatz zeige.
27 Jun 2026
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