# taz.de -- Fußball-WM 2026 – die taz WM-Tour: It was a pleasure
       
       > Unsere Autorin erlebt in New York noch einmal wahre Fußballstimmung. Auch
       > den Secret Service lernt sie noch kennen, bevor sie den WM-Kosmos
       > verlässt.
       
 (IMG) Bild: Skyline von Kansas City
       
       ## New York, 19. Juli
       
       Die ganze New Yorker Downtown ist voll von Fußball. Massen spanischer und
       argentinischer Fans, mit Finaltickets oder ohne – noch ein letztes Mal
       lässt sich der WM in USA nicht entkommen. Die Fifa hat ihre Shuttle-Zeiten
       vorverlegt, offenbar wegen der Kontrollmaßnahmen am Stadion. Trump rückt
       an, Helikopter kreisen und jede einzelne Tasche auch der Presse wird
       ausgeräumt, überwacht vom Secret Service. Allein die erste Medienschlange
       vor dem Stadion nimmt zwei Stunden in Anspruch. Mit dem schwedischen
       Journalisten neben mir habe ich in der Zeit die ganze Lebensgeschichte
       ausgetauscht. Im Mediencenter geht's mit dem Schlangestehen weiter, 20
       Minuten bis zum Buffet. Dort angelangt erfahre ich, dass man fürs
       Schlangestehendürfen in der Buffetschlange ein separates Ticket braucht,
       das in einer anderen Schlange zu bekommen ist, bevor ich mich wieder fürs
       Buffet anstellen darf. Bin also bis Anstoß gut beschäftigt. Beim Spiel dann
       bin ich schnell froh, dass ich nicht mein Haus verkaufen musste, um mir ein
       Finalticket für diesen Kick leisten zu können. Können Fans für sowas wohl
       Geld zurück verlangen? Auf der Rückfahrt im Zug schwärmt ein US-Amerikaner
       gegenüber einer US-argentinischen Anhängerin, er sei jetzt in der Lotterie
       für Olympiatickets. Es geht also gefühlt nahtlos weiter mit
       US-Propagandaturnieren. Nur für mich nicht, ich fliege nach Hause. Mit
       körbeweise großen Eindrücken von Chiapas bis New York. Wie man so sagt: It
       was a pleasure.
       
       ## New York, 18. Juli
       
       Wie global WM funktioniert, daran erinnert mich meine Gastgeberin. Sie ist
       aus Bangladesch und glühender Brasilien-Fan. Wie ihr Vater. In Bangladesch
       sei es wie in Indien, sagt sie, alle seien entweder für Brasilien oder für
       Argentinien und es gebe riesige Rivalitäten. In der Vorrunde wollte sie
       Brasilien gucken gehen, 700 Dollar seien ja okay, aber dann sei sie
       unterwegs gewesen. Und die Preise in der K.o-Phase, das hätte sie nicht
       zahlen können. Ligafußball schaut sie nicht, aber WM verfolgt sie seit 1998
       bis ins kleinste Detail. Und so führe ich hier unverhofft das kundigste
       WM-Gespräch in den USA. Das Finale wird sie beim Public Viewing schauen.
       Und auch nicht wissen, wie sie danach den kalten Fußballentzug übersteht.
       
       ## New York, 17. Juli
       
       Dass eine WM sich dem Ende zuneigt, merkt man daran, dass man plötzlich
       einen Tag frei hat. Kein Text, kein Bus, keine Podcast-Aufnahme, nicht mal
       WM im TV. Freizeit, ein ungewohntes Konzept nach zwei Monaten. Ich will ins
       Zentrum von New York fahren, trödele zu lange und stelle dann fest, dass es
       eineinhalb Stunden pro Strecke im ÖPNV sind. Nee, heute nicht. Ich gehe in
       einen Park in der Nähe, aber die Tenniscourts und der Footballplatz sind
       verwaist. Die Leute im Park sind alle allein gekommen und gucken auf ihre
       Handys. Mein Eindruck vom sozialen Zusammenhalt in USA wird wohl nicht mehr
       besser. Der Flughafen JFK ist direkt nebenan, handgestoppt einmal pro
       Minute donnert ein Flugzeug drüber, gefühlt auf Höhe der Enten im Teich.
       Ist Flugzeug-Spotting noch ein Ding? Die ersten paar sind beeindruckend,
       aber als es einfach immer weitergeht, wird mir der Gedanke an die
       Klimabilanz zunehmend grausig. Stop?! Auf dem Rückweg sehe ich den ersten
       und wie's aussieht einzigen WM-Schmuck im Viertel. Dann teilt die Fifa mit:
       Finalticket zugesagt. Endlich wieder Fußball. Was wird man nach zwei
       Monaten bolß ohne tun?
       
       ## New York, 16. Juli
       
       Ich bin angekommen. Ein bisschen erhaben hat sich die Einreise mit dem Bus
       nach New York angefühlt. Ich komme zwar nicht auf dem Dampfer über den
       Atlantik, aber war trotzdem zwei Monate unterwegs für diesen Moment. Bei
       der letzten Fahrt von Philadelphia war ich ein bisschen nachlässig, habe
       den Bus verpasst, aber bekam ein kostenloses Ticket für den nächsten. Hallo
       Deutschland, wäre das mal eine Innovation? Ich lebe in Queens und dort in
       einem Viertel mit fast nur Schwarzer Bevölkerung. Es ist ein hübscher
       bürgerlicher Vorort mit bunten Gärten und spielenden Kindern und eine nette
       Abwechslung zu US-Filmen, wo Schwarze in New York verlässlich in harten
       Nachbarschaften leben. Die Quote von US-Flaggen im Garten ist im Vergleich
       zu Texas um ungefähr 99 Prozent gesunken. In meiner Nachbarschaft ist ein
       karibisches Restaurant, ein Laden mit afrikanischen Gewürzen und Aldi. Ich
       bin immer noch nicht sicher, ob ich die stark segregierten Viertel in den
       USA faszinierend finde, weil man in so eine neue Welt eintaucht, oder
       verstörend wegen der wenigen Begegnung. Einziger Nachteil dieser Bleibe:
       Der Eiswagen, der den ganzen Tag mit demselben lauten Jingle durch die
       Nachbarschaft cruist. Fühle mich etwas musikalisch terrorisiert. Der arme
       Eismann erst.
       
       ## Philadelphia, 15. Juli
       
       Ich bin in einer anderen Welt. Statt ausgedehnter Vorgärten und Leere bin
       ich in einer fast europäisch wirkenden Stadt mit belebten Straßen und zig
       kleinen Shops. Schlagartig divers ist es um mich herum, von Niqab bis
       Hipster. Nach dem doch eher homogenen Midwest ein sehr angenehmer
       Szenenwechsel. Ich wohne in Chinatown und das wörtlich: Jeder Laden hier
       ist chinesisch oder asiatisch, über viele Blocks. Die meisten Leute sind
       asiatisch-stämmig. Ich stelle mir die Reaktion der CDU-Politiker vor, die
       schon über die Sonnenallee heulen. Chinatown wirkt aber auch distinktiv
       amerikanisch und ist noch zum Unabhängigkeitstag geschmückt. Derweil ist
       die Stadt im Baseball-Fieber, sie richtet erstmals seit 1996 das
       All-Star-Weekend aus. Überall Familien in T-Shirts und mit
       Baseballschläger-Atrappen. Trikots scheinen eher mittel gefragt, aber kann
       ich verstehen, so unvorteilhaft wie sie schlabbern. WM? War hier mal.
       
       ## Kansas City, 12. Juli
       
       Und wieder hat der Fußball jemanden für sich gewonnen. Er habe nie wirklich
       Fußball geguckt, erzählt der Uber-Fahrer auf dem Rückweg vom Stadion. Aber
       seit der WM sei er begeistert und verstehe jetzt auch die Regeln. Er
       unterstützt Argentinien, wegen Messi. Er kenne ja nur Messi, Ronaldo und
       den niederländischen Wikinger. Wir ermitteln gemeinsam, dass er Erling
       Haaland meint. Den möge er, er sei wie ein fröhliches Kind. Da ist sicher
       was dran. Auch meine chinesisch-amerikanische Gastgeberin will alles
       darüber wissen, wie es im Stadion war. Fußball schaut sie nicht, hier
       laufen chinesische Romcom-Serien. Und täglich versorgt sie mich mit
       geschenktem Obst. „Hier, eine Schachtel Erdbeeren für dich im Stadion“. Zum
       Abschied fragt sie, ob sie mich umarmen darf. So herzlich wie die Leute im
       Midwest war es nirgendwo auf meiner Tour. Dass es allerdings nie tiefer als
       Smalltalk geht, bleibt gewöhnungsbedürftig. Morgen Flug nach Philadelphia.
       Es wird anders dort, sagt man mir.
       
       ## Kansas City, 11. Juli
       
       Die WM geht schon so lange, dass ich mich manchmal fühle, als werde sie
       ewig weitergehen. Busse und Städte, das ist jetzt mein neues Leben. Kansas
       City ist eine nette Abwechslung von Texas. Es ist weniger heiß und die
       Stadt ist interessanter: Mit den Freiwilligen einer Organisation für
       Menschen ohne Krankenversicherung durchquere ich Kansas City zigmal im Van.
       Mal hat die Stadt einen europäischen Pub-Vibe, mal ist sie eine ausgedehnte
       polierte Vorstadt wie in Texas, mal heruntergekommen voller verlassener
       Industrieruinen. Ich erhalte sehr viele Vorträge über Kansas City, denn ich
       fahre quasi täglich Uber – mein Airbnb ist ÖPNV-freie Zone, wie fast alles
       jenseits der Downtown. Hier gibt es nur bewässerte Vorgärten und
       Eichhörnchen. Von Fahrern lerne ich, dass die WM durchaus etwas
       hinterlassen hat. Sie interessierten sich vorher kaum für Fußball, sagen
       diese oft weißen Männer, und haben dann „so viel über Fußball gelernt wie
       nie“. Sie genossen es auch, Leute aus aller Welt zu fahren. Manche fuhren
       nur wegen der Fans hobbymäßig Uber. Die Einzigen, die wirklich was von
       Fußball verstehen, weiß ich längst, sind Latinx oder frisch Eingewanderte.
       Ob das reichen wird zum Soccer-Boom? Uber übrigens verdient gut an der
       ÖPNV-Einöde im Midwest: Fahrer berichten, in den ersten drei Stunden nach
       einem Spiel würden die Preise verdoppelt.
       
       ## Zwischen Dallas und Kansas City, 7. Juli
       
       Wieder mal überrascht mich diese Reise. Denn wie so oft ist die Busfahrt
       ein großes Erlebnis. US-Amerikaner:innen plaudern auch im Bus gern, fühle
       mich sehr gut unterhalten. Rechts von mir sitzt ein Mann, der schon in New
       York, Kalifornien, Washington und St. Louis gelebt hat, mir von seinen
       Urlauben sowie einer Kreuzfahrt nach Alaska berichtet und von Deutschen
       gehört hat, dass sie gern angeln (ich bejahe, auch wenn mir etwas der
       internationale Vergleichswert fehlt). Links von mir sitzt einer, der die
       letzten neun Jahre im Knast verbracht hat und erzählt, dass der Großteil
       seines Lebens hinter Gittern stattgefunden habe, er ist frisch auf
       Bewährung draußen. Er findet einen guten Vibe mit dem Mann eine Reihe
       weiter vorn, der auch im Knast gesessen hat, aber wesentlich weniger
       beisammen wirkt und nonstop brabbelt. Das führt zum Streit mit einem jungen
       Mann neben dem Brabbler, der genervt vom Nachbarn ist und sich grinsend mit
       meinem Kreuzfahrt-Nachbarn verbündet, was der andere gar nicht gutheißt.
       Kurz: es wird nicht langweilig. Zwischendurch gibt es immer Riesenchaos,
       weil die Hälfte der Leute nicht auf den zugewiesenen Plätzen sitzt, die
       Busfahrerin schreit rum und einmal ist die Straße gesperrt, weil die
       Polizei gerade jemanden in Handschellen in den Grünstreifen drückt.
       Nebenbeobachtung: Für Soccer interessiert sich niemand.
       
       ## Dallas, 6. Juli:
       
       Gewöhne mich allmählich daran, im Stadion hinter Glas zu sitzen. Trotzdem
       schräger Ort, dieses Stadion. Zum Spieltag rundum alles voll von
       christlichen Gruppen, die auf Englisch und Spanisch in Megafone schreien.
       Chorgruppen singen zu Gitarre, irgendwer trägt ein übermannsgroßes
       Holzkreuz. Fans bleiben eher unbeeindruckt, Frage eines Australiers („Wo
       war Jesus, als wir das Tor brauchten?“) kann nicht geklärt werden. In der
       Pressebox wie immer nur weiße Männer. Immerhin, ich muss als Einzige am Klo
       nicht Schlange stehen. Das habt ihr vom Sportjourno-Patriarchat! In der
       Mixed Zone warte ich lange auf Ronaldo. Irgendwann wird es mir zu blöd, und
       wer will den schon sehen eigentlich. „Keine Selfies“, warnt die Fifa eh an
       jeder Ecke. Außerdem muss ich gucken, dass ich einen Journo-Shuttle
       erwische. Zum Stadion gibt es nämlich keinen ÖPNV und Uber bricht bei
       Spielende immer zusammen. Außerdem verdoppeln sie die Preise. Dynamic
       Pricing, würde die Fifa sagen. Heute dann wieder Bustag, 12 Stunden nach
       Kansas City. Hab's vermisst. Nicht.
       
       ## Dallas, 5. Juli:
       
       Das Feuerwerk ist inzwischen aufgebraucht. Auch nach dem Nationalfeiertag
       am 4. Juli zündeten Kinder in meiner Straße stundenlang Rest-Böller. Dass
       etwa Siebenjährige hier ohne Aufsicht mit Feuerwerk hantieren, beobachte
       ich mit einer gewissen Faszination. Naja, besser als Feuerwaffen, schätze
       ich. Lerne außerdem, die Plauderlaune der Menschen in Texas zu lieben. Ob
       Taxifahrer, Kassierer oder Rezeptionistinnen, alle quatschen fröhlich mit
       mir über die WM. Ein paar Spiele hat fast jede:r gesehen. Unglaublich nett
       sind die Leute hier. Laut eines aus Kenia zugewanderten Taxifahrers sind
       „wir Texaner“ berühmt für Freundlichkeit. Er gibt mir eine Art
       Stadtführung, ich erfahre, wo es am meisten Crackjunkies gab, wo die
       Prostituierten standen, wo man keinen Fuß hinsetzen durfte und mehr dirty
       news. Jetzt sei Dallas viel sicherer, in den schlimmsten Bezirk sei gezielt
       das Stadion hingebaut worden. Die Leute seien „umgesiedelt“ worden. Ich
       finde das ein Beispiel für Gentrifizierung durch Sport, mein Taxifahrer
       findet es cool, er ist Fan der Dallas Cowboys und geht zu jedem Spiel. Über
       die dunklen Seiten der USA reden oder über die Regierung, das kann man vor
       allem mit Zugewanderten. Oft mit solchen afrikanischer Herkunft, die
       ähnlich kritisch sind über die individualistische Kultur. Sein Geld mache
       er zwar in USA, sagt der Taxifahrer. „Aber ausgeben tu ich es lieber in
       Kenia.“ Er lebt mal hier, mal da. Glücklich, wer das kann. Jetzt erstmal
       [1][Spanien-Portugal]. Die Lotterie, welches Spiel zufällig an meiner Route
       stattfindet, ist wie so oft sehr gnädig.
       
       ## Dallas, 2. Juli:
       
       In der Downtown von Dallas ist alles geschmückt. Jedes Steakhaus und jede
       Bäckerei hat die Fahnen draußen und feiert den Sieg gegen Bosnien. König
       Fußball. Viel anderen Sport sehe ich in meiner Nachbarschaft, für
       US-Verhältnisse geradezu eine Spielstraße. Ein Junge trainiert
       Baseball-Würfe im Garten. Ich bin fasziniert, ich sehe zum ersten Mal so
       ein Garten-Fangnetz, wo ich ein Fußballtor erwarten würde. Ein paar Meter
       weiter spielen weiße Männer in Gluthitze Golf. Okay. Mein Haus ist nett,
       eine Art Wohnheim mit geteilten Aufenthaltsräumen. Ich rede lange mit einem
       Amerikaner, der zuletzt in einem Amazon-Lager gearbeitet hat, was in eine
       gute Kapitalismus-Diskussion mündet. Dafür darf ich Fragen zu Europa
       beantworten. Ob es sehr gefährlich dort sei, fragt er mehrfach, auf Tiktok
       hat er das erfahren. Und er äußert Verständnis für Menschen „aus Europa
       oder anderen armen Ländern“, die in die USA wollen. Ich weise kurz darauf
       hin, dass Europa kein einzelnes Land und sehr divers ist. Und kann jetzt
       nachfühlen, wie Menschen mit afrikanischem Background den Diskurs zu ihrem
       Kontinent empfinden.
       
       ## Dallas, 30. Juni
       
       Dallas ist WM-Stadt. Und man merkts. Ein angenehmer Hüpfer von vier Stunden
       im Bus bringt mich her, wenn auch die gequetschten Sitze im US-Bus
       natürlich nicht mit den mexikanischen Liegestühlen mithalten können. Auch
       Dallas ist Autostadt, aber hey, es gibt eine Downtown mit Läden,
       Restaurants, sogar einer Chill Zone und dementsprechend: Menschen. Ein
       Glück, ich bin nicht mehr nur von Pick Ups umgeben. Und hier ist Fußball.
       Abends spielt Mexiko, also tragen etwa alle Mexikaner:innen der Stadt
       Trikot. Fühle mich gleich zuhause. Ein Pub hat Elfenbeinküste-Norwegen
       beflaggt, das nächste Spiel. Die Flaggen sind riesig – hat er davon 48
       Stück gekauft und wechselt sie ständig? Beeindruckend. Sonst auch wieder
       viel Jesus hier, wir sind ja in Texas. In meiner alten Nachbarschaft in
       Houston hatte ein Mann ein Jesus-Schild über seine Haustür genagelt, auf
       der Strecke verspricht eine Kirche wöchentliche „Jesus-Partys“ und in
       Dallas sehe ich einen Pickup (natürlich), der über und über besprüht ist
       mit „Jesus & God love you“. Vielleicht ein lohnender Urlaubsort für Felix
       Nmecha.
       
       ## Houston, 28. Juni
       
       Ich habe die WM gefunden, also, indem ich sie aufgesucht habe. Wie sehr
       dieses Spiel die Amerikaner:innen tangiert, kann ich nicht sagen, denn
       gefühlt 90 Prozent der Menschen sind mittelbar oder unmittelbar aus
       Brasilien. Außer den gut gelaunten Volunteers, die uns trotz Bruthitze
       „Willkommen“ zurufen. Vor dem Spiel habe ich mit meinem Vermieter
       konsultiert, der brasilianisch-stämmiger Amerikaner ist, und seinem
       Begleiter, einem Franzosen. Der US-Brasilianer ist von seinen beiden
       Lieblingsteams schwer beeindruckt und wünscht sich ein direktes Duell. Der
       Franzose ist von Frankreich beeindruckt. Ich von Deutschland nicht, ist
       auch nicht so schwer zu schlussfolgern diesmal. Viele Amerikaner
       jedenfalls, scheint mir aus Smalltalks, schauen zumindest die US-Spiele. In
       Houston seltsames Stadiongefühl, es gibt Rolltreppen und die
       Reporter:innen sitzen hinter einer Scheibe. Es wirkt so sehr wie
       Shopping Center, dass ich manchmal vergesse, dass ich live dabei bin. Dafür
       zahlt die Fifa Buffet (ich hatte ganz die Annehmlichkeiten von
       Männerturnieren vergessen) und es gibt kostenloses Popcorn. Und ein schönes
       Spiel. In der Metro auf dem Rückweg wie so oft hier konsequent alle Ansagen
       auf Englisch und Spanisch. Wenn das der Donald erfährt.
       
       ## Houston, 27, Juni
       
       Wo ist sie bloß hin, die WM? Gestern war hier ein Fußballspiel, Kap Verde
       gegen Saudi-Arabien. Gemerkt hat man davon in der Stadt nichts. Ohnehin
       merkt man hier nicht viel von Menschen. Es sind keine draußen. Sie sitzen
       in ihren Pickups hinter getönten Scheiben und brausen über gigantische
       Highways. Rund um die Downtown nur endlose Einfamilienhäuser und
       Fast-Food-Ketten mit Parkplätzen. Die Bürgersteige sind verwaist – bis auf
       Obdachlose, meist Schwarze. Im Bus, der hier etwa die Taktung wie auf einem
       deutschen Dorf hat, sitzen auch fast nur Schwarze. Als sei die Segregation
       nie zu Ende gegangen. Und wie will man nicht individualistisch denken in
       einer Big-Oil-Stadt, wo man keinen öffentlichen Raum zusammen nutzt? Meine
       großartige Idee, ausgerechnet in Houston eine Straßenrecherche
       durchzuführen, verpufft. Wer freiwillig mit mir spricht, sind die von ganz
       unten. Ein Mann mit offenkundig auch psychischer Krankheit erzählt mir
       nicht nur vom vermeintlichen Antrag an ihn, Bürgermeister von Houston und
       Senator zu werden, sondern auch von seiner Liebe zum US Fußballteam. Das
       letzte Spiel, die Niederlage gegen die Türkei, hätten sie so unnötig
       dramatisch gemacht: „Ich mag keine Achterbahn, sondern einen langen ruhigen
       Fluss.“ So fühle ich mich manchmal auf den endlosen Busfahrten durch
       Houston – auf einem langen, ruhigen Fluss.
       
       ## Zwischen Monterrey und Houston, 25. Juni
       
       Flughäfen sind echte Fanzonen bei diesem Vielflieger-Turnier. Auf dem doch
       überschaubaren Flughafen von Monterrey sehe ich Trikots von Mexiko und
       Südkorea, Argentinien und Brasilien, England und Schottland, Schweden und
       Niederlande, dazu die etwas trendresistenten Real Madrid und UANL Tigres.
       Eine verschworene Gemeinschaft hat die Öffentlichkeit und den Flughafen
       gekapert, man mustert einander freundlich, man betet ja denselben Gott an.
       Wer könnte so eine Szenerie schaffen abgesehen vom Fußball? Selbst die
       Airline metaphert beim Security-Vortrag von Anstoß und Roten Karten. Nein,
       kein Festival der Welt könnte das. Die Einreise in die USA gestaltet sich
       derweil flugs, eine Frage und schon ist die Sache erledigt. Es scheint wohl
       doch einen Fifa-Schutz zu geben, zumindest für, nun ja, bestimmte
       Herkunftsländer. Hinter dem Zoll fängt mich dann direkt ein Fifa-Volunteer
       ab. Nach seinen Schäfchen braucht er hier nicht lange zu fahnden – auch auf
       dem Flughafen von Houston ist die Trikot-Dichte überdurchschnittlich.
       
       ## Monterrey, 24. Juni
       
       Ein letztes Mal Fiesta Mexicana bei einem Spiel, das eigentlich Südkorea
       gegen Südafrika heißt. Irgendwer singt vor und die ganze Metro springt.
       Meist für Mexiko, manchmal für Südkorea, manchmal auch für die K-Pop-Band
       BTS. Leider allerdings auch wieder mit dabei ist der berüchtigte
       Puto-Chant. Morgen geht mein Flug – Überbleibsel eines Mietauto-Plans, der
       nie passierte – nach Houston in die USA. So laut wie hier wird die WM wohl
       eine Weile nicht mehr.
       
       ## Monterrey, 22. Juni
       
       Meine letzte Station in Mexiko. Kann kaum glauben, wie schnell es ging. Es
       schließt sich ein kleiner Kreis zu meiner ersten Station Tuxtla – wieder
       Industriestadt, das Zentrum wirkt wie ein Vorort, überall Malls und
       Werkstätten. Der Smog ist so dicht, dass man die Berge kaum sieht. Mehr
       dazu erfahre ich gleich in einem Gespräch. Ab hier bin ich in Airbnbs, weil
       kleine Hotels zu teuer werden. Ich vermisse die Gespräche mit den
       Gastfamilien. Meine letzte super liebenswerte Gastgeberin in Guadalajara
       versorgte mich täglich mit viralen WM-Videos aus Mexiko und erzählte mir
       viel über den Alltag im Land. Am Ende bestand sie darauf, einen
       Erinnerungsrahmen meiner Anwesenheit mit Fotos gegenüber der Rezeption
       aufzuhängen. Sie überschätzte vielleicht die Strahlkraft der taz. Aber
       eigentlich ging es natürlich nicht darum. Es ging um ein kleines Stück
       WM-Glanz
       
       ## Zwischen Guadalajara und Monterrey, 21. Juni
       
       Habe ich an dieser Stelle vor kurzem geschrieben, Busfahren sei entspannend
       und entschleunigend? Es kann nicht an einem Bustag gewesen sein. Heute
       wieder 14 Stunden von Guadalajara nach Monterrey. Bin eigentlich fein
       damit, aber wenn es vielleicht nicht ganz 14 Stunden sein könnten, sondern
       so was wie 10? Dafür atemberaubende Landschaft. Sicher die hübscheste
       Strecke.
       
       Aus subtropischem Wald ist Felslandschaft mit Kakteen geworden. Esel stehen
       rum und Männer tragen unironisch Cowboyhut. Fühle mich wie bei Sergio
       Leone. Hochgerüstet ist auch dieser Gastgeberstaat, das gilt nicht nur für
       die USA. In meinen Überlandbussen in Mexiko steigt ständig Polizei zu und
       kontrolliert Pässe. Einmal wird das komplette Kofferfach mit allen Taschen
       durchsucht. Und auf meiner heutigen Fahrt durchsucht der Busfahrer
       persönlich jede Tasche und tastet die Männer auf Waffen ab. Er findet
       keine.
       
       ## Guadalajara, 20. Juni
       
       Er sei fix und fertig, sagt mir der Kollege im Stadion. Erst Kansas City,
       dann LA, jetzt der Flug nach Guadalajara, dann Atlanta, dann Miami und das
       ist erst die Vorrunde. Er wisse kaum mehr, in welcher Zeitzone und Stadt er
       sich befinde, und ständig der Stress am Flughafen. Ich setze ein
       mitleidiges Gesicht auf. Und denke mir: Ach, vielleicht hast du es im Bus
       gar nicht so schlecht. Ich habe noch kein einziges Mal Zeitzone gewechselt,
       fühle mich recht entschleunigt und habe immer Beinfreiheit.
       
       Ich will lange Busfahrten hier nicht schöner reden als sie sind, aber
       können wir bitte auch aufhören, so zu tun, als sei Fliegen chillig? Ich
       erfahre noch, dass in den US-Städten von WM nichts zu spüren sei. Kann
       bestätigen, dass auch das in Mexiko anders ist. Das Spiel Mexiko gegen
       Südkorea endet gegen 21 Uhr. Zuhause bin ich gegen Mitternacht – weil der
       Bus stundenlang im Autokorso und feiernden Menschenmassen an jeder Kreuzung
       feststeckt. Das Herz dieser WM schlägt definitiv in Mexiko.
       
       ## Guadalajara, 18. Juni
       
       Meine Reise ist ja auch eine zwischen Klimazonen. Jetzt also aus den kühlen
       Bergen ins schwülheiße Guadalajara. Die Stimmung hier ist top of the pops,
       heute spielt Mexiko. Party schon acht Stunden vorher. Meine Gastgeberin
       erzählt mir von der Gans Merlin, die jetzt ein Social Media Star ist, eine
       durch Mexiko City spazierende Gans im Fußballtrikot. Und sie regt sich auf
       über die Grenzpolitik der USA und die Preise der Fifa. „Ins Stadion gehen
       nur die Fifi“, sagt sie, die Bonzen. Die Leute auf den Straßen sind nicht
       zum Stadion unterwegs, sondern zumeist zum Fanfest. Die bezahlbare Party.
       Und die bessere, sagt meine Gastgeberin glaubhaft. Ob Merlin für heute
       schon was vorhat?
       
       ## Zwischen Morelia und Guadalajara, 17. Juni 2026
       
       Schon wieder Bustag. Allmählich bisschen desorientiert – nächste Stadt,
       nächster ÖPNV, nächster Stadtplan. Aber ich kann sicher bald einen Guide
       über Mexikos schönste Busbahnhöfe schreiben. Aus Morelia bringe ich die
       Erkenntnis des Taxitickets. Weil es hier vom Busbahnhof keinen ÖPNV gibt,
       kauft man Taxitickets zum Festpreis. Nix mit Umwege oder schleichen. Schon
       schick dieses Taxiticket, kannte ich bisher nur vom Scotland-Yard-Spiel.
       
       ## Morelia, 16. Juni 2026
       
       Ich hatte gedacht, ich würde davonkommen. Aber nein, mitspielen soll ich
       beim Pelota Purépecha, einer Art indigenem Hockeyspiel mit brennendem Ball.
       Na, wer hat Angst vor fliegendem Feuer? Aber es ist so cool. Also ich hätte
       da nach meiner Rückkehr ein paar Reformvorschläge für den Deutschen
       Hockeybund.
       
       ## Morelia, 15. Juni 2026
       
       Eine feine Überraschung, dieses Morelia. Eigentlich nur ein Tag
       Zwischenstation, aber dann ist die Altstadt doch tatsächlich
       Unesco-Welterbe und umwerfend. Vor der Kathedrale sprechen mich zwei
       bettelnde Männer an, woher ich sei. Ah Deutschland, Weltmeisterland. Ich
       merke an, dass das schon ein bisschen verblasst ist. Trotzdem glaubt der
       eine, Deutschland werde es machen. Nun ja, zumindest stümpert die
       Konkurrenz gerade noch mehr. Sein Kollege glaubt indes an Portugal:
       „Letztes Mal war es Messi, jetzt ist Ronaldo dran.“ Wer erlöst uns vom
       GOAT-Wahnsinn?
       
       ## Zwischen Mexiko Stadt und Morelia:
       
       Roadtrips machen ja oft Spaß. Es gibt immer Neues, und wenn es zu bequem
       wird, kommt der nächste Rausch. Heute wieder Raumschiffbus, ich lasse
       Mexiko City mit guten Erinnerungen an schreiende Verkäufer: innen,
       beeindruckende Utopias und den Geruch von gegrillten Maiskolben zurück.
       Nach dem Interview mit Alicia Vargas stellte sich heraus, dass mein
       Gastgeber zwei Nichten hat, die Profifußballerinnen waren. Auch bei denen
       investierten die Eltern irre viel Kohle. Aber gelohnt habe es sich, die
       eine schaffte es bis nach Spanien. Fußball, glaube ich manchmal, ist wie
       Löwenzahn, omnipräsent auch da, wo man ihn nicht erwartet.
       
       ## Mexiko Stadt, 14. Juni 2026
       
       Heute bisschen hyped, ich treffe gleich Alicia Vargas zum Interview,
       Torschützenkönigin der WM 71. Wo wir uns treffen, habe ich gefragt. Ob ich
       die Stadt kenne, meinte sie. Nein, aber kein Problem. Da sagt sie: Ach, ich
       komme zu dir in die Unterkunft. Ich vermute, bei einem männlichen
       Ex-Fußballer wäre das anders verlaufen.
       
       ## Mexiko Stadt, 12. Juni 2026
       
       Ich bin bei der WM angekommen. Nicht nur faktisch, auch in der Seele.
       Gefühlt jede dritte Person hier im öffentlichen Raum trägt Trikot,
       natürlich auch dann, wenn Mexiko nicht spielt. Die fliegenden
       Händler:innen und Marktstände bieten Trikots – neben den
       südamerikanischen Teams bemerkenswert oft Italien – offenbar war die
       verpasste Quali auch für sie überraschend), Fankram, Wetten und alles, was
       man für Fußball brauchen könnte.
       
       Und wenn ich abends draußen in einem Restaurant Fußball schaue und der
       Stream kurz weg ist, hört man den Kommentar von irgendwo nebenan
       weiterlaufen. Aber dass die WM nur für die wenigsten erreichbar ist, bleibt
       auch wahr. Nach dem Eröffnungsspiel unterhalte ich mich im Minibus mit ein
       paar Fans. Sie sind Allesfahrer, haben Mexiko zu jeder WM seit 2006
       begleitet. Und welchen Ort auch immer ich auf der Welt nenne, sie waren
       schon dort. Sie sind sehr nett und interessiert. Aber wie ein Protagonist
       einer Recherche sagte: Es ist wohl die Klientel, die nicht weiß, wie viel
       ein Kilo Tomaten kostet.
       
       ## Zwischen Chiapas und Mexiko Stadt, 10. Juni 2026
       
       Roadtrips machen ja nicht immer Spaß. Bald 20 Stunden in eiszeitlich
       klimatisierten Bussen machen zum Beispiel irgendwann nicht mehr viel Spaß.
       Auch bereue ich, dass ich dachte, wir werden schon irgendwann für eine
       Mahlzeit halten. Sieht nicht so aus, also Bananenchips. Dafür gibt es in
       mexikanischen Bussen eine separate Klokabine für Männer und eine für
       Frauen, die innen exakt gleich ist. Symbolbild Geschlechtertrennung?
       
       Chiapas habe ich jetzt verlassen, aus spektakulär bewuchertem Hochland sind
       flache satte Wiesen geworden. Die Fahrt nach Norden ist ein bisschen wie
       die Fahrt von Süd- nach Norditalien: Die Menschen an den Bahnhöfen werden
       immer hellhäutiger, wohlhabender, die Häuser größer. Ich mochte Chiapas.
       Von denen, mit denen ich dort sprach, kann sich niemand ein WM-Ticket
       leisten. Ein Taxifahrer bat mich, ihm Fotos vom Eröffnungsspiel zu schicken
       – damit die WM ein Stück näher kommt.
       
       ## San Cristóbal de las Casas, 9. Juni 2026
       
       San Cristóbal ist nur eine Stunde Busfahrt von Tuxtla entfernt, aber wie
       eine andere Welt. Auf 2.000 Metern Höhe statt tropisch schwül, bunt und
       spazierfreundlich statt Betonwüste, Hipster-Restaurants mit Veggie-Option
       statt Grillbuden für alle voller lokaler Familien. Für mich sind die beiden
       Städte das perfekte Yin und Yang. Wenn es den Leuten in Tuxtla zu heiß
       wird, fahren sie nach San Cristóbal, wo es oft 20 Grad kühler ist. Könnte
       es für Berliner Sommer auch geben, so eine Option. Der sintflutartige Regen
       heute in San Cristóbal zeigte derweil schon mal, wie es jetzt in der
       Regenzeit auch während des Eröffnungsspiels zugehen könnte.
       
       ## Tuxtla, 8. Juni 2026
       
       Von der Qualität mexikanischer Überlandbusse kann Deutschland nur träumen.
       Raumschiffflair mit Beinliege und kostenlosem Wasser. Morgen 16 Stunden
       hier drin? Ich fühle mich ready. Jetzt aber erst mal zum Interview nach San
       Cristóbal. [2][Es geht um Solidarität, Fußball und Revolution] [3][in
       Chiapas].
       
       ## Tuxtla, 8. Juni 2026
       
       „Ort der vielen Kaninchen“ bedeutet meine erste Station Tuxtla auf Nahuatl,
       der in Mexiko am weitesten verbreiteten indigenen Sprache. Die vielen
       Kaninchen bleiben mir verborgen, dafür gibt es massig tropische Vögel in
       feuchter Schwüle. Die Stadt selbst wirkt mir eher überschaubar charmant,
       viel Autoverkehr, viel Neubau, und dass die mexikanischen Truppen von hier
       aus die Zapatisten plattmachten, gibt auch keine Charmepunkte. Mein
       Taxifahrer ist Fan von Club América, Real Madrid und ein bisschen dem FC
       Bayern. Wir exerzieren alle Fußballdebatten durch, inklusive des ewigen
       „Ronaldo oder Messi?“. Er sagt Ronaldo und ist deshalb bei der WM
       eigentlich mehr für Portugal als für Mexiko. Mit den [4][Protesten in
       Mexiko-Stadt] ist er unzufrieden – er sorgt sich, dass die Welt deswegen
       die WM in Mexiko schlecht organisiert findet.
       
       20 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Chiapas
 (DIR) [4] /WM-in-Mexiko/!6183432
       
       ## AUTOREN
       
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