# taz.de -- Gedenkstunde für Jürgen Habermas: Gegen die Mechanismen der Macht
> Bundespräsident Steinmeier würdigte den Philosophen Jürgen Habermas in
> der Frankfurter Paulskirche. Zum Glück hatte die Gedenkstunde wenig
> Weihevolles.
(IMG) Bild: Frankfurt am Main, 19. Juni: Bundespräsident Steinmeier kommt zur Gedenkfeier für den gestorbenen Philosophen Jürgen Habermas
Schwitzen für Jügen Habermas und die Demokratie. Was sind das für Zeiten,
in denen man einem Vortrag des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier
über den verstorbenen Philosophen erwartungsvoll entgegensieht! Noch vor
einigen Jahren hätte man das, ehrlich gesagt, möglicherweise als
Pflichtveranstaltung abgesessen.
Doch die Demokratie steht unter Druck, man kann weltweit nicht mehr davon
ausgehen, dass Regierungshandeln, wenn schon nicht von Vernunft, dann
zumindest von Rationalität geprägt ist. Da ist es schon interessant zu
erfahren, wie stark und mit welchen Argumenten sich unser höchster
staatlicher Repräsentant zu Habermas, dem Theoretiker der kommunikativen
Vernunft und streitbaren Intellektuellen, bekennt.
Steinmeier hielt an diesem pottheißen Freitag in der unzureichend
klimatisierten Frankfurter Paulskirche bei der offiziellen Gedenkstunde für
den Philosophen die Gedenkrede. Dass Deutschland den demokratischen
Neuanfang nach 1945 nach langen intellektuellen und gesellschaftlichen
Kämpfen letztendlich als Befreiung empfunden hat, daran hat, so Steinmeier,
Habermas große Anteile. Habermas habe uns gelehrt, dass die Aufgabe des
öffentlichen Diskurses nicht „Austausch von unverbindlichen Meinungen“ sei,
sondern „der ernste Streit zwischen kritisch und rational geprüften, mit
aller möglichen Konsequenz reflektierten Erkenntnissen“, so Steinmeier in
seiner sorgfältigen und in vielem einleuchtenden Rede.
Wahrhaftiges Gespräch, reflektiertes Handeln, vernünftige Freiheit – auf
diese drei Formeln brachte der Bundespräsident die Impulse des
Habermas’schen Denkens, die es weiterzuführen gelte. In diese Richtung
weiterzugehen, so Steinmeier, „ist unsere Aufgabe“, während Habermas selbst
in den letzten Jahren seines Lebens mit den politischen Entwicklungen in
Europa und den USA gehadert habe.
## Das intellektuelle Erbe
Das Motiv, dass die Gesellschaft aufgerufen ist, das Vermächtnis von Jürgen
Habermas weiterzuführen und dabei vor allem eine rational funktionierende
Öffentlichkeit als Grundlage der Demokratie zu verteidigen, grundierte als
Leitmotiv in Variationen die gesamte Veranstaltung. Mike Josef,
Oberbürgermeister von Frankfurt, rief dazu auf, der Befürchtung, die
Demokratie löse sich auf, etwas entgegenzusetzen. Enrico Schleiff,
Präsident der Goethe-Universität Frankfurt, die mit Jürgen Habermas sehr
verbunden ist und die, das erwähnte Schleiff gar nicht erst, [1][dessen
Nachlass verwaltet], drückte aus, wie sehr sich diese Uni dem
intellektuellen Erbe von Jürgen Habermas verpflichtet fühlt.
Letzteres hörte man mit Interesse, weil es von Vertretern aus dem Umfeld
des Instituts für Sozialforschung, bei dem Habermas’ akademische Karriere
als Assistent Theodor Adornos Fahrt aufgenommen hatte, durchaus
Renegatenvorwürfe gibt; für manche dieser Szene ist er nicht radikal genug.
Enrico Schleiff aber ließ kein Blatt zwischen Habermas und der Goethe-Uni
kommen. Und Jonathan Landgrebe, der Suhrkamp-Verleger, machte plastisch,
wie sehr sich sein Verlag in der Tradition von Jürgen Habermas sieht.
Zusammen mit dem damaligen Verleger Siegfried Unseld hat Habermas die,
neben dem Literarischen, identitätsstiftende Theorie-Reihe Suhrkamps
gegründet.
Vorträge hielten zudem der Historiker Norbert Frei und die Philosophin
Cristina Lafont. Norbert Frei skizzierte die Bedeutung von Jürgen Habermas
für die innere Liberalisierung der Bundesrepublik Deutschland mit
besonderem Blick auf seine lebenslange Abwehr jeglichen
Schlussstrichdenkens, die im Historikerstreit kulminiert hatte.
Und Cristina Lafont, Philosophieprofessorin in Illinois, emphatisierte den
Habermas-Gedanken, dass sich die Legitimität der Demokratie vom Zustand der
Öffentlichkeit herleitet und nicht von Verfahren, Institutionen und schon
gar nicht völkischem Zusammenhalt her; in der Sprache ist für sie, Habermas
folgend, eine Vernünftigkeit eingebaut, die die instrumentelle Rationalität
etwa des Kosten-Nutzen-Denkens übersteigt.
## Weltoffenheit, Liberalisierung
Was man in der Paulskirche hörte, waren also keine neuen
Habermas-Deutungen, aber sehr glaubwürdige Bekenntnisse zu einer
streitbaren und offenen Gesellschaft in seinem Sinn. Wie bewertet man so
eine Gedenkstunde? Dass sie nicht der Anlass sein wird, sich
kritisch-differenziert mit dem Denken des Philosophen auseinanderzusetzen,
war ja klar; das ist schon durch das Veranstaltungsformat vorgegeben.
Aber die Reden strömten wirkliche Anerkennung dieses Denkens, gelegentlich
auch eine gewisse souveräne Lockerheit, zum Glück wenig Weihevolles und vor
allem eine ernste Sorge um die – nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam
errungene – Weltoffenheit und Liberalisierung unserer Gesellschaft aus.
Der Wille, im Sinne von Jürgen Habermas eine offene Gesellschaft zu
verteidigen, fand an diesem Freitag einen ziemlich überzeugenden Ausdruck.
Wie das in einer in ihren Fugen rüttelnden Welt samt Kriegen und
Klimawandel konkret aussehen könnte, war dabei selbstverständlich nicht zu
erfahren, wie auch? In irgendeiner Form, denkt man sich nach den Reden,
wird man den sozialen Medien die eskalierenden Algorithmen austreiben oder
sie [2][sonst wie regulieren] müssen. Es mag hilflos klingen, darauf
hinzuweisen, dass man dem Strukturwandel der Öffentlichkeit, spätestens
seitdem Elon Musk X kaufte und unbenutzbar machte, etwas entgegensetzen
muss. Was das sein soll, wird man sich nun ohne Jürgen Habermas überlegen
müssen.
Festzuhalten bleibt: Wir sind eine Gesellschaft, deren Repräsentanten sich
vor einem streitbaren Intellektuellen verneigen, alles andere als
selbstverständlich in der deutschen Geschichte. Frank-Walter Steinmeier tat
das nach seiner Gedenkrede tatsächlich vor einem aufgestellten Bild des
Philosophen. Man kann nur hoffen, dass er [3][nicht der letzte
Bundespräsident] sein wird, der das tun wird, und die Öffentlichkeit sich
nicht noch weiter den Mechanismen der Macht unterwerfen wird.
19 Jun 2026
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(DIR) Dirk Knipphals
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