# taz.de -- Zum Tod von Jürgen Habermas: „Das weiß doch jeder, was links ist“
       
       > Erstmals begegnete die taz Jürgen Habermas in den 1980er-Jahren. Seitdem
       > schwankte ihr Urteil über den Philosophen zwischen Anerkennung und
       > Skepsis.
       
 (IMG) Bild: Pfingstkongress der Schüler und Studenten: Jürgen Habermas diskutiert 1968 an der Uni Frankfurt am Main
       
       Das Verhältnis der taz zu Jürgen Habermas war stets ambivalent. Das ist
       schon dem großen taz-Interview von 1980 mit ihm anzusehen. Die Fahrt nach
       Starnberg muss Züge einer Pilgerfahrt gehabt haben. [1][„Vier Mann hoch –
       nur Männer – kam die taz zu Habermas“], vermerkt der Vorspann, etwas später
       fährt er fort: „Die ersten Sätze sind schüchtern – auf beiden Seiten. Wir
       haben Bammel vor der Autorität; Habermas weiß nicht, auf welche Vögel er
       sich da eingelassen hat. Dann wird viel gelacht.“ Vorsichtiges Abtasten
       also, dann das Glück des Gelingens.
       
       Bammel hin, Autorität her, die tazler der ersten Stunde wollten sich den
       Segen von Habermas – des Nachfolgers Adornos! – abholen. Eine
       Kontaktaufnahme mit dem Philosophen, der wie kein zweiter für eine Theorie
       der kritischen Öffentlichkeit stand, lag auf der Hand.
       
       Aber das Gespräch enthält auch entscheidende Differenzen. Erstens gibt
       Habermas die zögerliche Frage, was denn heute links sei, umstandslos an die
       Fragesteller zurück: „Wenn ich mich an dem Spiel ‚Was ist links‘ beteiligen
       wollte, wäre ich viel verzweifelter, als ich es bin. Das weiß doch jeder,
       was links ist. Sagen Sie mir doch mal, warum Sie das nicht mehr wissen.“
       
       Zweitens vermerkt das Gespräch Unterschiede in den Stilfragen; Habermas’
       „bürgerliche“ Lebensführung (Anzug, verheiratet, Professorenamt) ist Thema.
       Und drittens gibt es auch deutliche theoretische Differenzen: über Bataille
       und Foucault, die französischen Poststrukturalisten, kann man sich nicht
       einig werden.
       
       ## Eher Franzosen statt dem Frankfurter
       
       Im Interview wollte Habermas dem Poststrukturalismus gleich ganz das
       emanzipatorische Potenzial absprechen: „Bei Foucault vermisse ich
       eigentlich das wie auch immer gebrochene Festhalten an den Intentionen der
       Aufklärung.“ Die tazler hielten tapfer dagegen.
       
       Diese Ambivalenz – kritische Öffentlichkeit schon klar, aber Zurückweisung
       von Habermas’ Versuchen, konkurrierende Theorieansätze auszugrenzen – ist
       dann taz-Tradition geworden. Dass diese Ambivalenz theoriestrategisch nie
       bis ins Letzte ausgetragen wurde, hatte einen simplen Grund: den
       Historikerstreit in den Achtzigerjahren.
       
       Das lässt sich der Würdigung ablesen, [2][die der damalige
       taz-Literaturredakteur Jörg Lau dem Philosophen zum 65. Geburtstag
       widmete]. Mit seiner Gegnerschaft zu Foucault war Habermas zwar nicht
       durchgekommen; wer damals aus den Philosophieseminaren kam, ließ sich eher
       vom Franzosen als vom Frankfurter faszinieren. Aber Jörg Lau nutzt diesen
       leisen Triumph eben nicht, um Habermas beiseite zu wischen. Wenn er sich
       nur die richtigen Gegner aussuchte, wie im Historikerstreit den
       Geschichtsrevisionismus Ernst Noltes, hielt man auch zu ihm. In Bezug auf
       die damals gerade diskutierten neurechten Diskursansätze formulierte Lau:
       „… gut zu wissen, dass Jürgen Habermas noch im Ring ist, um den
       Fehdehandschuh aufzunehmen.“
       
       ## Vom Studentenprotest zum Staatsphilosophen
       
       Im Ansatz ist in dieser Würdigung die Verschiebung enthalten, die bis hin
       zum „Staatsphilosophen“ (Joschka Fischer) Habermas führt. Eine neue Phase
       des Verhältnisses begann mit dem rot-grünen Wahlsieg im Jahr 1998. Von
       einem Habermas-Gegner wie Norbert Bolz kam damals der durchaus gehässig
       gemeinte Satz: „Der Weg von Adorno zu Habermas ist der Weg von den
       Studentenprotesten auf die Regierungsbank.“
       
       Bei aller Gemeinheit erhaschte dieser Satz etwas vom Selbstverständnis
       rot-grüner Politiker und auch von der Hegemonie in unserer Gesellschaft;
       nicht selten immerhin heutzutage, dass schon Kleinkinder den
       herrschaftsfreien Diskurs über normative Hintergründe elterlicher
       Entscheidungen einklagen und beim Taschengeld etwa die Gerechtigkeitsfrage
       stellen.
       
       Allerdings ist es in der taz – bei aller Sympathie für praktische
       herrschaftsfreie Diskurse – in der Theorie bei Ambivalenzen Habermas
       gegenüber geblieben. [3][In seinem Artikel zum 70. Habermas-Geburtstag]
       zitiert Reinhard Kahl den Philosophen Ludger Heidbrink mit skeptischen
       Worten: „Das Theoriegebäude des Sozialphilosophen gleicht einer Kathedrale.
       Ehrfürchtig tritt man ein, beeindruckt vom gewaltigen Bauplan in seinen
       endlosen Verästelungen, und bleibt doch seltsam unberührt von der Pracht.“
       
       Und Christian Semler macht [4][aus Anlass des Friedenspreises für Habermas
       2001] auch auf Defizite aufmerksam: „Auf den Zusammenbruch des
       realsozialistischen Systems und auf die deutsche Vereinigung hat er uns
       allerdings wenig vorbereitet.“
       
       15 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /taz/pdf/habermastaz.pdf
 (DIR) [2] /Oeffentlichkeit-und-Beharrung/!1557517/
 (DIR) [3] /Projekt-einer-grossen-Sprachergreifung/!1284116/
 (DIR) [4] /Der-das-Foul-pfeift/!1146626/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dirk Knipphals
       
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