# taz.de -- Streit um Mikrowindkraftanlage: Gemeinde muss Windturbinen auf Wohnhausdach genehmigen
> In Steinhude haben Nachbarn und die Gemeinde versucht, Mikrowindanlagen
> auf dem Dach zu verhindern. Das Verwaltungsgericht Hannover stoppte sie.
(IMG) Bild: Stören im Wohngebiet oder nicht? Um drei solcher kleinen Windturbinen auf dem Dach geht es
Martin Behmann regt sich auf. „Das ist doch verrückt, was in diesem Land
passiert! Nur in Deutschland! Kommen Sie, gucken Sie!“ Jedem Einzelnen, der
zum Ortstermin des Verwaltungsgerichts an seinem Mehrfamilienhaus mit
Ferienwohnungen in Steinhude gekommen ist, zeigt er das Herzstück der
geplanten Mikrowindkraftanlage.
Das sieht tatsächlich unspektakulär aus: Der Rotorkopf mit den zwei Flügeln
ist mattgrau lackiert und misst im Durchmesser insgesamt mal gerade 1,5
Meter, ist also nicht viel größer als eine Satellitenschüssel. Drei von
diesen Dingern möchte Behmann auf dem Dach montieren, die Masten dafür
stehen dort schon.
„Das ist gar keine Windkraftanlage, das ist eine Windturbine.“ Wieder und
wieder rappelt er die Fakten herunter, die er sich für diesen Termin
zurechtgelegt hat. Kein Schattenschlag – die Anlage schaltet sich überhaupt
erst bei mittleren Windgeschwindigkeiten von mehr als 3,5 Metern pro
Sekunde ein und dann drehen sich die Rotorblätter so schnell, dass sie
praktisch wie eine geschlossene Fläche aussehen.
Auch Lärm soll die Anlage nicht verursachen. Ein TÜV-Gutachten spricht von
maximal 45 Dezibel. Da wären die Straßengeräusche oder der Wind in den
Bäumen lauter. „Und die meisten Kühlschränke“, schnaubt Behmann.
## Angst vor Schatten und Geräuschen
Das erzählt er jedem: den besorgten Nachbarn, den Vertretern der Stadt, der
Ortsbürgermeisterin, den zwei anwesenden Pressevertretern. Auch als der
Berichterstatter des Verwaltungsgerichtes Hannover zur „Einführung in den
Sach- und Streitstand“ ansetzt, wie es im Gerichtsdeutsch heißt,
unterbricht Behmann ihn mehrfach und ignoriert die Versuche seines Anwalts
ihn zurückzuhalten. Er weiß es halt besser.
Dabei – so stellt sich schnell heraus – ist das Recht in diesem Fall so
ziemlich auf seiner Seite. Systematisch, verbindlich und freundlich im Ton
arbeitet sich der Vorsitzende Richter Ingo Behrens nun durch all die
Bedenken und Hürden, die von den Nachbarn, der örtlichen Politik und der
Stadtverwaltung Wunstorf aufgetürmt wurden.
Die Nachbarn haben nach eigenem Bekunden vor allem Angst vor Schatten und
Geräuschen, die ihnen die Nutzung der eigenen Wohnungen im Obergeschoss
beziehungsweise den gemütlichen Aufenthalt im Garten vergällen.
Immerhin befindet man sich hier schon in einem relativ dicht bebauten
Wohngebiet – wenn auch nicht so eng wie in vielen Neubaugebieten jüngeren
Datums. Die Grundstücke an sich sind nicht klein, gehen aber meist nach
hinten raus – von der stark befahrenen Hauptstraße weg, an der sich hier
Giebel an Giebel reiht.
Das ist wichtig, weil solche Anlagen überhaupt nur noch in Wohngebieten
genehmigungspflichtig sind. [1][In Gewerbe- oder Mischgebieten oder auch im
Außenbereich darf man sie einfach so aufstellen.] In vielen anderen
Bundesländern sind sie sogar grundsätzlich genehmigungsfrei – in
Niedersachsen ist man aber bei der entsprechenden Änderung der Bauordnung
ein bisschen vorsichtiger gewesen.
Die Ortsbürgermeisterin macht dann auch eher ästhetische Bedenken gelten:
Man sei ja froh, endlich diese ganzen Antennen und Satellitenschüsseln los
zu sein, sagt sie am Rande der Sitzung. Deshalb habe man das im Ortsrat
auch abgelehnt. Steinhude lebt immerhin zu guten Teilen von dem Tourismus,
der sich vom [2][Steinhuder Meer, Niedersachsens größtem Binnensee,]
anlocken lässt. Und der möchte es gern idyllisch.
## Vielleicht nicht schön, aber auch nicht laut
Trotzdem, gibt Richter Behrens zu bedenken, müsste man eben schon eine
tatsächliche Beeinträchtigung belegen und die sähe er hier eher nicht. Die
Abstände sind groß genug, Lärm und Schattenschlag werden durch die
Einstellungen der Anlage ausgeschlossen und nur weil man etwas nicht schön
findet, kann man es nicht verbieten.
„Sonst müssten sie auch gegen Satellitenschüsseln oder diese Fahnenmasten
vorgehen, die hier überall im Garten stehen.“ Die Stadtverwaltung hatte
außerdem versucht, die Region Hannover als Untere Naturschutzbehörde ins
Boot zu holen. Nach deren Auskunft könnte es in dieser Gegend Fledermäuse
geben, die möglicherweise gefährdet wären.
Der Kläger, also Martin Behmann, der Mann mit den Ferienwohnungen, sollte
erst einmal ein – ziemlich teures – avifaunistisches Gutachten in Auftrag
geben, um nachzuweisen, dass seine Mikrowindkraftanlagen keine Gefahr
darstellen. Das erschien ihm – und seinem Anwalt – aber unverhältnismäßig.
Und auch in diesem Punkt gab das Verwaltungsgericht ihm recht: Die Behörde
hätte schon erst einmal Anhaltspunkte für eine konkrete Gefährdung liefern
müssen. „Diese Argumentation – wir wissen gar nicht genau, welche Arten
hier vorkommen, leg du mal dar, dass keine gefährdet sind – das überzeugt
uns so nicht“, sagt der Richter. Und urteilt am Ende: Die Genehmigung ist
zu erteilen.
## Ergänzung für Photovoltaik
Für Fritz Unger von der Firma Skywind Energy ist das eine gute Nachricht.
Die kleine Firma aus Langenhagen vertreibt ihre zertifizierten
Mikrowindanlagen seit 10 Jahren weltweit – von der Berghütte im Himalaya
bis zum deutschen Einfamilienhaus. „Wir sind es natürlich gewohnt, dass
hier oft die Energiewende verhandelt wird und nicht das, was tatsächlich
aufs Dach kommt.“
Dabei ist der Kundenkreis eigentlich ohnehin relativ eng definiert: „Fast
alle unserer Kunden benutzen diese Mikrowindanlagen als Ergänzung zu einer
vorhandenen Photovoltaik-Anlage mit Batteriespeicher“, erläutert Unger. Das
lohnt sich, weil die Windkraft dann den Speicher füllt, wenn die
Solaranlage wenig liefert: nachts und im Winter.
Das bedeutet aber auch: Die Gefahr, dass sich jeder so ein Ding aufs Dach
oder in den Garten stellt, wie manche Lokalpolitiker es wohl befürchten,
ist nicht so groß. Die Windausbeute hängt natürlich vom Standort ab, aber
allein [3][reicht sie nicht, um die Stromrechnung kleinzukriegen.]
„Unser größtes Problem ist eigentlich die Schrottkonkurrenz aus China, die
den Leuten das Blaue vom Himmel verspricht“, sagt Unger. So ähnlich wie bei
den Solaranlagen für den Balkon hat sich hier ein neuer Markt entwickelt –
der aber oft zu herben Enttäuschungen führt. Darunter leidet dann auch ein
Anbieter wie Skywind, der in Wietze (Landkreis Celle) fertigen lässt.
25 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.lwk-niedersachsen.de/lwk/news/41966_Viel_Wind_um_nichts_oder_lohnende_Investition_-_Kleinwindanlagen_fuer_den_landwirtschaftlichen_Betrieb
(DIR) [2] /Streit-um-Schutzgebietsverordnung/!5704118
(DIR) [3] https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/energie/erneuerbare-energien/kleinwindkraftanlagen-das-sollten-sie-wissen-10857
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
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