# taz.de -- Investor über Windenergie in Bayern: „Bayern hat die kürzesten Genehmigungszeiten“
> Bayern ist für Windkraftfonds attraktiv geworden, so Thomas Hartauer vom
> Kapitalanleger CAV Partners. Er warnt vor Ministerin Reiches
> „Rasenmäher“.
(IMG) Bild: Windkraftanlagen bei Odelzhausen im Freistaat
taz: Herr Hartauer, Ihr Unternehmen sammelt Kapital für Projekte im Bereich
der erneuerbaren Energien. Sie beteiligen sich an einem Entwicklungsfonds
für Windkraftkraftprojekte ausgerechnet in Bayern. Dabei galt [1][der
Freistaat lange als Problemland] beim Ausbau der Windenergie, weil die
Landesregierung mit Sonderregeln blockierte. Warum ist Bayern jetzt
plötzlich für Windkraft-Investoren interessant geworden?
Thomas Hartauer: In Bayern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der
Ausbau von Windkraft sinnvoll ist. Dort ist die Photovoltaik stark
ausgebaut worden. Die Folge: Im Sommer gibt es in Bayern ein eklatantes
Überangebot, im Winter fehlt Stromerzeugungskapazität. Mit Windenergie wird
das Stromangebot stärker ausgeglichen, damit kann auch im Herbst, im Winter
und im Frühjahr Strom produziert werden.
taz: Was hat den Sinneswandel in Bayern ausgelöst?
Hartauer: Zwei Faktoren kommen jetzt hinzu. Erstens: In der Vergangenheit
waren die [2][Windkraftanlagen kleiner, heute sind sie viel höher]. Bei der
spezifischen Topografie von Bayern – ein bisschen hügelig, viele Wälder,
viel Bebauung – war es nicht einfach, Wind optimal aufzunehmen. Durch die
technischen Veränderungen – größere Rotoren, höhere Nabenhöhen und
leistungsfähigere Turbinen – kann das vorhandene Windangebot heute deutlich
besser genutzt werden. Wenn das Windrad mit der Flügelspitze weiter vom
Boden weg ist, ist es weniger wichtig, wie das Gelände beschaffen ist. Mit
jedem Meter mehr Höhe gibt es mehr Kontinuität und Kraft an Wind und damit
mehr Strom. [3][Hinzu kommt, dass die jahrelange Blockadewirkung der
10H-Regel politisch deutlich abgeschwächt wurde]. Dadurch kommen erstmals
seit Jahren wieder Flächen in die Projektentwicklung.
taz: Die 10H-Regel besagt, dass Windräder mindestens das Zehnfache ihrer
Gesamthöhe an Abstand zum nächsten Wohngebäude haben müssen. Was ist der
zweite Faktor für den Sinneswandel?
Hartauer: Die Bayerischen Staatsforsten, das Forstunternehmen des
Freistaats Bayern, haben die Windenergie in den Fokus gerückt. Durch die
höheren Windkraftanlagen eröffnet sich für die Bayerischen Staatsforsten
ein großes wirtschaftliches Potenzial. Eine Verpachtung der Flächen für
Windkraft kann attraktive Einnahmen generieren. Das ist für den Freistaat
als größter Flächenbesitzer attraktiv. Daher kommt das Interesse der
bayerischen Staatsregierung, die Windenergie auszubauen – neben der
Stromlücke im Winter. Die Landesregierung schlägt zwei Fliegen mit einer
Klappe.
taz: Was bedeutet das für Windkraft-Investoren?
Hartauer: In Bayern gibt es heute relativ gesehen wenig Windkraft. Es
bestehen nicht die Probleme wie etwa an der Küste. Dort gibt es schon sehr
viel Windkraft. Jede weitere Windkraftanlage kämpft mit Netzproblemen und
mit Abschaltungen, weil im Winter schon viel Windenergie da ist. Auf diese
Probleme stoßen Investoren in Bayern in der Breite noch nicht. Mit großer
Wahrscheinlichkeit kann ein Großteil des dort erzeugten Stroms tatsächlich
ins Netz eingespeist werden. Das macht es wirtschaftlich einfacher.
Investoren müssen nicht damit rechnen, dass zehn, fünfzehn Prozent der
potenziellen Stromproduktion wegfallen, [4][weil die Netze das gar nicht
hergeben].
taz: Das klingt nach einem attraktiven Geschäftsmodell.
Hartauer: Ja. Und wir finden auch Investoren dafür. Windenergie bietet über
lange Laufzeiten relativ planbare Cashflows. Genau das suchen
institutionelle Investoren, Family Offices oder Stiftungen.
taz: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist wankelmütig.
Sind Windkraft-Projekte dadurch gefährdet?
Hartauer: Generell ist im Bereich der nachhaltigen Energieerzeugung aus
unserer Sicht die Politik das größte Risiko. In Bayern haben wir derzeit
eine Staatsregierung, die versucht, eine gute Basis für Windenergie zu
schaffen. Ein Beispiel: In Bayern wurden Regelungen erlassen, durch die
Genehmigungsprozesse deutlich schneller sind. Bayern hat die kürzesten
Genehmigungszeiten in Deutschland.
taz: Wie schnell geht es?
Hartauer: In Bayern liegt die durchschnittliche Genehmigungsdauer bei 9
Monaten, der bundesweite Schnitt beträgt 16,8 Monate. Das macht es
attraktiver für Investoren und für Projektentwickler, weil damit auch die
Kosten und das Risiko sinken. Das ist ein politischer Wille, der da zum
Ausdruck kommt.
taz: In Bayern sind die Windverhältnisse im bundesweiten Vergleich für die
Stromgewinnung immer noch am schlechtesten. Schreckt das Investoren nicht
ab?
Hartauer: Zurzeit wird auf Bundesebene über eine Sonderausschreibung für
den Ausbau der Windkraft diskutiert, die die Spezifika in Bayern etwas mehr
berücksichtigt. Das niedrigere Windaufkommen soll durch einen sogenannten
Standortfaktor ausgeglichen werden. Der Hintergrund ist, dass ein stärker
regional verteilter Ausbau das Stromsystem robuster macht und die
Abhängigkeit einzelner Erzeugungsregionen reduziert.
taz: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) [5][plant neue
Regeln für die Erneuerbaren.] Wird damit der Ausbau der Windenergie
ausgebremst?
Hartauer: Zu manchen Zeiten haben wir bundesweit deutlich zu viel Strom
wegen einer in Teilen fehlgeleiteten Planung in der Vergangenheit. Wir
haben viel zu viel Photovoltaik in zu kurzer Zeit zugebaut. Gleichzeitig
sind zu wenig Netze und Speicher gebaut worden. Bundeswirtschaftsministerin
Reiche versucht das aufzugreifen, indem sie sagt: Wir definieren Gegenden,
in denen das Netz voll ist. In diesen Gegenden [6][sollen Betreiber keine
Vergütung für die Stromerzeugung mehr bekommen], was de facto einen
Baustopp für solche Windkraftanlagen in diesen Gegenden bedeuten würde.
taz: Die Betreiber sollen anders als heute keine Entschädigung mehr
erhalten, wenn ihre Anlagen etwa wegen einer Netzüberlastung abgestellt
werden.
Hartauer: Nicht nur das. Es geht auch darum, dass Betreiber bei neuen
Projekten in eine Situation kommen, in der sie gar keine Chance mehr haben,
überhaupt eine festgelegte Vergütung für ihren Strom zu bekommen. Dafür
würde eine Bank auch keine Finanzierung mehr übernehmen. Und damit würde
das Projekt nicht zum Tragen kommen.
taz: Warum macht Ministerin Reiche das?
Hartauer: Frau Reiche adressiert grundsätzlich einen ganz wichtigen und
elementaren Punkt. Nämlich den fehlenden Netzausbau. Aber: Es wird nicht
nach Technologie unterschieden. In Bayern haben wir zu viel Solarstrom im
Moment. Deshalb sind die Netze überfordert. Nach der Idee von Frau Reiche
würde – weil sie nicht zwischen Solar- und Windenergie unterscheidet – auch
ein Windpark nicht gebaut werden, weil die Netze überfordert sind. Das sind
die Netze zwar, aber nur im Sommer und nicht im Winter. Es fehlt also an
einer Differenzierung. Die bayerische Staatsregierung will richtigerweise
die Lücken bei der Stromerzeugung im Winter füllen. Das will Frau Reiche –
ohne in der Technik zu unterscheiden – mit dem Rasenmäher abschneiden.
Damit besteht das Risiko, dass in bestimmten Regionen alle Projekte platt
gemacht werden. Das ist energiepolitisch nicht zielführend.
taz: Sie sind in Bayern an neun Windpark-Projekten beteiligt, die ab
2028/29 Strom liefern sollen. Würde Reiches Maßnahme auch Ihre Projekte
gefährden?
Hartauer: Dort, wo wir eine Baugenehmigung bereits bekommen haben, können
wir demnächst in eine Ausschreibung gehen. Wenn die Ausschreibung
erfolgreich war, gibt es quasi einen Bestandsschutz. Das Gesetz von Frau
Reiche würde vermutlich ab 1. Januar 2027 gelten. Das heißt, es gäbe noch
ein kurzes Zeitfenster, eine kurze Übergangsphase. Aber danach wäre es dann
sehr, sehr schwierig, nicht nur in Bayern, sondern auch in anderen
Regionen, Projekte umzusetzen. Das würde für den Norden bedeuten: Dort, wo
ich einen Überschuss an Windenergie habe, würde ich keine Solaranlagen mehr
bauen können.
taz: Wenn Frau Reiche ihre Pläne umsetzt, werden sich dann Investoren vom
deutschen Markt abwenden?
Hartauer: Es ist davon auszugehen, dass dann weniger Investoren nach
Deutschland kommen. Was in der aktuellen Debatte kaum eine Rolle spielt:
Aufgrund des Irankriegs haben wir eine weltweite Energiekrise. Wir müssen
krisenresistenter werden, weniger abhängig von Gas- und Ölexporten. Aber
ausgerechnet jetzt besteht das Risiko, dass etwas Ähnliches passiert wie
2012.
taz: Was ist damals passiert?
Hartauer: Damals gab es gravierende Änderungen am
[7][Erneuerbaren-Energien-Gesetz, dem EEG.] Es gab drastische Einschnitte
bei den Vergütungen für Strom aus Solaranlagen, und zwar ohne eine
Übergangsphase. Die Folge war, dass die bis dahin führende deutsche
Solarindustrie verschwunden ist. Wir haben in Deutschland und Europa noch
Windanlagenhersteller. Chinesische Hersteller stehen aber vor der Tür. Wenn
eine deutliche Kostenreduktion bei den Herstellungskosten der Projekte
erforderlich wird, um wettbewerbsfähig zu bleiben, dann könnten wir [8][wie
im Solarbereich komplett abhängig werden von ausländischen Herstellern].
Denn die einheimischen Hersteller würden sich zurückziehen. Damit würden
wir die Option aufgeben, die Energieproduktion selbst in der Hand zu haben.
25 May 2026
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