# taz.de -- Die Wahrheit: Tortur auf dem Aschenplatz
       
       > Die Bundesjugendspiele sollen wettbewerbsorientierter werden, damit auch
       > die Jüngsten richtig ablosen können.
       
 (IMG) Bild: Beim Schulsport soll die Latte bald wieder höher liegen
       
       „Die Chicago-Boys der 3b sind vollzählig zum Assessment angetreten“, grüßen
       die Drittklässler der betriebswirtschaftlich ausgerichteten
       Friedrich-August-von-Hayek-Exzellenzgrundschule ihren CEO, wie sich
       Direktor Dr. Dr. Ulf-Ulf Vollmann von seinen Schülern nennen lässt, die
       hier allerdings „Emerging Leaders“ heißen. Im Rahmen der Bundesjugendspiele
       nehmen die aufstrebenden Führungskräfte heute am IronChild-Contest teil,
       einem sportlichen Wettkampf, der die volkswirtschaftlich wichtigen
       Disziplinen Ackern, Buckeln und Kostenrechnen in einer mehrtägigen Tortur
       auf dem Aschenplatz vereint. Den Gewinnern winkt ein persönliches Coaching
       durch CEO Dr. Dr. Ulf-Ulf Vollmann, den Verlierern droht eine
       Gymnasialempfehlung. Denn üblicherweise wechseln die Absolventen der
       Exzellenzgrundschule direkt an eine private Business-Uni oder gleich an die
       Spitze des elterlichen Mischkonzerns.
       
       „Ihr seid Krieger! Unbedingter Leistungswille gehört zu eurer DNA, genau
       wie Spuren von Kokain und Tyrannosaurier-Gene“, bimst Vollmann seinen
       Schülern bei einer letzten Präsentation ein.
       
       Obwohl Bildungsministerin Karin Prien erst kürzlich angeregt hat, den
       Leistungsgedanken bei den Bundesjugendspielen wieder zu stärken, bieten
       etliche Grundschulen in privater Trägerschaft schon jetzt
       wettbewerbsorientierte Sportveranstaltungen für ihre Schüler an. Sogar die
       Allerkleinsten werden bisweilen ganz spielerisch an das kompetitive Axiom
       unserer Gesellschaft herangeführt.
       
       ## Alle Sportarten auf Latein
       
       „Leistung muss sich lohnen“, meinen etwa die Eltern der
       paläoliberal-sozialdarwinistisch orientierten Kindertagesstätte
       „Höhlenkinder“ in Rheda-Wiedenbrück. Sie haben alle Knirpse in nummerierten
       Bastkörbchen auf der Ems ausgesetzt, um aus dem gesamten Wurf die
       Führungskräfte von morgen herauszufischen.
       
       Auch bei den Bundesjugendspielen der erzkatholischen
       Fürstin-Gloria-Selbdritt-Grundschule in Sankt Gallstein gibt es wenige
       Gewinner und viele Verlierer wie im richtigen Leben, das für den einfachen
       Gläubigen schließlich vor allem Mühsal und Plage sein soll. „Es geht für
       den Gewinner um nicht weniger als den Eintritt ins Paradies. Die Letzten
       werden dagegen die Ersten sein – im Fegefeuer. Deus lo Vance!“, kanzelt
       Sportdekan Monsignore Hipplinger seine Schützlinge an den Startblöcken ab,
       bevor sich die Schüler bei Disziplinen wie Powerbeichten, Marathonbeten und
       Bischofsstabhochsprung verausgaben. Ansehen muss man sich das gottgefällige
       Elend allerdings nicht, die Schule richtet ihre Spiele nach tridentinischem
       Ritus aus: Alle Sportarten werden mit dem Rücken zur Gemeinde und auf
       Latein ausgetragen.
       
       Nach dem Willen konservativer Bildungspolitiker in Bund und Land sollen
       solche Ideen und Praktiken bald auch wieder bei den Bundesjugendspielen der
       staatlichen Schulen Einzug halten.
       
       Zuletzt hatten Grundschulpädagogen bei den Sportfesten für Kinder eher die
       Freude an der Bewegung und am Sport fördern wollen, statt die Zeiten jedes
       einzelnen Schülers wie früher für alle sichtbar ans schwarze Schandbrett zu
       nageln und die Minderleister mit Eselshüten zu dekorieren.
       
       Mit diesem laschem Hippietum soll nach dem Willen des Kanzlers zwar überall
       in Deutschland Schluss sein, allerdings verfügt Friedrich Merz in Kabinett
       und Gesellschaft lediglich über die Autorität eines heulenden
       Musik-Referendars in der Vertretungsstunde, sodass die autoritäre Wende
       vorerst nur an den Schwächsten exekutiert werden kann.
       
       ## Punkte für Waffen und Zaubertränke
       
       „Schluss mit der Kuschelpädagogik!“, sekundiert Mittelständler Bernd
       Kreimer-Rendsburg, der als Mittelstandsbeauftragter im Elternbeirat an der
       Schule seiner Töchter nervt. Der IT-Unternehmer fordert die Gamifizierung
       sämtlicher Leistungsabprüfungen. „Kinder wollen sich messen. Wer kann am
       schnellsten rennen oder rechnen? Wer hat die meisten Follower? Wer den
       idealen BMI? Wer die geilsten Eltern? Wer hat das meiste Geld? Eigentlich
       sollten jeden Tag Bundesjugendspiele sein, bei denen man Punkte erringen
       kann, für die man dann online Waffen und Zaubertränke kaufen kann.“
       
       Kreimer-Rendsburg setzt sich für ein Ranking ein, in das neben Schulnoten
       und Wettkampfwerten auch Gaming-Token einfließen, die von den Eltern im
       Schulsekretariat gekauft werden können.
       
       So weit will man beim Bundesbildungsministerium nicht gehen. Derzeit
       erarbeitet das Haus für die Kultusministerkonferenz einen Entwurf für
       leistungsorientierte Kinderspiele, die vor allem bei den wahlrelevanten
       alten Säcken Akzeptanz finden sollen. Angeblich sollen deswegen sogar
       beliebte Retro-Disziplinen wie Wokenbashing, N-Wort-Weitruf und
       Misogymnastik (mit Keulen) eingeführt werden. „Das ist aber überhaupt nicht
       als Kulturkampf gedacht“, zitiert eine Sprecherin von Ministerin Prien
       deren Amtskollegen Wolfram Weimer.
       
       19 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Bartel
       
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