# taz.de -- Die Wahrheit: Blutige Saboteure im Zwielicht
> Wie wird man eigentlich Wegwerfagent? Zu Besuch bei einer Agentur, die
> Billigspione mit der Lizenz zum Versagen vermittelt.
(IMG) Bild: Von Glitzer und Glamour im Scheinwerferlicht können Wegwerfagenten nur träumen
„Schon als Kind konnte ich mich für die glamourfreie Welt der
Wegwerfagenten begeistern“, erzählt Egon Elster. „Bei James-Bond-Filmen
habe ich immer für die namenlosen Handlanger der Gegenseite gehalten, die
massenhaft im Kugelhagel umkommen. Das waren für mich die wahren Helden.
Meine Eltern haben meinen Berufswunsch immer unterstützt und mir von klein
auf jedes Selbstvertrauen genommen. Nur dann ist man wirklich bereit, sich
von anonymen Mächten benutzen und dann wegwerfen zu lassen.“
Der mausgraue Mittvierziger mit dem angeklebten schwarzen Schnauzbart hat
mit seiner klandestinen Castingagentur „Henchmen & Redshirts“ im eher
beschaulichen Berliner Stadtteil Mariendorf Deutschlands erste analoge
Vermittlungsbörse für entbehrliche Agenten gegründet. „Wir vermitteln
Saboteure für Betriebsfeiern und Hochzeiten, spähen aber auch kritische
Infrastruktur für fremde Mächte aus und setzen Desinformationskampagnen ins
Werk. Wichtig ist allein, dass unseren Mitarbeitern keine Vorkenntnisse
abverlangt werden. Wir arbeiten ausschließlich mit blutigen Laien und
nützlichen Idioten – am liebsten aber mit kompletten Vollhonks, denen die
Konsequenzen scheißegal sind.“
In diese Kategorie fällt wohl der neunzehnjährige Dennis. „Ich war schon
immer zu jedem Scheiß zu überreden“, freut sich der Kunsstoffformgeber in
abgebrochener Ausbildung. Ein „Freund aus dem Telegram-Chat“ hat dem leicht
beeinflussbaren jungen Mann gestern erst von der Agentur erzählt, und schon
heute will er sich in die „Henchmen & Redshirts“-Kartei aufnehmen lassen.
## Besser bezahlt als Insta und Tiktok
„Ich komme eher vom klassischen Internet-Prank“, preist der blonde Dummbatz
seine Expertise. Gerade hat er Lehrstelle und Freundin verloren, weil er
sich dabei gefilmt hat, wie er Bauschaum in den Auspuff seines Chefs
gesprüht und einen Furz seiner schlafenden Ex angezündet hat.
„Superwitzig!“, beömmelt sich der geistig eher schlichte Scherzbold noch
immer. „So etwas würde ich gerne beruflich machen, aber von Kunst kann man
ja nicht mehr leben. Social-Media-Content wirft jedenfalls nicht genug ab.
Wenn der Russe mehr zahlt als Insta und Tiktok, pranke ich halt für Putin.“
„Der auftraggebende Superschurke bleibt stets anonym“, gibt ihm Elster
augenzwinkernd zu verstehen. „Können Sie eine Drohne über ein
Flughafengelände fliegen und sich dabei auf jeden Fall erwischen lassen?
Der Mandant bejaht: „Klar, macht doch sonst keinen Spaß.“
Elster fischt eine ramponierte Aufklärungsdrohne russischer Bauart aus dem
Fundus und händigt sie dem Jungspund aus. Schon am selben Nachmittag muss
der Flugbetrieb am Flughafen Berlin-Brandenburg wieder einmal für ein paar
Stunden eingestellt werden. Landes- und Bundespolizei werden in
Alarmbereitschaft versetzt, ein Geschwader Jagdbomber wird aus der Pfalz
nach Brandenburg verlegt, anschließend streitet ein Kremlsprecher kichernd
jede Beteiligung ab.
Auch Dennis ist hochzufrieden, schon kurz nach seiner Verhaftung gehen auch
seine privaten Prankvideos viral. Wenn er wieder freikommt, will er sich
mit seiner Freundin versöhnen und eine Verteilerstation für Flüssiggas an
der polnischen Grenze anzünden.
## Prekäre Verhältnisse beim Geheimdienst
Zur klandestinen Castingagentur in Berlin führt indes keine Spur. Dennis
hatte sich den komplizierten Namen „Henchmen & Redshirts“ eh nicht merken
können, und Egon Elster aus Mariendorf tritt selbstverständlich unter
falschem Namen auf. In Wahrheit heißt er Emil Elster, betreibt seine
Agentur im benachbarten Marienfelde und trägt einen blonden Schnauzbart.
„Der Wegwerfagent ist ein typisches Produkt der neoliberalen Gig Economy“,
erklärt Dr. Franziska Brössler, die wir auf einer Internetplattform als
billige Wegwerfexpertin für Sicherheitsthemen gebucht haben.
„Arbeitsverhältnisse werden auch bei Geheimdiensten immer episodischer, die
Bezahlung immer prekärer.“ Dann verstummt sie, weil unser Gratisguthaben
verbraucht ist.
Tatsächlich rekrutieren nicht nur autoritäre Kleptokraten, die teure Kriege
allein mit Öleinnahmen finanzieren müssen, aus Kostengründen zunehmend
Laienspione. Auch der deutsche Auslandsnachrichtendienst soll mit „MySpy“
eine Onlineplattform aus der Taufe gehoben haben, auf der Low-Level-Agenten
und Nebenerwerbsspione ihre Dienste anbieten. Probeweise versuchen wir auf
der Plattform ein exklusives Aktendossier aus dem Moskauer Innenministerium
zu ersteigern, werden aber fortwährend von einem User namens „Pullach0815“
überboten.
„Mit MySpy haben wir nichts zu tun“, dementiert kichernd ein BND-Sprecher,
dessen neuer Chef Martin Jäger zuletzt jedoch angekündigt hatte, den Dienst
operativer und risikofreudiger aufzustellen. „Aber wenn Sie glauben, dass
man hybride Kriege mit dem deutschen Beamtenrecht gewinnen kann, glauben
Sie auch, dass der BND so etwas wie der Mossad ist.“
## Streng geheimer Protest
Doch zumindest im Geheimdienstmilieu formiert sich Widerstand gegen den
Einsatz billiger Instant-Agenten. Am letzten Samstag haben sich
hauptamtliche Schlapphüte von allen wichtigen Nachrichtendiensten um
Mitternacht zu einer Großkundgebung auf dem Berliner Teufelsberg getroffen.
Ihr streng geheimer Protest geriet zur eindrucksvollen Demonstration ihrer
professionellen Fähigkeiten: Die Videoaufnahmen zeigen einen menschenleeren
Ort. Nur ungewöhnlich viele Fledermäuse umschwirren die verfallene
Abhöranlage. Doch für den Laien ist kaum zu bestimmen, ob die unheimlichen
Flattermänner zur CIA, dem MI6 oder dem FSB gehören oder doch nur
angeheuerte Freelancer sind.
Egon Elster hält die Einwände der Profis für unbegründet. „Wir sind ja doch
eher Idealisten. Ich selbst habe jahrelang für die Russen gearbeitet, ohne
dass die überhaupt davon wussten“, erzählt er. Tatsächlich hat Elster in
seiner Tarnexistenz als Pizzataxifahrer im Berliner Regierungsviertel auf
eigene Faust Erkenntnisse über die Ernährungsgewohnheiten deutscher
Spitzenpolitiker gesammelt.
„Mit ein paar extrascharfen Habanero-Chili könnte ich das gesamte
Bundeskabinett für Tage lahmlegen, die Typen vertragen rein gar nichts“,
verspricht Elster. Da Putin sich partout nicht meldet, dürfen nun auch
andere Auftraggeber ein Gebot im toten Briefkasten hinter der alten
Dorfkirche hinterlassen. „Interessenten dürfte es ja genug geben“, glaubt
der Wegwerfagentenführer.
8 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Bartel
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