# taz.de -- Die Wahrheit: Federtyrannen in Liverpool
> Bei einem Besuch an der Merseyside pirschen sich auf einem Boot zwei
> extrovertierte Unterhaltungskünstlerinnen an die Passagiere heran.
Ganz Liverpool ist ein Musikerlebnispark. Beat-Nostalgiker können unter
„blue suburban skies“ durch sämtliche Strophen der Penny Lane spazieren. Am
Roundabout vor dem Refrain biegen wir ab, um Johns Kinderspielplatz
Strawberry Field und das Grab von Eleanor Rigby zu suchen. Alle
Sehenswürdigkeiten sind leicht zu finden, weil Busflotten davor parken.
Im Giftshop von Strawberry Field werden wir fast von einer US-Reisegruppe
niedergetrampelt, weil preisreduzierte Beatles-Figurinen eine Stampede
ausgelöst haben, sonst zeigen sich die Liverpooler Vororte von der „Peace,
Love and Idolization“-Invasion unbeeindruckt. In den Reihenhäusern wächst
noch immer britische Working Class heran. Das innerstädtische Viertel um
den Cavern Club wurde dagegen zum Beatles-Ballermann umgestaltet. Die
Gastronomen demonstrieren gegen den Verlust der größten Liverpooler Band
aller Zeiten, indem sie nur heillos betrunkene Menschen ans
Karaoke-Mikrofon lassen. Wir fliehen die laute Gedenkstätte und wollen die
„Ferry cross the Mersey“ der Pacemaker nehmen.
Die Uferpromenade ist zur Pride-Saison bunt beflaggt. Um die Passagiere auf
den Kampftag hinzuweisen, entern zwei Dragqueens das Schiff. Die
berufsbedingt extrovertierten Unterhaltungskünstlerinnen pirschen über die
Decks, damit sich alle Reisende mit ihnen handyfilmen lassen. Das können
wir den Kulturschaffenden nicht übel nehmen, schließlich hat jeder seine
Social Media zu füllen. Mitmachen wollen wir aber auch nicht.
## Angst vor Animateuren
Meinem Begleiter und mir wohnt eine tief sitzende Angst inne, die keine
Gender- oder Genre-Unterschiede kennt: Wenn wir von bunt gekleideten
Bühnenpersonen zu etwas animiert werden, setzen Fluchtreflexe ein, die vor
Jahrzehnten erstmals in einem Zirkuszelt auftauchten, als die Clowns
Mitmachkinder für ihre Nummer suchten.
Zu Mitmacherwachsenen taugen wir erst recht nicht. Wir flüchten vor dem
Stöckeln der lauten Lippensynchronunterhalterinnen, bis wir wieder anlegen.
Ich weiß nicht, ob es einen Markt für introvertierte Dragqueens gibt, die
ihre Bühnenpersona nach Figuren von Jane Austen modellieren, aber mit einer
melancholischen Diva Darcy hätte ich in eine Kamera geschwiegen.
Ein paar Tage später stehen wir im Manchester Museum vor
Dinosaurier-Gebeinen. Wir erfahren von busgroßen Raubsauriern, die im
bunten Federkleid Jagd machten. Offenbar lässt sich unsere Phobie bis in
die Kreidezeit zurückverfolgen. Für unsere mausgrauen Säuger-Vorfahren war
es überlebenswichtig, den Mitmachnummern von bunten Wesen zu entgehen.
Abends lesen wir vom Berliner CSD-Attentat. Vielleicht sollte man eine
Nachzucht von Yutyrannus huali erwägen, um queere Veranstaltungen künftig
wirkungsvoller zu schützen. „Schöner Federtyrann“ heißt der Saurier aus dem
Wissenschaftschinesischen übersetzt. Das wäre doch auch ein prächtiger
Dragname.
11 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Bartel
## TAGS
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
(DIR) Liverpool
(DIR) Dinosaurier
(DIR) Popmusik
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Rhein
(DIR) Satire
(DIR) Schule
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Die Wahrheit: Der Geist des Llano rhenacado
Rheinreise mit Roswitha: Im Flussbett des deutschen Stroms können zur
Trockenzeit nur noch Wüstenschiffe verkehren.
(DIR) Die Wahrheit: Verscheiden in der Besoldungsgruppe A
Zur Entlastung des Sozial- und Gesundheitssystems sollen auch Zivilistinnen
und Zivilisten künftig bei der Bundeswehr vorstellig werden.
(DIR) Die Wahrheit: Tortur auf dem Aschenplatz
Die Bundesjugendspiele sollen wettbewerbsorientierter werden, damit auch
die Jüngsten richtig ablosen können.
(DIR) Die Wahrheit: Monster im Privatjetstream
Das Weltklima radikalisiert sich. Die Wahrheit blickt auf die wichtigsten
Entwicklungen der Großwetterlage.