# taz.de -- Umgang mit Krisen: Resilienz ist unser aller Aufgabe
       
       > Minderheiten wird oft zugeschrieben, besonders resilient zu sein. Doch
       > als Gesellschaft sollten wir alle gemeinsam Krisen überstehen können.
       
 (IMG) Bild: Am Ufer der Berliner Spree
       
       Es gibt diesen Ort, an den ich immer gehe, wenn sich alles im Kopf zu
       schnell dreht. Berge oder Meer, hatte mir eine Traumatherapeutin nach dem
       Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 geraten. Wenn alles zu viel
       werde, solle ich in Gedanken dorthin zurückkehren. Das beruhige das
       Nervensystem. Damals habe ich darüber gelacht. Wie soll das gehen?, dachte
       ich. Wenn ich die Augen schließe, kommen doch gerade die Bilder zurück. 
       
       Am vergangenen Sonntag gehe ich also zur Spree. Das Berliner Meer.
       Irgendwann habe ich festgestellt, dass es tatsächlich hilft. Nur steht da
       schon jemand an meinem Platz. Ein junger Mann blickt aufs Wasser. Ich
       mustere ihn: kurze Hose, Tanktop, viel Glitzer im Gesicht. War er gestern
       auf dem CSD?, frage ich mich. 
       
       Wir stehen beide da und starren verloren ins Wasser. Über Berlin hängt
       diese schwere Luft, die alles weich zeichnet. Das Grauen aber bleibt
       sichtbar. Ein islamistischer Attentäter hat den CSD angegriffen: Menschen,
       die Freiheit, ihre Liebe und ihr Leben feiern wollten; eine polnische
       Mutter, die mit ihrer Tochter feierte und nicht mehr nach Hause
       zurückkehren wird. 
       
       In den Tagen danach denke ich viel über Resilienz nach, die Fähigkeit,
       Krisen zu überstehen, ohne dass sie das ganze Leben bestimmen. Minderheiten
       wird oft zugeschrieben, besonders resilient zu sein. Fast wie eine
       Superkraft. Als wäre es selbstverständlich, mit Bedrohungen zu leben. Doch
       Resilienz wird oft mit Leidensfähigkeit verwechselt. Dabei ist sie das
       Gegenteil. Ein resilientes System lernt aus Krisen. Es verändert sich. Es
       wird widerstandsfähiger. Das gilt für Menschen genauso wie für Staaten und
       Gesellschaften. Genau deshalb ist Resilienz keine private Aufgabe, sondern
       eine demokratische Pflicht. Sie muss eingeübt werden.
       
       ## Lernen zu Scheitern
       
       Ich frage mich oft, warum wir Kindern in der Schule nicht beibringen, wie
       man mit Krisen umgeht. Wie man nach einem Verlust wieder aufsteht. Wie man
       Unsicherheit aushält, ohne sofort nach einfachen Antworten zu greifen. Es
       müssen ja nicht einmal die großen Katastrophen sein. Das Scheitern an einer
       Prüfung, der Tod eines Großelternteils, die Trennung der Eltern – auch
       daran lässt sich Resilienz lernen, die Fähigkeit, die einen Menschen durchs
       Leben trägt und eine Demokratie zusammenhält. 
       
       Die Bedrohung durch islamistischen Terror ist Teil unserer Gegenwart. Das
       heißt nicht, sie hinzunehmen. Sicherheitsbehörden müssen Anschläge
       verhindern, Fehler aufarbeiten und Konsequenzen ziehen. Aber auch eine
       Gesellschaft muss lernen. 
       
       Wenn nach jedem Anschlag dieselben politischen Fronten aufbrechen und
       dieselben Debatten von vorne beginnen, dann ist das kein Zeichen von
       Resilienz. Dann drehen wir uns im Kreis. Eine Gesellschaft, die nach jeder
       Katastrophe wieder bei null anfängt, wird nicht widerstandsfähiger, sondern
       erschöpft. 
       
       Nach dem jüngsten Terror war immer wieder zu hören, dies sei ein „Anschlag
       auf uns alle“ gewesen. Wer das ernst meint, muss aber auch die Konsequenz
       ernst nehmen. Dann darf Resilienz nicht länger denjenigen überlassen
       werden, die immer wieder Zielscheibe werden. Dann ist Resilienz eine
       Aufgabe von uns allen. 
       
       ## Wir müssen Minderheiten schützen
       
       Das heißt, sich nicht vom Terror einschüchtern zu lassen, sich aber genauso
       wenig von denen treiben zu lassen, die jede Gewalttat sofort für ihre
       politischen Zwecke instrumentalisieren wollen. Minderheiten zu schützen,
       ist deshalb nicht nur Aufgabe des Staats. Es ist Ausdruck einer Demokratie,
       in der sich alle verantwortlich fühlen. 
       
       Als ich an diesem Abend von der Spree weggehe, ist auch der junge Mann
       weitergegangen. Ich frage mich noch, ob er dieselbe Hoffnung hatte wie ich:
       dass das Wasser etwas mitnimmt. Wenigstens für einen Moment.
       
       3 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Erica Zingher
       
       ## TAGS
       
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