# taz.de -- KI und die neuen Grenzen im Journalismus: Der nötige Spritzer Selbstkritik
> Wenn Texte heimlich von der KI geschrieben werden, gerät das Vertrauen in
> den Journalismus in Gefahr. Der Fall „Tagesspiegel“ öffnet eine Debatte.
(IMG) Bild: Einen Text mit eigenen Gedanken schreiben oder dem Bot die Arbeit überlassen?
Der Skandal um heimlich von einer KI geschriebene Kommentare beim
Tagesspiegel wirft Fragen auf. Darüber, wo die Grenzen der Nutzung von
künstlicher Intelligenz im Journalismus liegen. Denn die Verlockung ist
groß, im Stress der Tagesaktualität schnell die KI anzuwerfen und den
eigenen Faktencheck wegzulassen. Sobald eine Nachricht über die Ticker
kommt, zählt jede Sekunde.
Und wer will sich schon durch ein 500-Seiten-Dokument quälen, wenn es per
Upload und Prompt nur 30 Sekunden dauert, bis man vermeintlich das
Wichtigste zusammengefasst bekommt? Ein branchenübergreifendes Ethos nach
dem Vorbild des Pressekodex gibt es noch nicht. Im aktuellen Jahresbericht
des Deutschen Presserats wird KI gar nicht erst erwähnt.
[1][Die aktuellste Einlassung ist eine Erklärung von 2024.] Darin geht es
vor allem um die Bewertung von Beschwerden, nicht um den Einsatz selbst:
„Wer sich zur Einhaltung des Pressekodex verpflichtet, trägt die
presseethische Verantwortung für alle redaktionellen Beiträge, unabhängig
von der Art und Weise der Erstellung. Diese Verantwortung gilt auch für
künstlich generierte Inhalte.“
Änderungen im Pressekodex wie eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte
Texte seien derzeit nicht erforderlich. Die presseethische Verantwortung,
etwa bei der Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflicht, liege weiter
„uneingeschränkt bei den Redaktionen“. Und die stoßen bei der
Qualitätssicherung bei eigenen Texten an offenbare Grenzen. Zwar kann in
redaktionell gemeinsam genutzten KI-Profilen nachvollzogen werden, wer
welche Anfrage gestellt hat oder nach einer Formulierungshilfe fragt. Aber
was die einzelnen Redakteur:innen abseits davon in ihren privaten
Accounts tun, bleibt zunächst privat.
## Professionelle Vertrauensbasis
Dazu kommt eine professionelle Vertrauensbasis, die hauseigenen Regeln
einzuhalten, sich an journalistische Grundsätze zu halten und die Hoheit
über den eigenen Text nicht aus der Hand zu geben. Die künstlich erzeugten
Kommentare beim Tagesspiegel dürften ein extremer Fall unethischer Nutzung
sein.
Aber da es keinen branchenübergreifenden Konsens über die Grenzen des guten
Geschmacks gibt, sind die Übergänge fließend. Was wiegt schwerer: ein
eigener Gedanke, dafür komplett vom Bot formuliert, oder eine KI-Analyse,
dafür in eigene Worte gefasst? [2][Der Editor-at-Large des Tagesspiegels,
Stephan-Andreas Casdorff,] hat sich offenbar gleich für beides entschieden
und ganze Texte verfassen lassen, was Urteil und Konsequenz recht einfach
macht.
Doch gerade weil es nicht nur die eine, sondern mindestens Fifty Shades of
KI gibt, muss sich der Journalismus nun dringend in Klausur begeben. Ein
Update steht an: Wie schaffen wir es, original und glaubwürdig zu bleiben
und uns nicht schleichend selbst abzuschaffen? Die Antworten darauf müssen
ehrlich sein, kollegial und mit dem nötigen Spritzer Selbstkritik.
16 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.presserat.de/presse-nachrichten-details/redaktionen-auch-fuer-ki-generierte-inhalte-ethisch-verantwortlich.html
(DIR) [2] /Nicht-kenntlich-gemacht/!6186855
## AUTOREN
(DIR) Martin Niewendick
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