# taz.de -- Kolumbiens Mannschaft bei der WM: Kinder des Konfliktes
       
       > 9 von 26 kolumbianischen Nationalspielern kommen aus den am stärksten vom
       > Krieg gezeichneten Regionen. Bei manchen ist die eigene Familie
       > betroffen.
       
 (IMG) Bild: 2023: Nationalspieler Lucho Díaz zeigt in Liverpool sein Unterhemd mit der Forderung nach Freilassung seines entführten Vaters
       
       Wenn am Mittwoch Kolumbien in Mexiko-Stadt gegen Usbekistan seinen
       WM-Auftakt spielt, zieht aktuelle kolumbianische Geschichte ins
       Azteca-Stadion ein. 35 Prozent, also 9 der 26 nominierten Spieler, stammen
       aus den Gegenden, die am stärksten vom bewaffneten Konflikt betroffen sind.
       
       So hat es [1][das kolumbianische Onlineportal Rutas del Conflicto
       recherchiert]. Kolumbien hat mehr als 50 Jahre Krieg erlebt. Auch zehn
       Jahre nach dem [2][historischen Friedensvertrag] zwischen Farc-Guerilla und
       Staat ist kein Ende der Gewalt in Sicht. Die Liebe zur Nationalmannschaft
       hat die Kolumbianer*innen trotz aller Gewalt und Polarisierung
       allerdings stets geeint, über alle politischen, regionalen und sozialen
       Grenzen hinweg. Die aktuelle Mannschaft ist das lebendige Beispiel dafür.
       
       Kolumbien stuft 170 Gemeinden und 344 Gebiete als die am stärksten von
       bewaffneten Konflikten, extremer Armut und institutioneller Schwäche
       betroffenen Gebiete ein. Sie machen zwar nur einen Bruchteil des
       Staatsgebiets aus, stellen aber einen überproportionalen Anteil der
       Spitzensportler des Landes.
       
       Das Departamento Chocó an der Pazifikküste ist der auffälligste Fall: Es
       verzeichnet die höchste multidimensionale Armutsquote des Landes und stellt
       drei Spitzenfußballer in einer einzigen WM-Nominierung: Mittelfeldspieler
       Jhon Arias und die Stürmer Carlos Andrés Gómez und Jhon Córdoba kommen aus
       dem Chocó.
       
       ## Das Versprechen, der Familie ein Haus zu kaufen
       
       Mittelfeldspieler Juan Fernando Quintero stammt wie sechs der „cafeteros“
       aus dem Departamento Antioquia. Die Comuna 13 in Antioquias Hauptstadt
       Medellín, wo Quintero aufwuchs, war die am stärksten vom bewaffneten
       Konflikt betroffene urbane Gegend Kolumbiens. [3][Juan Quinteros Vater
       verschwand gewaltsam], als er seinen Militärdienst ableistete. Da war der
       heutige Spitzenfußballer zwei Jahre alt. Quintero forderte wie so viele
       Kolumbianer*innen öffentlich, endlich die Wahrheit darüber zu
       erfahren.
       
       Als er neun war, drangen Armee und Polizei mit Unterstützung von
       Paramilitärs bei der vom damaligen rechtsextremen Präsidenten Alvaro Uribe
       angeordneten „Operation Orion“ in die Comuna 13 ein – mit massenhaft Toten,
       Festgenommenen und Verschwundenen als Folge, [4][die deren Verwandte bis
       heute suchen].
       
       Zum ersten Mal seit 2018 ist Kolumbien wieder bei einer WM dabei. In der
       Gruppe K steht die Mannschaft nach Usbekistan dann der Demokratischen
       Republik Kongo (23. Juni) in Guadalajara und Portugal (27. Juni) in Miami
       gegenüber. Als Ziel für das Turnier hat sich Nationaltrainer Néstor
       Lorenzo, ein Argentinier, das WM-Finale gesetzt.
       
       Die Kolumbianer haben den Ruf, Charisma und Freude zu verbreiten. Dazu
       verfügen die Spieler über ein ausgeprägtes Tanztalent. Luis „Lucho“ Díaz
       vom FC Bayern, der zusammen mit Kapitän [5][James Rodríguez] die Mannschaft
       anführt, hat am Mittwoch wie ein Großteil der Mannschaft sein WM-Debüt für
       Kolumbien. Lucho Díaz hat selbst ein [6][Champeta-Lied] namens „La Promesa“
       (Das Versprechen) aufgenommen, in einem typischen Rhythmus der
       kolumbianischen Karibikküste. In dem dankt er Gott für die Gabe, Fußball
       spielen zu können – und verspricht seiner Familie, ihr bald ein Haus zu
       kaufen. Das Versprechen hat er eingelöst.
       
       ## Das Talent derer, die überlebt haben
       
       Der Stürmer stammt aus Barrancas in La Guajira, hatte [7][entgegen aller
       Gerüchte] eine recht behütete Kindheit, konnte eine gute Schule besuchen
       und litt keinen Hunger. Barrancas liegt nahe des umstrittenen Kohletagebaus
       El Cerrejón. Sein Vater Mane Díaz, den die Bayern-Fans als ebenso
       tanzfreudig wie seinen Sohn kennengelernt haben, trainierte eine der
       Mannschaften des Fußballvereins des Tagebaus, gründete im Viertel einen
       Klub und war der größte Mentor seines Sohnes.
       
       Barrancas taucht auf der Liste der Konfliktgemeinden nicht auf. Doch auch
       Díaz wurde Opfer. Im Oktober 2023 entführte die ELN-Guerilla seine Eltern
       in Barrancas. Die Mutter wurde am selben Tag befreit, der Vater blieb 13
       Tage gefangen. Díaz spielte damals in Liverpool. Als er ein Tor schoss,
       [8][hob er sein Trikot hoch], um eine Botschaft auf seinem T-Shirt zu
       zeigen: „Freiheit für Papa“.
       
       92 Prozent der Nationalspieler starteten ihre Profikarriere in Kolumbien.
       Der Einzige, der heute in Kolumbien arbeitet, ist Torwart David Ospina –
       bei Atlético Nacional in Medellín. Atlético Nacional, Envigado FC,
       Deportivo Cali und Águilas Doradas sind die wichtigsten Brutstätten dieser
       Fußballergeneration. 42 Prozent wurden jenseits der Regionalhauptstädte
       geboren.
       
       Der Bericht von Rutas de Conflicto „ist weder eine Lobeshymne auf [9][den
       bewaffneten Konflikt] noch eine Verherrlichung von Widrigkeiten als
       Schmiede für Champions. Ganz im Gegenteil“, stellt Autor Juan Pablo Cagua
       Penagos am Ende klar. „Kolumbien nutzt das Talent, das das System überlebt,
       nicht das, das das System hervorbringt.“
       
       Hätten die genannten Gemeinden Sportplätze, Ausbildungsstätten,
       festangestellte Talentscouts und vor allem Frieden, wäre das Potenzial
       immens. „Nicht nur im Fußball“, betont Cagua Penagos.
       
       16 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://rutasdelconflicto.com/especiales/seleccion/
 (DIR) [2] /Abkommen-in-Kolumbien/!5362764
 (DIR) [3] https://www.bbc.com/mundo/noticias-50959120
 (DIR) [4] /Kolumbiens-Verschwundene/!6112281
 (DIR) [5] /Kolumbiens-Hoffnung-gegen-Senegal/!5513767
 (DIR) [6] https://www.youtube.com/watch?v=5WRP7WLFvNU
 (DIR) [7] https://elpais.com/america-colombia/2022-05-27/historia-no-oficial-de-luis-diaz.html
 (DIR) [8] https://www.thesun.co.uk/sport/24640135/luis-diaz-goal-shirt-dad/
 (DIR) [9] /Einen-Monat-vor-Praesidentschaftswahl/!6174016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Wojczenko
       
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