# taz.de -- Scam-Fabriken in Myanmar: Der große Betrug
       
       > May sucht in Thailand nach Arbeit und landet als Zwangsarbeiterin in
       > Myanmar. Dort organisieren Kriminelle Online-Scams mit Opfern auf der
       > ganzen Welt.
       
 (IMG) Bild: Die Betrugsmaschinerie lässt den Ort Kyaukhat in Myanmar an der Grenze zu Thailand wachsen
       
       May steht hinter einem Grillstand an einer viel befahrenen Straße in
       Bangkok. Sie trägt ein dunkles T-Shirt, das lange schwarze Haar zu einem
       Zopf geflochten. Nur wenn ein Kunde anhält, tritt die Laotin aus dem
       Schatten der Grillauslage, lächelt kurz und zieht sich wieder zurück. Ihre
       Welt umfasst nur wenige Quadratmeter. Aber sie sei „glücklich, frei zu
       sein“, sagt sie. Lange war das nicht so.
       
       Über ein Jahr lang war sie in einer sogenannten Betrugsfabrik im
       Nachbarland Myanmar gefangen. Dort sei sie unter Folter gezwungen worden,
       weltweit Menschen online zu betrügen, sagt May.
       
       Solche Anlagen haben sich in Südostasien rasant ausgebreitet – von
       Kambodscha über Laos bis Myanmar. Laut UN-Angaben werden dort
       Hunderttausende wie Sklaven gehalten. Über Kryptobetrugsmaschen fließen
       Milliardeninvestitionen in diese Zentren.
       
       ## Die Betrugsindustrie
       
       Allein in den USA summierten sich die Schäden im Jahr 2025 laut dem FBI auf
       mehr [1][als 7,2 Milliarden Dollar]. Washington will den Kampf verschärfen,
       verhängt Sanktionen und rückt auch den Ort Kyaukhat im Grenzgebiet zwischen
       Myanmar und Thailand in den Fokus.
       
       Bis zu 10 Millionen US-Dollar bietet das US-Außenministerium für Hinweise,
       die zur Zerschlagung der dort operierenden „Tai-Chang“-Betrugszentren
       führen. „Tai Chang“ stammt aus dem Chinesischen und bedeutet sinngemäß
       „extremer Wohlstand“. Laut dem FBI Field Office San Diego, das in der Sache
       ermittelt, gelten sie als besonders skrupellos. „Inzwischen umfasst das
       Netzwerk drei separate Zentren, die für ihre brutalen Strafmaßnahmen gegen
       Arbeiter berüchtigt sind“, ergänzt FBI-Sprecherin Tina Jagerson gegenüber
       der taz.
       
       May kennt diese Anlagen von innen. Fünfzehn lange Monate war die 25-Jährige
       dort als Zwangsarbeiterin eingesperrt. Aufgewachsen ist sie im laotischen
       Ban Huai Tao, einem abgelegenen Dorf im Nordwesten des kommunistischen
       Einparteienstaats. Arbeit gab es dort kaum, Perspektiven noch weniger.
       
       „In einer Jobgruppe auf Facebook suchte ich nach Arbeit, darauf hat mich
       jemand angeschrieben“, erinnert sie sich im Gespräch mit der taz. Eine gut
       bezahlte Stelle im thailändischen Industriegebiet von Rayong wird ihr
       angeboten. Endlich eine Chance für das Einzelkind, ihre Eltern finanziell
       zu unterstützen.
       
       Sie folgt dem Jobangebot und reist nach Bangkok, wo sie von einem
       unscheinbaren Van abgeholt wird. Zunächst wirkt alles unverdächtig, erzählt
       sie. Doch statt ins Industriegebiet fährt das Fahrzeug stundenlang Richtung
       Westen. Die Straßen werden schmaler, die Ortschaften werden immer
       ländlicher. Schließlich endet die Fahrt am bewaldeten Ufer des Grenzflusses
       Moei, der Thailand von Myanmar trennt. Dort wartet bereits ein Boot. Die
       Überfahrt nach Kyaukhat dauert nur wenige Minuten, danach gibt es kein
       Zurück mehr.
       
       ## Die Verflechtungen
       
       Kyaukhat steht unter der Kontrolle der bewaffneten Rebellengruppe
       Democratic Karen Buddhist Army, kurz DKBA. Der Osten Myanmars gehört zu den
       fragmentiertesten Konfliktzonen Südostasiens. Verschiedene bewaffnete
       Gruppen kontrollieren dort einzelne Gebiete, Städte oder Grenzübergänge.
       
       Dazu zählen Splittergruppen ethnischer Karen-Milizen ebenso wie mit der
       Militärjunta verbundene Kräfte. Die DKBA entstand in den 90er-Jahren als
       Abspaltung der Karen National Union (KNU), einer der ältesten ethnischen
       Rebellengruppen Myanmars, die seit fast 80 Jahren gegen das myanmarische
       Militär um Autonomie kämpft.
       
       Anders als die KNU kooperierte die DKBA zeitweise mit der Junta und
       wechselte ihre Bündnisse je nach Interessenlage. In diesem Umfeld betreiben
       chinesische Verbrechersyndikate ihre Betrugsfabriken, ohne echte
       Repressalien fürchten zu müssen.
       
       Die DKBA soll dabei gemäß Beobachtern nicht nur Schutzleistungen bieten,
       sondern eng mit den kriminellen Netzwerken verflochten sein und kräftig
       mitverdienen.
       
       ## Der Boom
       
       Die Betrugsmaschinerie lässt Kyaukhat wachsen. Im Laufe der Jahre hat sich
       die Region stark verändert, wie die taz bei mehreren Recherchereisen
       beobachten konnte. Wo vor wenigen Jahren noch dichter Dschungel und
       brachliegendes Land dominierten, sind heute Bürokomplexe, Rohbauten und
       betonierte Straßen. [2][Weiße Starlink-Antennen sprenkeln die
       Gebäudedächer]. 2025 wurde das Areal mit einer steinernen Mauer
       eingegrenzt.
       
       Auch auf der thailändischen Seite wird gebaut: Neue Bungalowanlagen
       entstehen, und im Dickicht der informellen Flussgrenze gibt es inzwischen
       einen befestigten Autoparkplatz. Von dort können Boote direkt zu den
       Betrugszentren auf der anderen Seite ablegen.
       
       Kyaukhat steht dabei nur exemplarisch für einen Boom, der die gesamte
       Grenzregion erfasst hat. Seit der Coronapandemie ist die Zahl der
       Betrugszentren entlang der thailändisch-myanmarischen Grenze von 11 auf 27
       gestiegen, wie das [3][Australian Strategic Policy Institute (ASPI)] anhand
       von Satellitenaufnahmen ermittelte. Monatlich entstanden solche Zentren auf
       durchschnittlich 5,5 Hektar Land.
       
       ## Die Masche
       
       In einem dieser gesichtslosen Gebäude landet auch May. Draußen bewachen
       bewaffnete Männer die Eingänge. Drinnen beginnt ihr neues Leben: Online
       heißt sie jetzt Bella und soll unter falscher Identität auf der ganzen Welt
       Menschen anschreiben und potenzielle Opfer ködern.
       
       „Pig Butchering“ nennt sich die Methode, zu Deutsch: „Schweineschlachten“.
       In dem Betrugssystem bilden Zwangsarbeiterinnen wie May die unterste Ebene.
       Sie „füttern“ die Opfer an, bauen erste oberflächliche Kontakte auf.
       
       „Wenn jemand Interesse zeigte, führten wir Gespräche, bauten Vertrauen auf
       und täuschten Nähe vor, um an Telefonnummern zu kommen. Danach gingen die
       Kontakte an die nächste Abteilung“, erklärt May.
       
       Andere sind für die „Mästung der Schweine“ zuständig, vertiefen die
       Gespräche, bauen gezielt Vertrauen auf und manipulieren ihre Opfer über
       Wochen oder Monate, bis diese „feist“ genug sind zur finanziellen
       Schlachtung. Wieder andere kümmern sich schließlich um den Geldfluss.
       
       ## Die Strafen
       
       Wer die tägliche Quote von 80 neuen Kontaktdaten nicht erfüllt, wird brutal
       bestraft. May spricht leiser, wenn sie davon erzählt. Von Elektroschocks
       und wiederholten Schlägen mit dicken Kabeln. Sie zeigt Handyfotos aus
       dieser Zeit: Ihr Gesäß ist darauf übersät mit Hämatomen und blauen Flecken.
       Wer trotz Schlägen nicht liefert, komme in den sogenannten dunklen Knast,
       erzählt sie – ein Kellerraum, in dem erfolglose Arbeiter tagelang ohne
       Essen, nur mit Wasser eingesperrt werden.
       
       16 bis 20 Stunden am Tag werde gearbeitet, um Listen mit flirtbereiten
       Kontakten zu füllen. Die Abläufe sind systematisiert, mit
       Online-Übersetzungen und vorgefertigten Textbausteinen. Geschädigte sitzen
       überall auf der Welt: Amerika, China, Russland, Europa – auch in
       Deutschland. Zu ihnen gehört auch Wolfgang, der aus Scham nicht mit echtem
       Namen erwähnt werden möchte. Er sei „geschlachtet“ worden, wie er der taz
       sagt.
       
       Auf Instagram stieß er auf das Profil einer jungen Frau, die vermeintlich
       seine Leidenschaft für Wein teilt: Aaliyah, angeblich aus New York, wirkt
       gebildet, charmant, wohlhabend. Wolfgang schreibt sie an – eine
       Entscheidung, die ihn später seine gesamte Altersvorsorge kosten wird.
       
       Aus ersten Chats wird schnell mehr. Bald kommunizieren beide täglich über
       Telegram. Über Wochen wächst eine Nähe, die sich real angefühlt habe. „Ich
       wurde ganz langsam und behutsam dazu verführt“, erinnert sich Wolfgang.
       Aaliyah erzählt von ihrem angeblichen Leben in New York, von einer
       Scheidung und einem Neuanfang, alles wird persönlicher, vertrauter und
       romantischer.
       
       Wolfgang sagt, er sei dafür emotional zugänglich gewesen, weil er sich in
       einer schwierigen Lebensphase befunden habe. Im Job stand er unter Druck,
       er habe den Eindruck gehabt, sein Arbeitgeber wolle ihn loswerden.
       
       Irgendwann spricht Aaliyah von Geld. Von lukrativen Investitionen. Von
       ihrem Onkel, der bei der renommierten Investmentbank Goldman Sachs arbeite
       und Zugang zu exklusiven Anlagemöglichkeiten habe.
       
       Wolfgang zögert anfänglich, investiert dann aber doch kleine Beträge in
       vermeintliche Kryptowährungen. Die Zahlen auf dem Bildschirm beginnen zu
       steigen, alles wirkte plausibel: „Die Scammer sorgten dafür, dass ich bei
       meinen wenigen Transaktionen immer gewann.“ Dann preist Aaliyah ein
       einmaliges Bonusprogramm an: Wer viel investiere, bekomme extra Gewinne.
       Wolfgang überweist mehr Geld. Immer mehr. Am Ende fast 200.000 Euro.
       
       Doch die Forderungen nach mehr Geld reißen nicht ab. Sein Account sei
       angeblich wegen illegaler Aktivitäten gesperrt worden. Um ihn wieder
       freizuschalten, müsse er zusätzlich ein Viertel seines Guthabens einzahlen.
       Da bricht Wolfgang ab und wendet sich an die Polizei. Doch es ist bereits
       zu spät: Die ganze Anlageplattform war gefälscht, Aaliyah existierte nie.
       
       ## Die Anzeige
       
       Wolfgang erstattet Anzeige bei der hessischen Polizei, doch bei
       internationalen Betrugsfällen kann diese nicht viel ausrichten, heißt es
       dort auf Anfrage der taz. Eine Rückverfolgung sei schwierig, da die Täter
       moderne Technologien wie verschlüsselte Internetverbindungen (VPN) und
       Kryptowährungen nutzen.
       
       Zudem operiere die Täterschaft fast ausschließlich von Südostasien aus.
       Razzien vor Ort könnten gelegentlich Hinweise liefern, deren Ergebnisse
       sich „gegebenenfalls für hiesige Verfahren verwerten lassen“, sagt
       Sprecherin Sejdullah Kqiku vom Polizeipräsidium Westhessen.
       
       Eine wirksame Gegenwehr gibt es bislang nicht. Nur gelegentlich kommt es zu
       selektiven Razzien wie Anfang 2025: Nach massivem internationalem Druck,
       vor allem aus China, gingen die in den jeweiligen Gebieten machthabenden
       Milizen gegen die Betrugsfabriken vor. Die Maßnahmen schienen aber vor
       allem symbolischen Charakter zu haben und sollten Tatkraft signalisieren,
       statt diese tatsächlich zu zerschlagen.
       
       ## Die Befreiung
       
       In der Grenzstadt Myawaddy befreite die juntatreue Border Guard Force (BGF)
       rund 7.000 ausländische Arbeitskräfte aus Anlagen wie Shwe Kokko und KK
       Park. Weiter südlich in Kyaukhat befreite die DKBA rund 260 Menschen,
       darunter auch May.
       
       Doch solche Einsätze haben nur einen kurzfristigen Effekt. Nach Razzien
       nehmen die Anlagen ihren Betrieb oft wieder auf oder ziehen einfach um,
       heißt es in einem Bericht der UN-Menschenrechtsbehörde. Nach deren
       Schätzungen arbeiten mittlerweile mindestens 300.000 Menschen aus 66
       Ländern in der südostasiatischen Betrugsindustrie. Die meisten von ihnen
       sind Täter und Opfer zugleich. Auch May berichtet, dass bei ihrer
       Freilassung nur leistungsschwächere Arbeiterinnen und Arbeiter freigelassen
       wurden, während Tausende andere zurückblieben.
       
       Für die 25-Jährige hatte die Zeit in Kyaukhat schwere persönliche Folgen.
       Während der Zeit in der Zwangsarbeit verstarb ihre Mutter. Kurz darauf
       erkrankte auch ihr Vater und starb. Sie konnte sich von beiden nicht
       verabschieden. „Wahrscheinlich sind sie vor Kummer krank geworden, weil sie
       mir nicht helfen konnten, und die Krankheit verschlechterte sich so
       schneller“, macht sie sich Vorwürfe.
       
       Heute lebt sie zwar in Sicherheit in einem Vorort von Bangkok, doch die
       Betrugsfabrik kehrt in den Nächten zurück: „Ich wache manchmal auf und habe
       das Gefühl, ich bin noch eingesperrt.“ Mit dem Verkauf ihrer Brathähnchen
       am Straßenrand verdient sie ein paar Euro am Tag – gerade genug zum
       Überleben. Währenddessen wächst auf der anderen Seite der Grenze in
       Kyaukhat wieder ein neuer zehnstöckiger Betonblock in die Höhe.
       
       15 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.ic3.gov/AnnualReport/Reports/2025_IC3Report.pdf
 (DIR) [2] /Scam-Zentren-in-Myanmar/!6123211
 (DIR) [3] https://aspi.s3.ap-southeast-2.amazonaws.com/wp-content/uploads/2025/09/02101857/Scamland-Myanmar.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julian Küng
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Myanmar
 (DIR) Betrug
 (DIR) Thailand
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) Zwangsarbeit
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Thailand
 (DIR) Waffen
 (DIR) Schwerpunkt Myanmar
 (DIR) Schwerpunkt Myanmar
 (DIR) Südkorea
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Schusswaffengewalt in Thailand: Schüler üben Schutz und Notwehr gegen Schulmassaker
       
       Anfang August lief ein 14-Jähriger an seiner Schule nahe Bangkok Amok. Nun
       hat die thailändische Regierung Übungen gegen Anschläge mit Schusswaffen
       angeordnet.
       
 (DIR) Nach Massaker an Schule: Thailand ringt mit seinem Waffenproblem
       
       Das Königreich Thailand steht unter Schock: Ein 14-Jähriger hat erst seine
       Großeltern erschossen und dann an seiner Schule Lehrer, Schüler und sich
       selbst getötet.
       
 (DIR) Scam-Fabriken in Südostasien: Pekings Kampf gegen die Drahtzieher
       
       Mit drohenden Todesurteilen geht China gegen die Clans der Betrugsfabriken
       vor. Doch der Kampf gegen das Netzwerk ist auch Teil eines Machtkampfs.
       
 (DIR) Scam-Zentren in Myanmar: SpaceX schaltet 2500 Internetempfänger ab
       
       In Myanmar fliehen hunderte Menschen aus einem Online-Betrugszentrum. Der
       US-Dienst Starlink sei dort für Cyberkriminalität genutzt worden.
       
 (DIR) Moderne Sklaverei: In den Fängen der Cyber-Betrugsfabriken
       
       Südkoreanische Männer werden von Verbrechersyndikaten nach Kambodscha
       gelockt und zu Online-Betrügereien gezwungen. Wer sich weigert, wird
       gefoltert.