# taz.de -- Scam-Fabriken in Südostasien: Pekings Kampf gegen die Drahtzieher
       
       > Mit drohenden Todesurteilen geht China gegen die Clans der
       > Betrugsfabriken vor. Doch der Kampf gegen das Netzwerk ist auch Teil
       > eines Machtkampfs.
       
 (IMG) Bild: Weil viele Opfer wie Täter in den Scam-Fabriken Chinesen sind, geht China gegen die Netzwerke vor
       
       Wei Huairen ist Oberhaupt eines mächtigen Clans aus Myanmars autonomer
       Region Kokang. Das einstige Opiumgebiet liegt im nordöstlichen Shan-Staat
       an der Grenze zu China und verdankt seinen Namen der chinesischstämmigen
       Ethnie der Kokang. Der Wei-Clan soll dort seinen Einfluss zum Aufbau eines
       Betrugsnetzwerks genutzt haben. Mit Erpressung, dem Kassieren von
       Schutzgeldern, Online- und Telefonbetrug, Menschenhandel bis hin zu Mord
       sollen die Weis umgerechnet 3,5 Milliarden Dollar eingenommen haben,
       behauptete Chinas Zentralfernsehen CCTV im Mai. Anlass war der Prozess
       gegen den Wei-Clan in der chinesischen Provinz Fujian.
       
       Wei Huairen war offiziell Kommandeur einer myanmarischen Militäreinheit,
       mit der er sogenannte Betrugsfabriken im Grenzgebiet schützte, berichtete
       Hongkongs [1][South China Morning Post] unter Berufung auf CCTV. Wann das
       Urteil gegen die Weis verkündet wird, ist noch unklar. Als wahrscheinlich
       gelten Todesstrafen. So zumindest war es im Fall des Ming-Clans, der auch
       in Kokang im Onlinebetrug aktiv war. [2][Im Januar exekutierte China elf
       Mitglieder des Clans.]
       
       Ursprünglich war [3][die Küstenstadt Sihanoukville] in Kambodscha das
       globale Zentrum des Cyberbetrugs. Dann verteilten sich die Betrugsfabriken
       nicht nur auf andere Orte des Königreichs, sondern breiteten sich auch in
       Myanmar und Laos aus. Für das Jahr 2024 schätzte das [4][United States
       Institute of Peace] den Umfang der Betrugsgeschäfte in den drei Ländern auf
       43,8 Milliarden Dollar und damit 40 Prozent ihres kombinierten
       Bruttosozialprodukts. Hinzu kamen Vietnam und die [5][Philippinen], zuletzt
       auch Sri Lanka und Indonesien. Die Betrugszentren florieren, wo Behörden
       schwach sind, sei es wegen eines politischen Machtvakuums oder weil lokale
       Machthaber und ihr Umfeld am Betrug partizipieren, wie mutmaßlich in
       Kambodscha und Myanmar.
       
       2023 verlor Chinas Regierung die Geduld mit Myanmars Militärjunta. Die
       Generäle hatten sich 2021 an die Macht geputscht und übten diese auch durch
       Kooperation mit kriminellen Milizen aus. Weil viele Opfer wie Täter in den
       Scam-Fabriken Chinesen sind und die Junta nicht wie gewünscht reagierte,
       gab Peking 2023 der aus drei Milizen gebildeten „Drei-Brüder-Allianz“
       grünes Licht für eine Offensive.
       
       [6][Innerhalb kurzer Zeit eroberten die Rebellen große Gebiete in Kokang
       und anderen Regionen,] befreiten in den Scam-Fabriken eingesperrtes
       Personal und lieferten mutmaßliche Verantwortliche an China aus. Doch bald
       drängte Peking, das keinen Machtwechsel in Myanmar will, die Rebellen zur
       Rückgabe eroberter Gebiete.
       
       [7][Auch an Myanmars Südostgrenze zu Thailand entstand um die Stadt
       Myawaddy ein Zentrum des Onlinebetrugs]. Thailand sperrte bald
       grenzüberschreitende Internetdienste und drängte die Junta, gegen die
       Betrugszentren vorzugehen. Diese inszenierte einige Razzien, bei denen aber
       mutmaßliche Drahtzieher unbehelligt blieben. Symbolisch wurden in den
       Betrugsfabriken auch einige Satellitenempfänger von Elon Musks Starlink
       beschlagnahmt. Kürzlich schlug die Militärregierung sogar [8][selbst die
       Einführung der Todesstrafe für Verantwortliche der Betrugsfabriken] vor.
       
       ## Geopolitische Rivalität verhindert gemeinsames Handeln
       
       Auch die USA gehen inzwischen verstärkt gegen Onlinebetrug vor, weil auch
       ihre Bürger betroffen sind. Washington und Peking könnten es sich nicht
       leisten, als untätig wahrgenommen zu werden, doch dominiere ihre
       geostrategische Rivalität, schreibt der [9][US-Handelsanalyst Peter Olson].
       Deshalb kooperierten sie kaum miteinander. Schließlich betrifft die
       Bekämpfung der Scamfabriken sehr sensible und hoheitliche Bereiche:
       Datenschutz und -zugänge, Überwachung und grenzüberschreitende
       Polizeiarbeit, IT-Standards und IT-Entwicklungen bis hin zu KI.
       
       Die USA drängen auf internationale Regelungen und verhängen Sanktionen
       gegen Verdächtige. China, das die Cyberkriminalität auch als potenzielle
       Gefahr für die eigene soziale und politische Stabilität sieht, konzentriert
       sich stärker auf seine eigenen Staatsbürger und möchte zugleich den
       Einfluss der USA in der Region begrenzen. Die Nachbarstaaten drängt Peking
       zur Installation chinesischer Überwachungssoftware wie auch zur
       Auslieferung mutmaßlicher Drahtzieher in die Volksrepublik.
       
       So im Fall Chen Zhi: Der gebürtige Chinese präsentierte sich in Kambodscha
       mit seiner Prince-Gruppe, die in 30 Staaten aktiv gewesen sein soll, als
       einfluss- wie erfolgreicher Immobilienentwickler und Philanthrop. Er erwarb
       die Staatsbürgerschaft Kambodschas und anderer Staaten und wurde sogar
       Berater des langjährigen Ministerpräsidenten Hun Sen. Chen galt als
       unantastbar, obwohl China schon seit 2020 gegen ihn ermittelte. Die USA
       sanktionierten ihn als mutmaßlichen Drahtzieher eines Cyberbetrugsnetzwerks
       und beschlagnahmten im Oktober 2025 von Chen 14 Milliarden Dollar in
       Kryptowährung. [10][Im Januar 2026 wurde er in Kambodscha festgenommen] –
       und nach China ausgeliefert. Auch er muss mit der Todesstrafe rechnen.
       
       15 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.scmp.com/news/china/politics/article/3354555/myanmars-wei-family-put-trial-latest-phase-chinas-crackdown-scam-compounds
 (DIR) [2] /Cyberkriminalitaet-und-Todesstrafe/!6149723
 (DIR) [3] /Casino-Kapitalismus-in-Kambodscha/!5921768
 (DIR) [4] https://www.usip.org/sites/default/files/2024-05/ssg_transnational-crime-southeast-asia.pdf
 (DIR) [5] /Cyberbetrug-in-Philippinen/!5943959
 (DIR) [6] /Krieg-in-Myanmar/!5975562
 (DIR) [7] /Scam-Fabriken-in-Myanmar/!6187668
 (DIR) [8] https://www.channelnewsasia.com/asia/myanmar-proposes-death-sentence-cyberscam-offences-6121056
 (DIR) [9] https://fulcrum.sg/cyberfraud-in-southeast-asia-a-new-battleground-for-the-us-and-china/
 (DIR) [10] https://www.theguardian.com/world/2026/jan/08/alleged-scam-kingpin-chen-zhi-extradited-china-cambodia-arrest
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven Hansen
       
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       gefoltert.