# taz.de -- Moderne Sklaverei: In den Fängen der Cyber-Betrugsfabriken
       
       > Südkoreanische Männer werden von Verbrechersyndikaten nach Kambodscha
       > gelockt und zu Online-Betrügereien gezwungen. Wer sich weigert, wird
       > gefoltert.
       
 (IMG) Bild: Aufnahme aus einer Cyberbetrugsfabrik in Kambodscha nach einer Razzia im Juli 2025. Oft werden die Betreiber vorher gewarnt
       
       Seoul taz | Der leblose Körper von Park Min-ho wurde am Morgen des 8.
       August in einem schwarzen Auto an der Bucht des Kampong-Flusses im
       südlichen Kambodscha entdeckt. Der 22-jährige Koreaner starb an den Folgen
       eines Herzinfarktes, verursacht durch überbordende Schmerzen, ergab die
       amtliche Autopsie. Ein Zeuge, der Parks Folter mit ansehen musste, wird
       später nach seiner eigenen Rettung der koreanischen Presse sagen: „Er wurde
       so stark geschlagen, dass er selbst nach medizinischer Behandlung weder
       gehen noch atmen konnte“.
       
       Parks Schicksal ist kein Einzelfall, sondern Folge eines betrügerischen
       Systems: Der Südkoreaner wurde über eine vermeintliche Job-Annonce nach
       Kambodscha gelockt, dort von einem chinesischen Syndikat gefangen gehalten,
       seines Handys und Reisepasses beraubt und dann als Drogenkurier
       ausgebeutet. Als er sich weigerte, musste er dafür mit dem Leben bezahlen.
       
       Sogenannte Scam-Fabriken in Südostasien erinnern an moderne Sklaverei. Die
       Opfer leben in abgeriegelten Wohnanlagen, werden dort zu
       Telefonbetrügereien, Hacking-Angriffen oder sogenannten Love-Scams
       gezwungen. Dabei werden ahnungslose Nutzer von Dating-Apps kontaktiert und
       unter dem Deckmantel einer vorgespielten Romanze mittels Cryptowährungen
       finanziell ausgenommen.
       
       Allein zwischen Januar und August wurden bereits rund 330 mutmaßliche
       Entführungen von Südkoreanern in Kambodscha registriert, deutlich mehr als
       die Jahre zuvor. Das Ausmaß des Problems ist derart eskaliert, dass
       Südkoreas Präsident Lee Jae-myung es nun zur Chefsache erhoben hat. Bei
       einer Kabinettssitzung am Dienstag forderte er, sämtliche koreanischen
       Opfer müssten „rasch“ zurück in ihre Heimat gebracht werden.
       
       ## Südkorea schickt Task Force nach Kambodscha
       
       Dafür soll nun eine Task Force aus Beamten der Nationalen Polizeibehörde
       sowie des Geheimdienstes sorgen, die am Mittwoch nach Kambodscha entsandt
       wurde. Für den Fall, dass die örtlichen Behörden nicht ausreichend
       kooperieren, fordern bereits etliche Abgeordnete der Regierungspartei sowie
       der Opposition, dass man über eine „militärische Rettungsaktion“ nachdenken
       solle. Sprich: Südkorea könnte womöglich seine Armee nach Kambodscha
       schicken, um dort Scam-Fabriken lahmzulegen.
       
       Dass das Thema Südkoreas Bevölkerung stark emotionalisiert, hat vor allem
       mit den Berichten von Opfern zu tun, die den Weg zurück in die Freiheit
       geschafft haben. Sie erzählen von verheißungsvollen Job-Anzeigen als
       IT-Arbeiter in Kambodscha, denen eine kostenlose Unterkunft und ein
       kostenloser Hinflug versprochen wurde.
       
       Doch sobald die Koreaner in der Hauptstadt Phnom Penh landeten, wurden sie
       in Kleinbussen abgeführt und in abgeriegelten Wohnanlagen zu Betrugsmaschen
       verpflichtet. Wer sich weigerte, wurde mit Stahlrohren geschlagen und mit
       Elektroschocks gequält. Amnesty International hat [1][in einem aktuellen
       Bericht] mindestens 50 solcher Scam-Fabriken identifiziert, die
       Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.
       
       Einer der Drahtzieher dürfte der 38-jährige Chen Zhi sein. Ein gebürtiger
       Chinese, der in Kambodscha die sogenannte Prince Holding leitet. Doch der
       legale Anschein als Immobilienentwickler und Dienstleister ist nur Fassade.
       
       ## Betrugsimperium mit besten politischen Verbindungen
       
       Chens Vermögen basiert tatsächlich auf riesigen Betrügereien: Er hat nach
       Angaben von Ermittlern damit geprahlt, allein durch „love scams“ 30
       Millionen Dollar einzunehmen – jeden Tag. Hunderte, möglicherweise tausend
       Leibeigene arbeiten für sein Betrugsimperium. Nach außen hin, auch auf der
       Online-Plattform X, inszeniert er sich hingegen als Geschäftsmann und
       spendabler Philanthrop.
       
       Nun haben die USA und Großbritannien Sanktionen gegen Chen Zhi verhängt.
       Seine Bitcoins im Wert von über 14 Milliarden Dollar wurden beschlagnahmt,
       ebenfalls 17 seiner Immobilien. Dass er nach wie vor auf freiem Fuß ist,
       hat ganz offensichtlich mit seiner scheinbar unantastbaren Macht zu tun:
       Chen Zhi unterhält beste politische Verbindungen in seiner Wahlheimat in
       Kambodscha, mutmaßlich auch zur aktuellen Regierung unter
       [2][Ministerpräsident Hun Manet] und wie zur vorherigen unter dessen Vater
       Hun Sen, der noch immer den Ton angibt.
       
       Kambodscha und dort vor allem die Region um [3][die Hafenstadt
       Sihanoukville] gilt als das [4][Epizentrum globaler Onlinebetrügereien]
       durch Cybersklaven. Andere Hotspots dieser Cyber-Verbrechensart sind
       [5][die Grenzstadt Myawaddy] in Myanmar sowie [6][die philippinische
       Hauptstadt Manila].
       
       16 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.amnesty.org/en/latest/news/2025/06/cambodia-government-allows-slavery-torture-flourish-inside-scamming-compounds/
 (DIR) [2] /Kambodschas-neue-Familienregierung/!5955254
 (DIR) [3] /Casino-Kapitalismus-in-Kambodscha/!5921768
 (DIR) [4] /UN-Studie-zur-Onlinekriminalitaet/!5953246
 (DIR) [5] /Grenzregion-als-Paradies-fuer-Kriminelle/!5874979
 (DIR) [6] /Cyberbetrug-in-Philippinen/!5943959
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Südkorea
 (DIR) Kambodscha
 (DIR) Cyberkriminalität
 (DIR) Amnesty International
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Philippinen
 (DIR) Schwerpunkt Myanmar
 (DIR) Kryptowährung
 (DIR) Longread
 (DIR) Kambodscha
 (DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Betrugsfabrik in den Philippinen: Alice ist nicht mehr im Wunderland
       
       Gefängnis statt Bürgermeister-Amt: Die philippinische Stadt Bamban verliert
       ihre Bürgermeisterin Alice Guo. Sie ist wegen Menschenhandel verurteilt.
       
 (DIR) Moderne Sklaverei: Cyberkriminalität dank Starlink
       
       Myanmars Junta will bei einer Razzia gegen Onlinebetrug 30 Empfänger von
       Musks Satellitennetzwerk beschlagnahmt haben. Wurden wirklich nur so wenige
       benutzt?
       
 (DIR) Panne beim Paypal-Stablecoin: Aus Versehen 300 Billionen Dollar Kryptoinflation gedruckt
       
       Die Firma Paxos hat versehentlich 300 Billionen US-Dollar Stablecoins für
       den Bezahldienst Paypal erzeugt. Sie verbrannte überschüssige Coins sofort.
       
 (DIR) Liebesbetrug im Netz: With love, emma_watson_2341
       
       Ralf Kohlbrink hat Zehntausende Euro an jemand überwiesen, der sich als die
       Schauspielerin Emma Watson ausgab. Ein Fall von Love Scamming.
       
 (DIR) Transnationale Kriminalität: Onlinebetrug als Goldesel von Kambodschas Elite
       
       Die politische Elite ist Experten zufolge mit international agierenden
       Onlinebetrugszentren verflochten und geht deshalb nicht ernsthaft dagegen
       vor.
       
 (DIR) Pressefreiheit in Kambodscha bröckelt: Kritische Stimme in Haft
       
       Mech Dara ist der führende Investigativjournalist Kambodschas und eine der
       letzten unabhängigen Stimmen des Landes. Jetzt ist er verhaftet worden.