# taz.de -- Warum Bürokratie wichtig ist: Hurra, ein Formular!
> Bürokratieabbau klingt super, doch was, wenn dadurch Menschenrechte
> ausgehöhlt werden? Warum der Wunsch nach mehr Effizienz Vorsicht bedarf.
(IMG) Bild: Auflagen, Verordnungen und Vorschriften nerven, schützen aber unsere Demokratie
Es gibt wohl kein plakativeres Beispiel für die deutsche
Bürokratieverliebtheit als das Fax. Deshalb hier ein paar Funfacts zum Fax
fürs Warten auf den nächsten Termin beim Bürgeramt: Die Berliner
Senatsverwaltung benutzt immer noch 5.333 Faxgeräte. Die werden für die 189
Verwaltungsdienstleistungen genutzt, bei denen eine Faxerfordernis besteht.
Jedes Mal, wenn jemand eine Bestattervollmacht, einen
Wohnberechtigungsschein oder einen Genehmigungsantrag beim
Pflanzenschutzamt beantragt, muss gefaxt werden. Immerhin: Die Faxpflicht
besteht vor allem für interne Abläufe. Das ist gut, denn ich hätte nicht
die leiseste Ahnung, wo oder wie ich ein Fax verschicken kann.
Witze über Faxgeräte spielen in Deutschland in der gleichen Liga wie
Smalltalk über schlechtes Wetter. Bürokratie, das kennen wir alle. Und
niemand, wirklich niemand verbindet damit etwas Gutes. Sie bedeutet: drei
Monate auf einen Termin warten, einen halben Tag freinehmen, verschiedene
ausgedruckte Formulare handschriftlich ausfüllen und dann das, was man
eigentlich wollte, nicht bekommen, weil in der Zwischenzeit der
Personalausweis abgelaufen ist.
Bürokratie assoziieren viele mit Warteschlangen, Anträgen und
schlechtgelaunten Menschen. Für einige bedeutet sie zudem Barrieren und
Diskriminierung. Bürokratie ist so ziemlich das Letzte, mit dem man bei
Menschen Begeisterung auslösen kann.
Das wissen auch rechte Politiker*innen und marktradikale Denkfabriken.
Sie versuchen deshalb, den Begriff Bürokratie zu kapern, auszuhöhlen und
ihre eigene Agenda darin zu verstecken. Unter dem Deckmantel
„Bürokratieabbau“ wollen sie eine massive Deregulierung von Konzernen an
der Öffentlichkeit vorbeischmuggeln.
## Lobbyisten im Sado-Maso-Raum
Ein eindrückliches Beispiel kommt von der INSM, der Initiative Neue Soziale
Marktwirtschaft. Das ist eine Lobbyorganisation, die von den
Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird.
Die INSM lobbyiert seit vielen Jahren gegen jegliche Auflagen für Konzerne.
Besonders auf die Lieferkettengesetze in Deutschland und der EU hatten es
die Lobbyist*innen abgesehen. Diese Gesetze sollten dafür sorgen, dass
große Unternehmen dafür verantwortlich gemacht werden können, wenn ihre
Zulieferer gegen Menschenrechte und Umweltauflagen verstoßen. In der EU
wäre ein konsequentes Lieferkettengesetz zudem ein mächtiges Instrument
gewesen, um Konzerne, die nicht aus Europa kommen, zu Klimaschutz zu
verpflichten, wenn sie ihre Produkte hier verkaufen wollen.
Natürlich hätte das Lieferkettengesetz aber auch Bürokratie in Form von
Auflagen, Berichtspflichten und Prüfungen bedeutet. Um dagegen Stimmung zu
machen, errichtete die INSM vor zwei Jahren eine Art Pop-up-Ausstellung in
Berlin, das „Bürokratiemuseum“ mit verschiedenen Installationen. Darunter –
kein Scherz – ein Sado-Maso-Raum. Dazu die Zeile: „Der aktuellste
Peitschenhieb: Das Lieferkettengesetz.“
Im Hauptraum stand eine weitere Installation, der Bürokratievernichter. Ein
Papierschredder, in dem man vermeintlich störende Bürokratie zerhäckseln
konnte – [1][Lieferkettengesetz] lag ausgedruckt daneben bereit. Mit dem
Bürokratievernichter war die INSM 2024 auch auf dem CDU-Parteitag
vertreten. Einer, der sich mit der Maschine ablichten ließ: Friedrich Merz.
Er selbst war Gründungsmitglied des Fördervereins der INSM.
Genau an dieser Stelle müssen wir anfangen, Bürokratie besser zu
differenzieren als in Smalltalkwitzen über Faxgeräte. Natürlich gibt es
Bürokratie, die völlig unnötig ist und für die es keinen anderen Grund
gibt, als „haben wir immer schon so gemacht“.
## Regularien, die nicht ausführlich genug sein können
In Deutschland gibt es 16 verschiedene Baugesetze mit unterschiedlichen
Regeln zum Brandschutz, zu Autostellplätzen oder zur Barrierefreiheit.
Jedes Bundesland bastelt zudem an eigenen IT-Lösungen, die häufig nicht
miteinander kompatibel sind. Das ist ineffizient, führt zu langen
Wartezeiten und Frust.
Natürlich gibt es Bürokratie, die uns zurückhält und gesellschaftliche und
technologische Innovationen bremst. Sie sollte unbedingt abgebaut werden.
Davon würden viele profitieren: das Klima, kleine und mittlere Unternehmen
und nicht zuletzt die Menschen auf Ämtern an beiden Tischseiten.
Schützende Bürokratie hingegen hat viel mit Demokratie und unserer
Verfassung zu tun. Sie begrenzt die Macht einzelner Menschen sowie
politischer und juristischer Instanzen. Nicht umsonst haben die Alliierten
die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg mit Bürokratie und Regularien
überschüttet.
Sollte die AfD bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt im September an die Macht
kommen, werden wir um jede Verordnung froh sein, die die Rechtsextremen
ausbremst. Das Verwaltungsverfahrensgesetz (VwVfG) etwa stellt sicher, dass
unliebsamen Vereinen und Initiativen nicht einfach so die Förderung
entzogen werden kann. Und die 44 Paragrafen im Staatsvertrag über den MDR,
an den sich auch eine AfD-Landesregierung halten müsste, könnten im Falle
eines Wahlsiegs gar nicht ausführlich genug sein.
Gute Bürokratie ist auch, wenn Konzerne dazu gezwungen werden, Klimaschutz
voranzubringen oder zumindest transparent zu machen, wenn sie es nicht tun.
Wenn sie ihre Treibhausgasemissionen nach Scope 1, 2 und 3 berichten
müssen. Oder wenn eine Güllegrube mindestens 50 Meter entfernt von einem
Trinkwasserbrunnen liegen muss – so steht es in Paragraf 51 der Verordnung
über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen.
Dass eine Grube bei einem Abstand von 43 Metern nicht von der zuständigen
Behörde genehmigt würde, kann man als kleinliche deutsche Beamtenmentalität
betrachten – oder eben als Schutz von Bürger*innen.
## Das Faxgerät als Symbol der Resilienz
Diejenigen, die gerade am lautesten nach Bürokratieabbau schreien, wollen
nicht die Wartezeit auf dem Amt verringern, sondern die Kontrolle über
Konzerne. Und sind damit bereits erfolgreich. So bewirkte [2][im November]
eine Allianz aus Lobbyist*innen, Rechtsextremen und Konservativen – unter
Leitung von CSU-Mann Manfred Weber – eine fundamentale Abschwächung des
EU-Lieferkettengesetzes. Gleichzeitig besiegelte die gemeinsame Abstimmung
das Ende der Brandmauer gegen AfD und Co im EU-Parlament.
Wenn jemand Bürokratieabbau sagt, sollten wir in Zukunft ganz genau
hinhören, welche Bürokratie eigentlich gemeint ist. Ich persönlich würde
lieber lernen, [3][wie man Faxgeräte bedient], als zu wissen, dass Konzerne
mit fossilen Geschäftsmodellen Menschen und Ökosysteme nach Belieben
ausbeuten können. Oder zu sehen, wie sich die AfD darüber freut, wenn in
Verwaltungen so viel Personal abgebaut wird, dass diese ihre
Kontrollfunktionen nicht mehr ausreichend ausführen können.
In der stoischen Genauigkeit unserer Behörden und ja, vielleicht sogar in
Faxgeräten, steckt auch eine Resilienz gegenüber denen, die nicht nur
unsere Bürokratie vernichten wollen, sondern unsere Demokratie gleich mit.
Transparenzhinweis: In einer vorherigen Version des Textes wurde die
Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft fälschlicherweise als Institut
bezeichnet. Außerdem schrieben wir, sie werde „vor allem“ von den
Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert. Richtig
ist, dass sie ihr Geld ausschließlich von ihnen erhält. Wir haben beide
Fehler korrigiert.
28 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Test-fuers-Lieferkettengesetz/!6162831
(DIR) [2] /EU-Parlament-schwaecht-Lieferkettengesetz/!6129590
(DIR) [3] /Technischer-Fortschritt/!5606787
## AUTOREN
(DIR) Julien Gupta
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