# taz.de -- Gemeinschaftsschulen in Berlin: Die Schulsystemfrage
> Grüne, Linke und die SPD wollen die Zahl der Gemeinschaftsschulen
> verdoppeln. Auch zivilgesellschaftliche Bündnisse fordern mehr
> gemeinsames Lernen.
(IMG) Bild: Zusammen lernt es sich besser: Schüler:innen in einer Gemeinschaftsschule in Neukölln
Der Übergang von der sechsten in die siebte Klasse passiert an
Gemeinschaftsschulen ganz geräuschlos. Die Schüler*innen können nach dem
Ende der Grundschulzeit einfach an ihrer Schule weiterlernen. Ein großer
Unterschied zu den Gymnasien und Integrierten Sekundarschulen (ISS): Für
Sechstklässler*innen und ihre Eltern waren es harte Monate mit großem
Zittern, an welcher Schule es für sie nach den Ferien weitergeht. Der
Stress [1][fängt für viele schon in der fünften Klasse an, weil bessere
Noten auch größere Chancen auf die „Wunschschule“] bedeuten. Doch ein Platz
an einer beliebten Schule ist schwer zu ergattern, da sich an diesen
Schulen besonders viele Schüler*innen bewerben. Und neben großer
Enttäuschung und möglicherweise Trennung von Freund*innen drohen nach den
Ferien teils lange Schulwege in andere Bezirke.
Mareike Wirnhier hat Kinder auf der Emanuel-Lasker-Gemeinschaftsschule in
Friedrichshain und engagiert sich dort in der Elternvertretung. Dem Rummel
um die Schulplätze konnten sie daher entgehen. Ein großer Vorteil – aber
die Schulform biete noch viel mehr, sagt sie. „Die Gemeinschaftsschulen
eröffnen die Möglichkeit, Kinder wirklich von der ersten Klasse an zu
begleiten und sie in ihren Fähigkeiten zu unterstützen“, sagt Wirnhier.
Demokratiebildung stünde von Anfang an im Mittelpunkt und zwar ganz
praktisch, durch das gemeinsame Lernen. „Dass Kinder und Jugendliche mit so
einem Querschnitt umgehen können und sich gegenseitig schätzen lernen, das
nehmen sie mit in ihr späteres Leben und in den Beruf“, sagt Wirnhier.
Doch die Grundidee dieser Schulform, einen inklusiven Querschnitt durch die
Gesellschaft zu bilden, sieht sie durch das aktuelle Schulsystem
torpediert. „Solange es Gymnasien gibt, funktioniert das nur so halb“,
kritisiert Wirnhier. Denn damit fehlten die leistungsstarken Schüler*innen.
„Es ist auch ein Trugschluss, dass sie an Gemeinschaftsschulen zu wenig
gefördert werden. Schüler*innen lernen auch dadurch, dass sie anderen
etwas vermitteln und erklären“, sagt sie.
Diese Arbeitsweisen und dieser Ansatz sollte aber auch von der Grundschule
an gelernt und eintrainiert sein. „Dabei schulen sie auch noch ihre
sozialen Fähigkeiten, nicht nur die kognitiven“, sagt sie und kritisiert
gleichzeitig die Kriterien, nach denen Sechstklässler*innen verteilt
werden: „Was soll daran selbstverständlich sein, dass Kinder nach Noten
ausgewählt werden? [2][Es ist menschlich und pädagogisch Unsinn]“, sagt
Wirnhier.
## Geld entscheidet über Chancen
„Ein Großteil der Schülerinnen und Schüler kriegt nicht die Chance, die
ihnen zusteht“, sagt Franziska Brychcy, bildungspolitische Sprecherin der
Linken-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Ihre Fraktion hat Mitte Juni
Lehrer*innen, Wissenschaftler*innen und Eltern zu einer Tagung
eingeladen, um sich über die Erfahrungen mit Gemeinschaftsschulen
auszutauschen. „Das Geld in der Familie entscheidet weiterhin über den
Schulabschluss“, kritisiert Brychcy dort und fordert: „Wir müssen die
Systemfrage stellen.“
Konkret sieht die Schulsystemfrage laut Brychcy so aus: [3][Berlin soll
keine weiteren neuen Gymnasien bauen und auch nicht gründen.] Gleichzeitig
will die Linke Schulen finanziell bevorzugen und unterstützen, die sich in
eine Gemeinschaftsschule umwandeln wollen. Denn neue Gemeinschaftsschulen
können etwa entstehen, wenn eine Grundschule und eine weiterführende Schule
sich zusammenschließen.
Die Linke will die Zahl der Gemeinschaftsschulen in Berlin verdoppeln, die
Grünen und die SPD haben sich dieses Ziel ebenfalls ins Wahlprogramm
geschrieben. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) will zwar
nicht vom Gymnasium abweichen, sieht die Gemeinschaftsschulen aber
ebenfalls als „wertvolle Schulform“. In ihrer Zeit als Senatorin sind vier
neue entstanden, eine weitere befindet sich in Vorbereitung.
## Gemeinschaftsschulen für alle
Zivilgesellschaftliche Bündnisse gehen sogar noch weiter. Das neu
gegründete Bildungsbündnis meint dezidiert die Gemeinschaftsschulen, wenn
es mehr Inklusion, Demokratie und Bildungsgerechtigkeit fordert. [4][Die
Initiative Berlin Zusammen] nennt Gemeinschaftsschulen als eine ihrer fünf
zentralen Forderungen für die Wahl und meint damit, dass dies die einzige
Schulform in Berlin werden soll. Auch der
Landesschüler*innenausschuss (LSA) fordert Gemeinschaftsschulen für
alle.
„Es ist allgemein zu einem Thema geworden und Teil der Debatte über Bildung
in Berlin“, freut sich Louis Krüger, bildungspolitischer Sprecher der
Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Mit seiner Partei hatte er im Frühjahr
in jedem einzelnen Bezirk Akteur*innen und Interessierte zu Info-Abenden
und Diskussionen über Gemeinschaftsschulen eingeladen. „Dort haben uns etwa
Eltern zurückgemeldet, dass die Schulform noch zu wenig bekannt ist und
dass am besten schon Eltern von Kitakindern mehr Infos dazu bräuchten“,
sagt er.
Eine Erkenntnis sei für ihn auch gewesen, dass die Gemeinschaftsschulen
tatsächlich eine eigene gymnasiale Oberstufe bräuchten oder diese zumindest
im Verbund mit einer anderen Schule anbieten müssten. „Denn sonst haben die
Jugendlichen den Bruch nach der 10. Klasse“, sagt er.
In der Praxis komme es auch darauf an, wie die Schulen das gemeinsame
Lernen umsetzen, sagt Elternvertreterin Wirnhier. „Nicht überall wo
Gemeinschaftsschule draufsteht, ist auch Gemeinschaftsschule drin“, sagt
sie. Zum Beispiel gäbe es Gesamtschulen, die weiter an zwei Standorte
getrennt sind, das sei „eigentlich nicht Sinn der Sache.“ Auch auf Noten
verzichten ihrer Erfahrung nach die wenigsten.
## Die Bezirke sind gefragt
Krüger sagt, dass man Schulen, die sich zu Gemeinschaftsschulen
zusammenschließen wollten, finanziell besonders unterstützen will, um
Nachteile bei einer Fusion auszugleichen. Außerdem brauche es Mittel, um
die Schulen in diesem Prozess zu begleiten.
Die Besucher*innen der Info-Abende habe er als sehr interessiert
erlebt, erzählt Krüger. Viele fragten ihn, wie man in die Umsetzung komme.
Eine Idee sei, den Runden Tisch Gemeinschaftsschulen wieder einzurichten,
den es in der Vergangenheit schon gegeben habe, sagt Krüger „Wir fänden es
gut, wenn der als überparteiliche Struktur entsteht.“
Konkret tätig werden müssen am Ende die Schulen und die Bezirke. So sehr es
ihn freue, wie viele sich der Forderung nach mehr Gemeinschaftsschulen
anschließen, sieht Louis Krüger hier die große Herausforderung. „Es reicht
nicht, sich auf Landesebene dafür auszusprechen. Denn umsetzen müssen es
die Bezirke“, sagt er. Und es brauche die Schulleitungen und Lehrer*innen,
die Gemeinschaftsschulen aufbauen oder ihre Schulen umwandeln wollen. „Da
sind wir auf aktive Schulstadträte angewiesen, die die Idee unterstützen,
und auch auf die Schulkollegien“, sagt er.
30 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/06/berlin-oberschule-wunschschule-schulamt-gymnasium-sekundarschule.html
(DIR) [2] /UNICEF-Studie-zum-Kindeswohl/!6175665
(DIR) [3] /Bilanz-der-Bildungsverwaltung/!6185822
(DIR) [4] /Mehr-Inklusion-gefordert/!6180522
## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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