# taz.de -- Bildungsgerechtigkeit in Berlin: Die Schule, die nicht aussortiert
       
       > Gemeinschaftsschulen wollen in Berlin die enge Verknüpfung von
       > Bildungserfolg und Herkunft aufbrechen. Grüne und Linke drängen auf
       > deutlichen Ausbau.
       
 (IMG) Bild: Deutschstunde in der Neuköllner Ruetlischule: Hier lernen Kinder der Klassenstufen 7 bis 10 gemeinsam
       
       Gemeinschaftsschulen überwinden das, was in Deutschland noch immer die
       himmelschreiendste Ungerechtigkeit im Bildungssystem ist. Sie erreichen die
       „Trennung von Lernerfolg und sozialer Herkunft“, sie durchbrechen also den
       noch immer viel zu fest verbackenen, untragbaren Zusammenhang, dass Kinder
       aus armen oder stark belasteten oder Nichtakademikerfamilien meist
       niedrigere Bildungsabschlüsse erreichen und weniger gut in der Schule
       abschneiden als Kinder aus reichen Familien oder aus Familien, die
       Schulkinder stark fördern können.
       
       Der Satz, der dies feststellt, ist dabei schon alt. Er steht im
       [1][Abschlussbericht zu einer Pilotphase von 2008 bis 2018, in der Berlin
       erste Gemeinschaftsschulen] eingeführt hatte. Gemeinschaftsschulen
       verbinden Grundschulen und weiterführende Schulen, die Kinder lernen ab der
       1. Klasse bis zur 10. Klasse – oder sogar bis zur 13. Klasse zusammen an
       derselben Schule, teils in Gruppen mit gemischten Jahrgängen. Und das hat
       Vorteile: Das haben die Berliner Grünen im vergangenen Jahr noch mal über
       eine Studie publik gemacht, mit der sie [2][die Potenziale dieser Schulform
       untersucht hatten].
       
       Insbesondere zwei Punkte sprechen für die Gemeinschaftsschulen, sagt Louis
       Krüger, bildungspolitischer Sprecher der Grünenfraktion im
       Abgeordnetenhaus. „Für die Schüler*innen fällt der Stress und Druck beim
       Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule weg“, sagt er.
       „Und die Gemeinschaftsschule ist die Schulform, die Bildungsgerechtigkeit
       am besten verwirklicht.“
       
       Dabei sei selbstverständlich, dass auch diese Schulform die entsprechenden
       Ressourcen benötige, um das Konzept sinnvoll umzusetzen. „Die Erfahrung
       zeigt außerdem, dass die kontinuierliche Beziehung zwischen Schüler*innen,
       Lehrer*innen und Eltern dazu beiträgt, dass vieles reibungsloser an
       diesen Schulen läuft“, sagt Krüger.
       
       Aktuell sind 28 der rund 800 allgemeinbildenden Schulen in Berlin
       Gemeinschaftsschulen, wobei wichtig ist, dass Gemeinschaftsschulen meist
       vergleichsweise große Schulen sind. Die Grünen wollen die Zahl der
       Gemeinschaftsschulen bis 2030 auf rund 50 verdoppeln.
       
       Das könne auf drei Wegen geschehen, erklärt Krüger. Grundschulen könnten
       weitere Jahrgänge einrichten und so zu einer Gemeinschaftsschule
       „aufwachsen“, dazu bräuchte es meist ein neues Gebäude – oder eine Schule
       könnte auch den Umstand nutzen, dass die Geburten zurückgehen. Möglich sei
       auch, dass eine Grundschule und eine weiterführende Schule sich zu einer
       Gemeinschaftsschule zusammentun, ein Prozess, der auch schon mal zehn Jahre
       dauern könne, weil zwei Schulen sich einig werden müssten. Am einfachsten
       sei es aber, wenn neue Schulen direkt als Gemeinschaftsschulen entstünden.
       
       Die Grünen werfen der CDU-SPD-Koalition vor, dass sie den Ausbau von
       Gemeinschaftsschulen blockieren, und das „trotz großer Nachfrage von Eltern
       und Schulen“. „Unter der rot-grün-roten Koalition gab es Mittel für
       Schulen, die zu Gemeinschaftsschulen fusionieren wollten, oder um den
       Prozess einer Umwandlung zu begleiten“, sagt Louis Krüger. „Die wurden von
       der aktuellen Koalition gestrichen“, kritisiert er.
       
       Außerdem sollten die Schulaufsichten aktiv auf Schulen zugehen, um sie über
       den Weg hin zu einer Gemeinschaftsschule zu informieren. Auch das
       Landesinstitut, an dem Schule für Berlin weiterentwickelt werden soll,
       könnte Fortbildungen dazu anbieten. „Wir sehen nicht, dass die
       Senatsverwaltung politisch darauf hinarbeitet, Gemeinschaftsschulen zu
       stärken und auszubauen“, sagt er. Die Bildungsverwaltung verweist dagegen
       auf zuletzt neu entstandene Gemeinschaftsschulen und den Bau einer großen
       in Adlershof, der kurz vor dem Abschluss steht.
       
       Um der Debatte neuen Schwung zu verleihen, laden die Grünen in den
       kommenden Wochen in allen Bezirken zu Diskussionsrunden ein. Dort wollen
       sie die Ergebnisse aus ihrer Potenzialstudie noch mal vorstellen, aber vor
       allem auch mit den Akteur*innen vor Ort ins Gespräch kommen – mit
       Bezirksbürgermeister*innen, Politiker*innen, Schulen, Lehrer*innen und
       Eltern. „Wir Grünen und auch die Linkspartei setzen uns schon lange für
       mehr Gemeinschaftsschulen ein“, sagt Krüger. Seine Vorstellung ist, dass
       SPD, Linke und Grüne das dann „als gemeinsames politisches Projekt“
       weiterverfolgen.
       
       Wie die Grünen sieht auch die Linke die Gemeinschaftsschule als „Schule der
       Zukunft“. „Dass es dort Beurteilungen statt Noten gibt, das ist ein
       pädagogisches Konzept, das die Lernmotivation erhält. Das ist auch wichtig
       für das spätere Leben und den Beruf“, sagt Franziska Brychcy,
       bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus.
       Gemeinschaftsschulen glichen soziale Unterschiede aus, sie seien die
       Schulform, an der „Bildungsaufstieg möglich ist“.
       
       Dabei sei es wichtig, das pädagogische Konzept ernst zu nehmen und gute
       Bedingungen dafür zu schaffen. Wenn etwa Schulen in der Unterstufe
       dreizügig seien, in der Oberstufe aber sechszügig, würden zu viele neue
       Kinder hinzukommen, die nicht mit den Gegebenheiten vertraut seien. Dann
       müsse die Politik nachsteuern und die Schulplatzprobleme anders lösen,
       fordert sie. „Das Interesse ist doppelt so groß wie die verfügbaren
       Plätze“, sagt Brychcy. „Die CDU argumentiert beim Gymnasium oft mit dem
       Elternwillen, ich würde mir wünschen, dass sie den bei den
       Gemeinschaftsschulen genauso ernst nehmen.“
       
       Auch bei der SPD seien sie für neue Gemeinschaftsschulen, sagt Maja Lasić,
       bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. „Ein Schritt ist aber noch
       dringender: erst einmal sollten alle Integrierten Sekundarschulen auch eine
       eigene Oberstufe haben, oder zumindest im Verbund mit einer anderen
       Oberschule“, sagt sie. Nur so könnte das Versprechen eingelöst werden,
       jeder Abschluss an jeder Schule sei auch tatsächlich ohne Schulwechsel
       möglich. „Wenn wir nur die Gemeinschaftsschulen ausbauen, ohne uns um die
       ISS ohne eigene Oberstufe zu kümmern, so wie die Grünen es fordern, ziehen
       wir eine weitere Säule ins System ein“ kritisiert sie.
       
       Wie viele Kinder und Jugendliche derzeit in Berlin auf eine
       Gemeinschaftsschule gehen, das lässt sich gar nicht so leicht aus den
       offiziellen Statistiken herauslesen. Denn dort taucht die
       Gemeinschaftsschule meist mit einem Schrägstrich getrennt als Nebenform zur
       Integrierten Sekundarschule (ISS) auf. Knapp 26.000 Schüler*innen seien
       es derzeit, sagt die Bildungsverwaltung, 9,4 Prozent der Erstklässler
       wurden im vergangenen Schuljahr direkt an Gemeinschaftsschulen eingeschult.
       „Die Bildungsverwaltung könnte das schnell ändern und diese Schulform
       getrennt ausweisen“, fordert Krüger. Das mache es leichter, die Erfolge
       oder Probleme von Gemeinschaftsschulen zu erkennen.
       
       3 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.berlin.de/sen/bildung/schule/bildungswege/gemeinschaftsschule/#headline_1_8
 (DIR) [2] https://gruene-fraktion.berlin/wp-content/uploads/2025/07/250719_FiBS_GMS_Abschlussbericht.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uta Schleiermacher
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Gemeinschaftsschule
 (DIR) Bildungschancen
 (DIR) Chancengleichheit
 (DIR) Bildungspolitik
 (DIR) Schule
 (DIR) Grüne Berlin
 (DIR) Diskussion
 (DIR) Abgeordnetenhauswahl 2026
 (DIR) Bildungssystem
 (DIR) Grüne Berlin
 (DIR) Integrierte Sekundarschule
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kinder benachteiligter Familien: Wenn die Kita schon zu spät ist
       
       Eine Langzeitstudie zeigt, wie stark soziale Ungleichheiten bereits im
       Alter von zwei Jahren sichtbar werden. Was muss der Staat tun?
       
 (DIR) Gemeinschaftsschulen in Berlin: Bildungsmodell der Zukunft kommt nicht vom Fleck
       
       Die Berliner Grünen fordern deutlich mehr Tempo beim Ausbau der
       Gemeinschaftsschulen. Bis 2031 soll sich deren Zahl mehr als verdoppeln.
       
 (DIR) Bildungspolitik in Berlin: Kritik an Schulplatzvergabe
       
       Zwei Schulverbände kritisieren das Verfahren, mit dem Schüler*innen auf
       weiterführende Schulen verteilen werden. Dies würde Gymnasien entlasten.