# taz.de -- Kap Verde: Kicken, um endlich gesehen zu werden
       
       > Zum ersten Mal nimmt Kap Verde an einer Fußball-WM teil. Der afrikanische
       > Inselstaat will mehr Tourismus, mehr Investitionen und ein besseres
       > Image.
       
 (IMG) Bild: Vor dem großen Auftritt: das Team Kap Verde beim Training in den USA
       
       Praia ist die Hauptstadt von [1][Kap Verde], und hier geht es gemächlich
       zu. Auf den Straßen gibt es kaum Verkehr, in den Cafés der Altstadt findet
       man immer einen Platz. Doch in der Geschäftsstelle des Fußballverbandes
       kann von Gemächlichkeit keine Rede sein. Auf dem Schreibtisch von Mário
       Semedo stapeln sich Akten, Broschüren, Bücher. Dahinter steht ein
       Rollkoffer, als befände sich Semedo gerade auf dem Sprung.
       
       „Wir haben so viel Arbeit wie nie zuvor“, sagt Semedo, der seit 1999
       Präsident des Fußballverbandes von Kap Verde ist. „Aber es ist eine schöne
       Arbeit. Unser Verband hat eine historische Chance.“ Kap Verde, eine
       Inselgruppe im Atlantischen Ozean mit 500.000 Einwohnern, liegt geografisch
       im Abseits, stößt aber nun auf die politische Weltkarte vor. Zum ersten Mal
       nimmt Kap Verde an der Fußball-WM teil.
       
       Im Büro von Mário Semedo sind auf einer Collage zwei historische
       Persönlichkeiten abgebildet: [2][Nelson Mandela] und [3][Amílcar Cabral],
       eine prägende Figur in der Unabhängigkeitsbewegung von Kap Verde aus den
       1960er Jahren. Neben der Geschäftsstelle liegt das Estádio da Várzea, ein
       kleines Stadion mit Betontribünen. Hier wurde am 5. Juli 1975 zum ersten
       Mal die Flagge von Kap Verde gehisst, für die Unabhängigkeit von der
       Kolonialmacht Portugal. „Unser Land hat sich gut entwickelt“, sagt Semedo.
       „Aber jetzt können wir in eine neue Dimension vorstoßen.“ Am Montag
       bestreitet Kap Verde das erste WM-Spiel in Atlanta gegen Spanien.
       
       ## Das Fifa-Geld wird für Reisekosten gebraucht
       
       Der Fußballverband von Kap Verde hat 20 Mitarbeitende. Für Auswärtsspiele
       auf dem afrikanischen Kontinent gibt es kaum direkte Flugverbindungen,
       daher gehen 70 Prozent des Etats für Reisekosten drauf. Als WM-Teilnehmer
       erhält der Verband von der Fifa 12,5 Millionen Dollar. Ein großer Teil
       davon fließt in die Turnierkosten: Hotels, Flüge, Ausstattung. Doch Mário
       Semedo möchte auch in die Zukunft investieren, in Trainingskurse und
       Talentschulen. Dennoch sind die sportlichen Strukturen auf den Inseln
       selbst nicht wettbewerbsfähig. Noch nicht.
       
       Rund eine Million Menschen kapverdischer Herkunft leben in der Diaspora.
       Fast alle Nationalspieler von Kap Verde sind Kinder oder Enkelkinder von
       Auswanderern. Sie sind mit ihren Klubs nahezu auf allen Kontinenten aktiv.
       Logan Costa spielt für [4][Villarreal] in Spanien, Steven Moreira für
       Columbus Crew in den USA, Ryan Mendes für Igdir in der Türkei. Andere
       Spieler sind in Zypern, Saudi-Arabien oder Russland unter Vertrag.
       
       „Der Fußballverband sucht mit Scouts auf der ganzen Welt nach Spielern mit
       kapverdischen Wurzeln“, sagt der Journalist Victor Hugo Fortes, der für den
       nationalen Fernsehsender von Kap Verde die Länderspiele kommentiert.
       „Inzwischen bringen Familien ihre Söhne beim Verband auch selbst ins
       Gespräch.“
       
       Dieses System hat seinen Ursprung Anfang des Jahrtausends. Der Stürmer
       Lito, geboren in Kap Verde, aber sozialisiert in Portugal, entschied sich
       2002 für das Nationalteam von Kap Verde, als einer der ersten Topspieler
       überhaupt. Schritt für Schritt dehnte der Verband sein Netzwerk aus, vor
       allem auf Frankreich und die Niederlande, wo jeweils rund 25.000 Menschen
       kapverdischer Herkunft leben.
       
       Anfangs gab es Hürden. 2019 wandte sich der damalige Nationaltrainer von
       Kap Verde, Rui Águas, über soziale Medien an den Spieler Roberto Lopes,
       genannt Pico, der in Irland aufgewachsen ist. Pico, dessen Vater aus Kap
       Verde stammt, nahm die Nachricht nicht ernst. Monate später versuchte es
       der Trainer erneut. Inzwischen gehört Pico zu den wichtigsten Spielern der
       Mannschaft.
       
       ## Kampf um kulturelle Eigenständigkeit
       
       Als Nationaltrainer bemüht sich seit 2020 Pedro Leitão Brito, bekannt als
       Bubista, um eine gemeinsame Identität. Er macht sich dafür stark, dass alle
       Spieler die [5][kreolische Sprache] erlernen, eine Mischform von
       portugiesischen und westafrikanischen Elementen. „In Kap Verde gilt Kreol
       als Symbol der kulturellen Eigenständigkeit“, sagt Victor Hugo Fortes. „Der
       Trainer glaubt, dass die Spieler sich damit in die Geschichte ihrer
       Vorfahren hineinversetzen können.“
       
       Trotzdem sind die Kapverdischen Inseln, die ab dem 15. Jahrhundert von
       portugiesischen Seefahrern besetzt und lange als Zwischenstation für
       [6][Sklaven] genutzt wurden, noch heute mit der früheren Kolonialmacht
       verbunden. In Gesetzgebung, Handel, Bildung: Kap Verde orientiert sich an
       Portugal. Auch im Fußball.
       
       Es waren portugiesische Händler, die das Spiel in den 1910er Jahren auf den
       Inseln einführten. In ihren ersten Fußballvereinen durften Schwarze
       Menschen, die Nachfahren von Sklaven, zunächst nicht mitspielen. Als es
       ihnen einige Jahrzehnte später dann doch gestattet war, wurden sie von
       Kolonialbeamten überwacht, aus Sorge vor einem organisierten Widerstand.
       
       Ab den 1940er Jahren schickte das portugiesische Regime die Fußballklubs
       aus Lissabon auf „Pilgerreisen“ in die Kolonien, auch nach Kap Verde.
       „Diese Besuche sollten das Herrschaftssystem weniger streng erscheinen
       lassen“, sagt der Sozialwissenschaftler Nuno Domingos von der Universität
       Lissabon. Insbesondere Benfica Lissabon holte talentierte Spieler aus den
       Kolonien nach Europa. „Die Menschen in Afrika sollten den Eindruck
       gewinnen, dass auch sie es zu Wohlstand bringen können“, sagt Domingos.
       „Dafür mussten sie sich aber unterordnen und ihre Traditionen aufgeben.“
       
       Als Portugal Kap Verde 1975 in die Unabhängigkeit entließ, lebten 75
       Prozent der Menschen auf den Inseln in Armut. In den folgenden Jahren
       wanderten Zehntausende Menschen aus Kap Verde nach Portugal aus, in der
       Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Folgen waren auch im Fußball spürbar.
       [7][2016 gewann Portugal] die Europameisterschaft. Sieben der 23 Spieler
       hatten Wurzeln in früheren Kolonien, allein vier von ihnen in Kap Verde.
       
       ## Mit Fußball gegen Traumatisierung. Und gegen Drogen
       
       Nach dem EM-Sieg strömten auch in den früheren Kolonien Tausende auf die
       Straßen, viele von ihnen trugen das portugiesische Nationaltrikot. Solche
       Jubelbilder verleiteten Politiker aus dem [8][rechten Lager in Portugal] zu
       der Aussage, dass die Kolonialzeit gar nicht so schlimm gewesen sei. Und
       sie warnten in diesem Zusammenhang vor einer „weiteren Überfremdung“
       Portugals.
       
       Trotzdem gilt Portugal für viele Menschen in Kap Verde als das große Ziel.
       Auf den Inseln gibt es kaum Industrie, die Arbeitslosenquote bei jungen
       Erwachsenen liegt um die 25 Prozent. „Viele junge Leute, die es nicht
       rausschaffen, fühlen sich als Verlierer“, sagt der Sozialarbeiter Florian
       Wegenstein. „Mit Fußball können sie eine positive Geschichte schreiben.“
       
       Seit 25 Jahren betreibt der Österreicher Wegenstein in der kapverdischen
       Kleinstadt Tarrafal ein Bildungszentrum: Delta Cultura. Von Jahr zu Jahr
       wuchs das Angebot. Nachhilfe, Informatikkurse, Fortbildungen für
       Schneiderinnen. Besonders beliebt: das Fußballtraining. Zwischen den
       Spielen können die Jungen und Mädchen mit einer Psychologin ins Gespräch
       kommen, sagt Wegenstein: „Viele der Kinder und Jugendlichen sind
       traumatisiert.“
       
       Was sind die Ursachen? Kap Verde gilt im internationalen Drogenschmuggel
       als Knotenpunkt. Auf der Transitroute von Kolumbien nach Europa wird Kokain
       auf den Inseln zwischengelagert. Ein Teil verbleibt als Prämien für Gangs
       in Kap Verde. Die Folgen in der Hauptstadt Praia: Gewalt, Raubüberfälle,
       Revierkämpfe. „Dem müssen wir etwas entgegensetzen“, sagt Florian
       Wegenstein.
       
       Zum Beispiel den Fußball. Die Nationalmannschaft könnte nun bei der WM eine
       Aufmerksamkeit erzeugen, die mehr Touristen und Investoren auf die Inseln
       lockt. Oder wie es Mário Semedo, der Präsident des Fußballverbandes,
       formuliert: „Die WM ist das perfekte Nationbranding.“
       
       14 Jun 2026
       
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