# taz.de -- Aus dem Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Auch im Fußball menschelt es
       
       > Es hagelt Kritik an leeren Plätzen in den angeblich ausverkauften
       > WM-Stadien. Dabei gehören die zu den Geschichten, wie sie nur der Fußball
       > schreibt.
       
 (IMG) Bild: Nur mal kurz austreten? Es gibt sicher gute Gründe für die leeren Sitze beim Spiel Katar gegen Schweiz
       
       ## 13. Juni 2026
       
       Mit großer Dankbarkeit schreibe ich diese Zeilen. Denn ich hatte das
       Privileg, in allen drei Gastgeberländern dieses Turniers an den
       Eröffnungsfeiern teilzunehmen. Noch kein Fifa-Präsident vor mir hat eine WM
       gleich dreimal eröffnet. Dieser Einzigartigkeit bin ich mir sehr wohl
       bewusst.
       
       Was viele aber nicht wissen und was auch ich angesichts dieses in der
       Menschheitsgeschichte einmaligen Ereignisses bisweilen vergesse: Auch ein
       Gianni Infantino ist letztlich nichts anderes als ein Mensch. Menschliche
       Bedürfnisse sind auch einem Fifa-Präsidenten nicht fremd. Er isst, trinkt,
       schläft und muss bisweilen auch sanitäre Anlagen aufsuchen. Ist das der
       Fall, muss er den Platz verlassen, den er bis dahin eingenommen hat.
       
       Dieser Platz ist dann für eine gewisse Zeit nicht besetzt. Sollte eine
       Fernsehkamera genau jenen Moment einfangen, in dem der Inhaber dieses
       Platzes gerade woanders im Stadion unterwegs ist, dann wäre nichts als ein
       leerer Sitz im Bild. Wer diese Bilder nutzt, um eine Generalkritik an der
       Fifa vom Stapel zu lassen, dem fehlt jedes Verständnis für menschliche
       Bedürfnisse.
       
       Ich verstehe, dass sich viele Menschen Gedanken machen, wenn sie leere
       Plätze in einem WM-Stadion sehen. Welches Kind auf dieser Erde träumt nicht
       davon, einmal im Leben ein Spiel zwischen Südkorea und Tschechien zu sehen?
       Und wer würde nicht alles in Bewegung setzen, um ins Stadion zu gelangen,
       wenn er erfahren würde, dass er das Recht zugelost bekommen hat, eine Karte
       für die Partie Katar gegen die Schweiz zu kaufen? Auch ich bin glücklich,
       dass ich diesem Spiel beiwohnen durfte. Aber gerade wer sich etwa aus der
       Mongolei auf den weiten Weg nach Guadalajara gemacht hat, der hat
       vielleicht irgendwann Hunger.
       
       Natürlich könnte sich die Fifa dafür sorgen, dass in den Stadien weder
       Getränke noch Speisen angeboten werden, solange das Spiel läuft, damit es
       nur ja keinen Grund gibt, seinen Sitzplatz zu verlassen. Stewards und die
       wunderbaren Volunteers könnten darauf achten, dass Fans, die sich einmal
       gesetzt haben, ihren Platz nicht mehr verlassen. Auf den Fernsehbildern
       wären dann stets gut gefüllte Tribünen zu sehen. Aber wollen wir das? Ist
       das unser Ziel? Oder geht es nicht vielmehr auch darum, den Menschen, die
       viel Geld dafür bezahlt haben, damit sie mit unserem Namen auf ihren
       Produkten werben können, zu ermöglichen, genau diese Produkte in den
       Stadien verkaufen zu lassen.
       
       Meine Eltern haben fast ihr ganzes Leben lang einen Kiosk betrieben. Auch
       ich habe dort, als ich noch Schüler war, ausgeholfen und bisweilen Getränke
       verkauft, deren Hersteller heute zu den großen Partnern des Fußballs
       gehören. Das ist für mich eine Geschichte, wie sie nur der Fußball
       schreibt. Mögen andere einen Skandal sehen, ich bin ich immer auch ein
       wenig gerührt, wenn ich eine leere Sitzschale in einem Stadion sehe.
       
       14 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gianni Infantino
       
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